Osnabrück Mechthild Möllenkamp: Sonntags war der Männeranteil im Supermarkt hoch
Dürfen kleine Supermärkte künftig weiter sonntags drei Stunden öffnen? Das ist derzeit ungewiss. Die Osnabrückerin Mechthild Möllenkamp hat sich vor fast 20 Jahren für die Sonntagsöffnung von Supermärkten starkgemacht. So blickt sie heute auf die Diskussion.
Auf vier Jahrzehnte im Einzelhandel kann die Osnabrückerin Mechthild Möllenkamp zurückschauen. So lange führte sie mehrere Edeka-Märkte in Osnabrück und ist heute, im Ruhestand, weiterhin Präsidentin des Handelsverbands Niedersachsen-Bremen.
Sie war es auch, die sich vor fast 20 Jahren dafür starkgemacht hat, dass kleine Supermärkte in Niedersachsen sonntags drei Stunden öffnen dürfen. „Das Thema Nahversorgung ist mir sehr wichtig und hat meine komplette Berufslaufbahn geprägt“, sagt Möllenkamp. Und die Sonntagsöffnung ist für sie genau das: eine Stärkung eben jener Nahversorgung in den Stadtteilen.
Das steht für Möllenkamp nun auf dem Spiel. „Jetzt müssen wir schauen, ob unsere Regierungsparteien in Niedersachsen den Hintern in der Hose haben, an das Gesetz zur Sonntagsöffnung dranzugehen, um eine rechtssichere Öffnung zu ermöglichen, damit eine Berufung Erfolg hat“, sagt die Osnabrückerin. Das ganze Interview:
Frage: Frau Möllenkamp, Sie haben sich vor rund 20 Jahren dafür starkgemacht, dass Supermärkte sonntags öffnen dürfen. Warum?
Antwort: Der Grund damals war ein ganz einfacher: etwas Gutes für die Nahversorgung zu tun. Wir erleben in allen Stadtteilen, dass die kleinen Läden gehen, die großen bleiben und damit der Weg zum Supermarkt immer länger wird. Das Thema Nahversorgung ist mir sehr wichtig und hat meine komplette Berufslaufbahn geprägt. Meine Oma war noch eine „Tante Emma”, ich habe mit Herzblut drei kleine Edeka betrieben. Mein Ziel war es immer, dass die Oma in der Wüste es noch zu Fuß mit dem Rollator schafft, sich mit Lebensmitteln zu versorgen. Das setzt Verdi gerade aufs Spiel.
Frage: Wie kam es zur Sonntagsöffnung?
Antwort: Wir hatten in Osnabrück unseren kleinen Laden in Sutthausen, der hatte rund 400 Quadratmeter, immer schon sonntags offen. Dafür haben wir auch ein paar Mal Strafe zahlen müssen, denn bis 2006 war das nicht erlaubt. Mit der Föderalismusreform wurde die Ladenöffnung Ländersache. Das war eine Chance, die Sonntagsöffnung für kleine Supermärkte auf rechtssichere Beine zu stellen. In den politischen Gremien, Christian Wulff war damals Ministerpräsident, hat man überlegt, wie das gelingen könnte. So kam es auch zu der Formulierung „Waren des täglichen Kleinbedarfs“.
Frage: Das ging fast 20 Jahre gut.
Antwort: Richtig. Weil man davon ausgegangen ist, dass das genau die Waren sind, die kleine Supermärkte, die ja vor allem von selbstständigen Händlern verschiedener Unternehmen geführt werden, anbieten. Die Quadratmeterzahl wurde erst später seitens des Sozialministeriums im Runderlass hinzugefügt.
Frage: Verdi argumentiert nun, dass zum einen unter der Woche genügend Zeit ist, die Einkäufe zu erledigen, und dass es auf der anderen Seite nicht mehr um den „täglichen Kleinbedarf“ geht. Können Sie das nachvollziehen?
Antwort: Natürlich kann ich das in Teilen. Ja, wir haben lange Öffnungszeiten, aber nicht unbedingt vor Ort. Und wir können dem Kunden schlecht sonntags sagen, bei 20 Euro ist Schluss. Wenn jemand in der Woche viel oder auswärts arbeitet, ist es dann so schlimm, wenn er sonntags auch etwas mehr einkauft? Ich finde nicht. Ich habe viel an der Kasse gesessen an Sonntagen und große Bons waren da nicht die Regel.
Frage: Verdi sieht das anders. Hat es Sie gewundert, dass die Gewerkschaft die Regelung nach dieser langen Zeit angreift?
Antwort: Sie müssen ja einen Hebel finden und das ist der, den sie gefunden haben. Für uns war die Formulierung im Gesetz damals die Gewährleistung, dass der Sonntagsöffnung nicht Tür und Tor geöffnet wird, sondern sich wirklich auf kleine Supermärkte beschränkt. Wenn das kippt, wird es dazu führen, dass kleine Läden weiter wegsterben.
