Ärztemangel  Auf Langeoog fehlt ein Hausarzt – schlecht für Urlauber

| | 26.03.2025 07:57 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Ein Arzt misst in einer Bereitschaftspraxis in einem Krankenhaus in einem Untersuchungsraum bei einer Patientin den Blutdruck. Foto: Weißbrod/dpa
Ein Arzt misst in einer Bereitschaftspraxis in einem Krankenhaus in einem Untersuchungsraum bei einer Patientin den Blutdruck. Foto: Weißbrod/dpa
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Seit Oktober 2024 steht die Praxis von Allgemeinmediziner Georg Licht auf Langeoog leer. Damit ist nur noch eine Praxisgemeinschaft übrig. Aber ab Ostern sind wieder Tausende von Gästen auf der Insel.

Langeoog - Eine von nur zwei Arztpraxen auf Langeoog ist zu. Seit Monaten ist das bereits so – doch jetzt steht Ostern vor der Tür. Mit dem Beginn der neuen Tourismussaison sind teilweise wieder mehrere Tausend Gäste täglich auf der Insel. Darunter auch solche, die nicht nur entspannt ihren Urlaub genießen. Es sind teilweise Personen, die wichtige Medikamente zu Hause vergessen haben und darum kurzfristig Ersatz benötigen. Und Menschen, die krank werden oder einen Unfall haben.

Der Wasserturm von Langeoog. Foto: Archiv/Bothe
Der Wasserturm von Langeoog. Foto: Archiv/Bothe

Dr. Gabriele Schmidt kennt einige solcher Szenarien. Sie ist eine von drei Medizinern, die derzeit im Wechsel rund um die Uhr die medizinische Versorgung der etwas mehr als 1800 Einwohner Langeoogs sicherstellen. Denn: „Derjenige, der dann da ist, hat 24/7 Dienst.“ Teils im Wochenrhythmus wechseln hier die Ärzte. Sie stemmt den Löwenanteil: Von vier Wochen ist die Fachärztin für Allgemeinmedizin in der Regel zwei Wochen am Stück anwesend – und dauerhaft in Rufbereitschaft. Wenn sich ein Notfall ereignet, ist sie gefragt, Tag und Nacht. Seit Oktober 2024 geht das nun schon so.

Ein Arzt – aber fast 1,6 Millionen Übernachtungen pro Jahr

Ende September 2024 hat Georg Licht seine Praxis abgeschlossen und ist zurück aufs Festland gegangen. 2019 hatte er die Praxis übernommen. Eigentlich hatte er auf Langeoog alt werden wollen, sagte er zuvor voller Bedauern gegenüber dieser Zeitung. Doch er entschied sich anders: Auslöser seien Querelen mit der Inselgemeinde gewesen, die auch zu Rechtsstreitigkeiten führten. Einen Nachfolger für die Praxis gibt es noch immer nicht – ernstzunehmende Verhandlungen mit einem Interessenten gibt es derzeit offenbar auch keine. Das bestätigt Dieter Krott, Geschäftsführer der Bezirksstelle Aurich der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN). Aufgabe der KVN ist es, die ärztliche Versorgung sicherzustellen.

Ein Schild weist den Weg zu einem Arzt. Foto: Weißbrod/dpa
Ein Schild weist den Weg zu einem Arzt. Foto: Weißbrod/dpa

Ein nahtloser Übergang ist gescheitert. Bis Ende März 2025 hätte der Kassenarztsitz nahtlos nachbesetzt werden können. Jetzt erlischt er. Kommt ein neuer Arzt, muss der erst einen Antrag auf Sonderbedarf stellen. Dennoch sei das kein Problem, unterstreicht Krott. „Die Hürden sind nicht größer. Es ist nur ein anderes Prozedere.“ Wenn aus zwei Ärzten einer wird – dann konzentrieren sich alle Patienten auf nur eine Praxis. „Im Winter haben wir das schon gespürt, aber nicht so dramatisch“, erläutert Schmidt auf Nachfrage. Sie sagt aber auch klar: „Die Herbstferien und die Weihnachtsferien waren unangenehm.“ In den Ferienzeiten von Niedersachsen und Nordrhein-Westfahlen ist die Insel stets gut besucht. Fast 1,6 Millionen Übernachtungen hat es im Jahr 2024 laut Tourismus-Service Langeoog gegeben. Hinzu kommen mehr als 130.000 Tagesgäste. Schmidt: „Die Gäste machen in der Saison einen Großteil der Patienten aus.“

Die Nachfolger von Joachim Koller

In den kommenden Wochen und Monaten dürfte die Arbeitsbelastung von Gabriele Schmidt und ihren Kollegen deutlich zunehmen. Schmidt ist darauf vorbereitet, dass es turbulent wird. Schon Ostern geht es los: „Im Mai und Juni gibt’s kleinere Löcher.“ Danach sei die Ruhe vorbei. Gemeinsam trat die Praxisgemeinschaft Langeoog die Nachfolge des 2022 in Ruhestand gegangenen Inselarztes Dr. Joachim Koller an. Koller war ein Inselarzt der alten Schule. 20 Jahre lang war er nahezu dauerhaft auf der Insel und rund um die Uhr für seine Patienten da. Wenn es notwendig war, behandelte er sogar Kühe, Pferde oder Hasen, erinnert er sich. Der „Inselkoller“ brachte Kinder auf die Welt und begleitete Sterbefälle.

