Paris Hat Gérard Depardieu Frauen begrabscht? Wofür der Filmstar vor Gericht steht – und was er erwidert
Am Montag beginnt ein Prozess gegen Gérard Depardieu – wegen des Vorwurfs der sexuellen Übergriffe durch zwei Klägerinnen bei einem Filmdreh. Insgesamt beschuldigen mehr als 20 Frauen den Starschauspieler des groben Fehlverhaltens bis hin zur Vergewaltigung. Der Filmstar hingegen spricht von „Lynchjustiz“.
Er galt als Kino-Ikone, Ausnahme-Schauspieler, Star mit Weltruhm. Doch genau dieser Sonderstatus könnte Gérard Depardieu ermöglicht haben, sich gegenüber Frauen alles herauszunehmen – obszöne Kommentare und Gesten, sexuelle Belästigung und Nötigung, sogar Vergewaltigung. Mehr als 20 Frauen haben ihm in den vergangenen Jahren gegenüber der französischen Justiz oder in der Presse entsprechende Vorwürfe gemacht.
Am Montag steht der 76-Jährige wegen den Anschuldigungen zweier Klägerinnen vor Gericht. Sollte der zwei Tage dauernde Prozess eigentlich schon im vergangenen Herbst stattfinden, so wurde er aus gesundheitlichen Gründen verschoben. Nun aber heißt es von Depardieu, der an Diabetes leidet und einen vierfachen Bypass hat, er sei verhandlungsfähig.
Konkret geht es um Ereignisse während der Dreharbeiten zum Film „Les volets verts“ („Die grünen Fensterläden“) von Regisseur Jean Becker im Jahr 2021. Eine Dekorateurin beschuldigt Depardieu, sie „brutal gepackt“ und an Taille, Bauch und Brust berührt zu haben. Auch eine Regieassistentin wirft ihm vor, er habe ihre Brüste und ihren Po betatscht. Dem Darsteller drohen bis zu fünf Jahre Haft und eine Geldbuße von 75.000 Euro.
Sein Anwalt Jérémie Assous, bekannt für seine Streitlust und Unnachgiebigkeit, spricht von Lügen, die er widerlegen werde. Die Dreharbeiten hätten mit rund 50 Anwesenden in einer kleinen Pariser Wohnung stattgefunden und es gebe dennoch keine Zeugen, die die Aussagen der Klägerinnen stützten, so Assous. Ja, räumte er in einem Fernsehinterview ein, sein Mandant „hat die Neigung, eine große Zahl an Grobheiten von sich zu geben“. Das sei jedoch nicht illegal. Depardieu könne mal unflätig fluchen, dann wieder den Autor Racine oder den Cyrano de Bergerac, den er einst im gleichnamigen Film spielte, zitieren.
Allerdings gibt es inzwischen eine ganze Serie belastender Berichte, die die französische Investigativ-Online-Zeitung „Mediapart“ vor zwei Jahren veröffentlicht hat; die Zahl der Betroffenen ist seitdem noch gewachsen. In einer umfangreichen Reportage erzählten Frauen von ihren traumatisierenden Erfahrungen an verschiedenen Filmsets mit Depardieu: Demnach begrapschte und bedrängte er systematisch Maskenbildnerinnen oder Schauspielerinnen, die verzweifelt versuchten, ihm aus dem Weg zu gehen.
Beschwerden wurden meist übergangen. „Hab’ dich nicht so, das ist halt Gérard“, lautete oft die Antwort. Für die Produzenten war er unverzichtbar: Manche Filme konnten nur aufgrund seiner Teilnahme gedreht werden, weil „Gégé“, wie ihn seine Freunde nennen, die Massen in die Kinos lockte. In rund 250 Filmen spielte er, darunter Klassikern wie „Die Ausgebufften“ und „Die letzte Metro“. Auch gab er den Obelix in mehreren Asterix-Filmen.
So wurde er als einzigartiges „Enfant terrible“ behandelt, dem man verzieh, wenn er betrunken einen Roller-Unfall baute oder in ein Flugzeug urinierte. Es wurde höchstens als kurios belächelt, als ihm Präsident Wladimir Putin 2013 persönlich die russische Staatsbürgerschaft verlieh und Depardieu im selben Jahr als Reaktion auf eine Debatte um die Einführung einer Reichensteuer eine Villa in Belgien an der Grenze zu Frankreich kaufte; weil er dort aber möglicherweise nicht lebte, ermitteln nun die Steuerbehörden.
Erst seit 2018 beginnt sich der Wind gegen ihn zu drehen. Damals erstattete die Schauspielerin Charlotte Arnould Anzeige gegen Depardieu wegen zweimaliger Vergewaltigung in seiner Pariser Prachtwohnung. Ein erstes Verfahren wurde aus Mangel an Beweisen eingestellt, ein weiteres erneut eröffnet.
Ende 2023 sorgte eine Film-Reportage mit Ausschnitten einer Reise Depardieus nach Nordkorea für einen Aufschrei: Sie dokumentierte seine unablässigen obszönen Bemerkungen über Frauen und sogar über ein etwa zehnjähriges Mädchen auf einem Pferd. Reitende Frauen seien „große Schlampen“, sagte er etwa. Anlässlich weiterer Enthüllungen über sein Verhalten bei dieser Reise bezeichnete ihn die Zeitung „Libération“ als „fetten Widerling“.
Der Schauspieler selbst verteidigte sich in einem offenen Brief, er habe „niemals, wirklich niemals“ einer Frau etwas angetan. Er sei Opfer einer „medialen Lynchjustiz“.