Kriminalitätsstatistik Sicherheitslage in Norden – weniger Straftaten, aber mehr häusliche Gewalt
Die Polizei verzeichnete im vergangenen Jahr weniger Straftaten im Altkreis Norden. Die Kriminalitätsstatistik 2024 zeigt aber auch: häusliche Gewalt nimmt zu. Davon sind nicht nur Frauen betroffen.
Norden - Vom Prinzip her ist Norden ein sicheres Pflaster. Dieses Gesamtfazit zog die Polizei Norden am Mittwoch bei der Präsentation der Kriminalitätsstatistik 2024. Sogar der Bereich Kinder- und Jugendkriminalität, der im Jahr zuvor noch große Sorgen bereitete, hat sich demnach beruhigt. Nur ein Bereich bereitet Probleme: Der Komplex häusliche Gewalt hat deutlich zugenommen. Betroffen sind laut Polizei auch immer häufiger Kinder.
Insgesamt gab es im Altkreis Norden im vergangenen Jahr weniger Straftaten als im Vorjahr. Die Polizeistatistik verzeichnet insgesamt 4630 Taten, das sind 175 Taten oder 3,64 Prozent weniger als im Vorjahr. Gleichzeitig ist Aufklärungsquote auf 68,40 Prozent (plus 0,14 Prozent) gestiegen. Sie liegt damit erneut deutlich über dem Landesdurchschnitt von 62,77 Prozent. Insgesamt konnten also 3167 Taten aufgeklärt werden. Es gab weniger Rohheitsdelikte und Straftaten gegen die persönliche Freiheit (minus 4,21 Prozent), weniger Raubdelikte (minus 49 Taten, oder minus 56,98 Prozent), die Zahl der Körperverletzungen ist quasi gleichbleibend (minus eine Tat), die Zahl der Wohnungseinbrüche ist zurückgegangen (minus vier Taten, das sind 7,27 Prozent weniger). Die Zahl der Sachbeschädigungen ist deutlich um 150 Taten (minus 25,3 Prozent) zurückgegangen. Anders als noch im vergangenen Jahr erwartet, verzeichnet die Polizei für 2024 einen starken Rückgang bei der Kinder- und Jugendkriminalität – minus 152 Taten oder 28,1 Prozent.
Polizei: In Norden lebt man sicher
„Im Altkreis Norden lebt man im Vergleich zu anderen Regionen in Deutschland recht sicher. Die Gefahr, an einem öffentlichen Ort das Opfer einer Gewalttat zu werden, ist eher gering. Die in 2024 registrierten Körperverletzungen, Bedrohungen und Beleidigungen zeigen, dass diese sehr häufig im privaten häuslichen Umfeld stattfinden. Auftretende Konflikte werden dort häufig eher mit Fäusten als mit Worten ausgetragen, insbesondere, wenn zu viel Alkohol im Spiel ist“, sagte der Erste Kriminalhauptkommissar Michael Pape, Leiter des Kriminal- und Ermittlungsdienstes.
Trotzdem gibt es auch im Altkreis Norden Themen, die die Polizei besonders beschäftigen. Im Jahr 2024 war dies zum einen der Bereich häusliche Gewalt. Hier verzeichnete die Polizei 89 Taten mehr als im Vorjahr. Das ist eine Zunahme von 38,38 Prozent auf insgesamt 315 Fälle. Parallel dazu sind auch die Verstöße gegen das Gewaltschutzgesetz, in der Regel gerichtlich angeordnete Annäherungsverbote oder Betretungsverbote, um 21 Taten (plus 262,50 Prozent) von acht in 2023 auf 29 Taten in 2024 gestiegen.
Anstieg bei Taten der häuslichen Gewalt
„Die aktuellen Zahlen zeigen einen deutlichen Anstieg in den Bereichen der häuslichen Gewalt und der Verstöße gegen das Gewaltschutzgesetz. So erschreckend die Prozentzahlen auf den ersten Blick auch scheinen, so wenig überraschend sind sie für mich“, sagte Kriminaloberkommissarin Birthe Schoon, Sachbearbeiterin für Gewaltstraftaten und häusliche Gewalt.