Die Insel Langeoog aus der Luft. Foto: Schuldt/dpa
Die Insel Langeoog aus der Luft. Foto: Schuldt/dpa

Tierische Patienten gehören serienmäßig zwar nicht zu den Pflichten eines Inselarztes – aber vielseitige medizinische Kompetenzen sind dennoch notwendig, erläutert Krott: „Man muss schon ein breites Spektrum anbieten in seiner Praxis.“ Die Nachfolgeregelung für Kollers Praxis gestaltete sich bereits schwierig: Schmidt, die auf Spiekeroog lebt, tat sich dafür mit zwei Medizinern zusammen, die wiederum mit weiteren Kollegen Inselpraxen führen. Sie haben dafür auf Langeoog Zweigpraxen eröffnet. Dr. Stefan Bressel ist Facharzt für Allgemeinmedizin und Badearzt auf Baltrum. Martin Schwarzwälder, ebenfalls Allgemeinmediziner und Badearzt, ist vorrangig auf Spiekeroog tätig. Auch ihre jeweiligen Kollegen springen teilweise ein.

Langeoog braucht eine schnelle Lösung

Der tägliche Notdienst verlangt den Ärzten einiges ab. Ständig unter Strom zu stehen hinterlässt Spuren. „Es fehlen uns die Ruhezeiten“, gibt Schmidt zu bedenken. Doch auch die Patienten litten schon jetzt unter der Situation: Oft müsse sie geplante Termine verschieben. Darüber hinaus komme es im regulären Praxisbetrieb immer wieder zu längeren Wartezeiten – weil ein Notfall dazwischenkommt. „Sie können sich ja auch nicht teilen“, stellt die 48 Jahre alte Medizinerin klar. Anders als am Festland ist das Ausweichen auf eine andere Arztpraxis oder auf ein Krankenhaus nicht möglich. Auch krank werden dürfe eigentlich keiner der Ärzte während seiner Inselarbeitszeit. Die medizinische Versorgung ist eigentlich dauerhaft angespannt. Eine Lösung muss her – und das schnell.

Der Wasserturm ist Langeoogs Wahrzeichen. Im Vordergrund eine Bronze der Sängerin Lale Andersen, die dort zeitweise lebte. Foto: Archiv/Oltmanns
Der Wasserturm ist Langeoogs Wahrzeichen. Im Vordergrund eine Bronze der Sängerin Lale Andersen, die dort zeitweise lebte. Foto: Archiv/Oltmanns

„Es muss jetzt etwas passieren“, fordert Schmidt. Bis Ende Juni 2025 übernimmt die Praxisgemeinschaft den täglichen Notdienst – als Übergangslösung. Und dann? „Es geht nicht ohne einen weiteren Arzt“, sagt Krott. Anreize zur Übernahme der noch voll eingerichteten Praxis von Georg Licht schafft die KVN beispielsweise durch einen finanziellen Zuschuss zur technischen Ausstattung in Höhe von bis zu 50.000 Euro. Im August 2024 hatte Krott noch mit einem Interessenten verhandelt. Mittlerweile ist der abgesprungen. Krott versichert, dass es weiterhin Anfragen für den Leerstand gebe. Er sagt aber auch klar, dass Ärzte, die sich niederlassen wollen, seltener werden: „Es ist auch auf dem Festland ein Stück weit schwieriger.“

Flexible Lösungen im Sinne der Gesundheit ihrer Patienten und der praktizierenden Ärzte sind jetzt gefragt. Dr. Gabriele Schmidt und das Praxisgemeinschaftsteam suchen darum auf eigene Faust nach Medizinern mit Bock aufs Inselleben. „Ich wäre auch bereit, jemanden anzustellen“, unterstreicht sie. Die Möglichkeiten sind vielfältig: Weiterbildungsassistenten, Praxisvertretungen auf Zeit oder ein dauerhafter Neuzugang. Die Praxis teilt ihre Aufrufe unter anderem online via Facebook und Instagram – um möglichst viele potenzielle Inselärzte zu erreichen.

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