Frage: War das Thema „Kleinbedarf“ damals eines, das Sie mit Verdi diskutiert haben?
Antwort: Nein. Das hat die Politik mit Ministerpräsident Christian Wulff so festgesetzt. Wir sind auch vor der Klage nie angesprochen worden. Die Gewerkschaft spricht nicht mit uns Einzelhändlern. Ich habe den Eindruck, es geht ums Prinzip. Auch die Kirchen haben sich heute weitestgehend aus der Diskussion zurückgezogen. 2006 war das noch anders.
Frage: Sie haben lange Edeka-Märkte geführt. Wie haben Sie die Dienstpläne für sonntags erstellt?
Antwort: Die Mitarbeiter haben am Jahresanfang einen Plan gemacht, wer wann dran ist. Da gab es einige, die viele Sonntage machen wollten, andere weniger. Das hatte sicher auch mit der Familiensituation zu tun. Manch einer hat auch die Zuschläge gerne mitgenommen. Insofern hat es da nie Probleme gegeben und ich habe auch selbst sonntags viel an der Kasse gesessen, beispielsweise immer am Muttertag. Dann hat mein Mann auf die Kinder aufgepasst. Der Sonntag war einfach nett.
Frage: Wer kam zum Einkaufen?
Antwort: Sonntags war der Männeranteil sehr hoch. Irgendwann sagte mal jemand zu mir: Das ist so schön, dass ich mir meinen Joghurt mal selbst aussuchen kann. Es war einfach eine nette Atmosphäre im Laden. Die Leute waren entspannt und kamen mit viel Zeit.
Frage: Konkurrenz bekommen Supermärkte nicht nur von Online-Lieferdiensten, sondern auch von Automatenshops. Auch bei letzteren gibt es Diskussionen um Öffnungszeiten. In Niedersachsen hat das Oberverwaltungsgericht gerade entschieden, dass sie doch keine Verkaufsstellen im Sinne des Ladenschlussgesetzes sind.
Antwort: Ich weiß gar nicht, was diese Gängelung soll. Wen stört ein Automatenladen? Wenn die den Sonntag nicht haben, werden sie wieder verschwinden. Das ist der Tag, an dem es sonst nur an der Tanke Waren gibt. Oder vielleicht am Bahnhof. Ich gehe davon aus, dass es solche Formate künftig zunehmend geben wird.
Frage: Die Sonntagsöffnung für Supermärkte geht noch in die nächste Instanz. Hoffen Sie auf eine schnelle Entscheidung?
Antwort: Nein, wir haben Zeit. Im Augenblick dürfen wir weiter öffnen, da die Berufung zugelassen wurde. Wir müssen schauen, ob andere Einzelhändler mit ins Boot kommen und was der Verband tun kann. Letztlich betrifft es alle im Lebensmitteleinzelhandel. Die Gerichte sollen das ruhig in ihrem Tempo bearbeiten. Wir waren seitens des Handels aber schon überrascht von dem Osnabrücker Urteil.
Frage: Wie geht es weiter?
Antwort: In den nächsten Wochen führen wir viele Gespräche mit Landtagsabgeordneten. Jetzt müssen wir schauen, ob unsere Regierungsparteien in Niedersachsen den Hintern in der Hose haben, an das Gesetz zur Sonntagsöffnung dranzugehen, um eine rechtssichere Öffnung zu ermöglichen, damit eine Berufung Erfolg hat. Ich bin mir da nicht sicher. Ich habe das Gefühl, dass die Politik heiße Eisen eher vermeidet. Sie drängt sich nicht nach schwierigen Entscheidungen.
Frage: Und wenn die Öffnung kippt?
Antwort: Dann müssen wir schauen, welche Folgen das haben wird. Die sind nie unmittelbar, sondern es werden dann gegebenenfalls nach und nach Mietverträge kleinerer Standorte auslaufen. Und das trifft vor allem die selbstständigen Kaufleute von Edeka und Rewe. Netto hat ebenfalls teils sonntags geöffnet. Alle anderen haben an einer Sonntagsöffnung nie Interesse gezeigt. Vielleicht auch, weil ihre Standorte in der Regel über 800 Quadratmeter groß sind. Alles andere reicht heute eigentlich auch wirtschaftlich nicht mehr.
Frage: Sehen Sie die Nahversorgung in Osnabrück noch als gegeben?
Antwort: In vielen Stadtteilen wie Pye nicht, nein. Die Frage, die wir uns doch grundsätzlich stellen müssen, ist: Welche Art der Versorgung wollen wir langfristig? Wenn wir Nahversorgung kaputt machen, dann ist Lieferung die Zukunft. Oder Kunden müssen wie in den USA für alles in große Einkaufszentren an den Ausfallstraßen fahren.