Das hat aber nicht nur damit zu tun, dass es mehr Taten als früher gibt. Denn in den Zahlen stecke trotz aller Besorgnis auch eine positive Seite: „Das Bewusstsein für die genannten Deliktsbereiche ist in den letzten Jahren enorm gewachsen und das Anzeigeverhalten hat sich, auch aufgrund öffentlicher Diskurse, erheblich verändert“, sagte Schoon.
Auch finanzielle Gewalt zählt zu häuslicher Gewalt
Zur häuslichen Gewalt zählen laut Schoon heutzutage nicht mehr nur Gewaltübergriffe des Partners gegenüber seiner Frau oder seinem Mann. Die mittlerweile bundeseinheitliche Definition von häuslicher Gewalt ist viel weiter gefasst und betrifft alle denkbaren Familienkonstellationen. So zähle auch zu häuslicher Gewalt, wenn der Ex-Partner zum Beispiel die EC-Karte wegnimmt und damit finanzielle Gewalt ausübt, erklärte Schoon. Auch psychische Gewalt zählt dazu. Außerdem findet häusliche Gewalt fast immer über einen längeren Zeitraum statt, oft über Monate oder Jahre. „Wenn wir von einem Fall erfahren, verbergen sich dahinter gleich ganz viele Taten“, sagte Birthe Schoon.
Der Großteil der Taten wird noch immer gegen Frauen verübt. 72 Prozent der Opfer (222) sind weiblich. 28 Prozent der Opfer (88) waren im vergangenen Jahr männlich. Die männlichen Opfer seien aber mittlerweile eher die Kinder, die auch immer mehr selbst die Polizei rufen, erklärte Schoon. Alkohol spiele im Rahmen der häuslichen Gewalt häufig eine Rolle. „Alkohol macht die Fäuste schneller, ist aber nicht der Auslöser“, sagte Schoon.
Statistik zeigt: Das klassische Opfer sind deutsche Frauen und Mädchen
Eine Sache hat sich laut Schoon nicht verändert, das gibt die Polizeistatistik klar wieder: Das klassische Opfer von häuslicher Gewalt sind die deutsche Frau oder das deutsche Mädchen (185 Opfer). Im Vergleich dazu verzeichnete die Polizei 37 nicht deutsche weibliche Opfer. Bei den männlichen Opfern wurden 77 deutsche Opfer und elf nicht deutsche Opfer gezählt.
Oft sei es ein Nachbar, der die Polizei in brenzligen Situationen ruft. „Das Bewusstsein und die Achtsamkeit nimmt zu. Häusliche Gewalt wird nicht mehr als Privatsache beurteilt“, sagte Schoon. Und auch die Polizei nehme diesen Bereich der Delikte sehr ernst, betonte Polizeioberrat und Leiter des Polizeikommissariats Norden Ingo Brickwedde. „Hier wird nichts als Kavaliersdelikt abgetan“, sagte Brickwedde. Wenn Opfer bei der Polizei anrufen, nehmen sich die Beamten des Falls an, so der Norder Polizeichef. Es gelte klar die Regel nach dem Motto: „Wer schlägt, der geht.“ Das heißt, der Täter muss die Wohnung sofort und bis zu 14 Tage verlassen, damit das Opfer Zeit bekommt, sich bei Gericht eine Unterlassung nach dem Gewaltschutzgesetzes zu besorgen.
Es wird eine Aufgabe sein, die die Polizei in der Zukunft weiter begleiten wird, sagte Brickwedde. Ziel der Polizeiarbeit in diesem Bereich sei unter anderem Mut zu machen, aufzuklären, als Schwerpunkte in der Präventionsarbeit zum Beispiel über die Rechte jedes Einzelnen in Deutschland aufzuklären. Das Thema müsse präsent sein – in der Gesellschaft aber auch bei den Polizeibeamten, betonte Brickwedde.