Paris Le Pens mutmaßlicher Nachfolger: Lächeln und Anzug sitzen, Inhalte und Überzeugungen fehlen
Sollte die französische Rechtspopulistin Marine Le Pen bei den nächsten Präsidentschaftswahlen 2027 nicht antreten dürfen, so wie es das Urteil gegen sie vorsieht, könnte Jordan Bardella einspringen. Der 29-jährige Chef ihrer Partei ist bereits beliebter als sie, auch wenn unklar scheint, wofür er wirklich steht.
Seine Erscheinung fällt auf und sie nutzt ihm beim Überzeugen neuer Wähler. Jordan Bardella ist groß und breitschultrig, kleidet sich in gut sitzende Anzüge und knipst regelmäßig ein Lächeln an, von dem sein früherer Medientrainer, Pascal Humeau, sagte, es sei mühsam antrainiert. In letzter Zeit lässt er sich einen Hauch von einem Bart wachsen, trägt bisweilen eine schmale Brille. „Für einen Fascho sieht er sympathisch aus“ – das sollten die Leute von ihm sagen, so Humeau.
Es handelt sich um Äußerlichkeiten, aber sie sind entscheidend, um den rasanten Aufstieg Bardellas innerhalb der französischen rechtsextremen Partei Rassemblement National (RN) nachzuvollziehen. Er steht für eine neue Generation, verkörpert die von RN-Frontfrau Marine Le Pen angestrengte Normalisierung: höflich, angepasst, vorzeigbar. Gerade einmal 24 Jahre war er alt, als sie ihn 2019 zum Listenführer der EU-Wahl machte, mit 27 wurde er Parteichef. Jetzt ist Bardella 29 und könnte Kandidat bei der nächsten Präsidentschaftswahl 2027 werden.
Seit Le Pens Schuldspruch am Montag gilt er als wahrscheinlichste Alternative für sie. Wegen der jahrelangen, massiven Veruntreuung von EU-Geldern wurde die 56-Jährige zu einer Haft- und einer Geldstrafe sowie einem fünfjährigen Verbot, für politische Ämter zu kandidieren, verurteilt. Sie hofft zwar auf einen Berufungsprozess bis Mitte 2026. Doch selbst dann ist unsicher, ob die Richter anders entscheiden würden.
Bardella zeigte sich ebenso empört über das Urteil wie seine Mentorin, nährt eine Komplott-Legende: „Alles wird dafür getan, um zu verhindern, dass wir an die Macht gelangen.“ Er rief zu einer „friedlichen Mobilisierung“ auf, am Sonntag organisiert die Partei eine Kundgebung in Paris. Fragen, ob er an Le Pen ersetzen könnte, tut er als „unanständig“ ab. Sie verbittet sich die Debatten um einen Plan B, er folgt ihr. Er sei ein „toller Trumpf“ für die Partei, sagte sie, den diese aber erst später nutzen sollte.
Zwar ist Bardella inzwischen beliebter als sie, aber relativ unerfahren. Sein Geografie-Studium brach er ohne Abschluss ab, um Parteikarriere zu machen. In seiner Autobiografie „Was ich suche“, die ein Bestseller wurde, beschrieb er das schwindelerregende Gefühl, plötzlich ein Polit-Promi zu sein – er, der in einem Sozialbau in einer nördlichen Pariser Vorstadt als Sohn italienischer Migranten aufwuchs. Dort habe er all das gesehen, was er heute bekämpfe: den Drogenhandel, den Islamismus, die Folgen der „Masseneinwanderung“.
Was aber darüber und über seine grenzenlose Bewunderung für „Marine“ hinaus seine tieferen politischen Überzeugungen sind, wird bei der Lektüre nicht klar, dasselbe gilt für seine Auftritte auf der Plattform TikTok, wo er viele Fans hat. Vor der Europawahl vor einem Jahr offenbarten sich bei einer TV-Debatte gegen den damaligen Premierminister Gabriel Attal, nur geringfügig älter, Bardellas Lücken in Sachfragen.
Auch warfen ihm damals seine politischen Gegner vor, selten im EU-Parlament zu erscheinen, wo er inzwischen rechtsextremen Fraktion „Patrioten für Europa“ vorsitzt. Innerhalb der eigenen Partei wurde ihm angelastet, dass bei den Parlamentswahlen 2024 mehrere RN-Kandidaten trotz ihrer kriminellen Vergangenheit, rassistischer Sprüche oder der Zugehörigkeit zu extremistischen Gruppen antraten. Hier zeigten sich die Grenzen der „Entdämonisierung“ der Partei, für die er doch steht, auch wenn eine Investigativ-Sendung herausgefunden haben will, dass er einst über ein anonymes Twitter-Konto rassistische Kommentare gemacht haben soll.
Bardella streitet dies ab. Die Konvention konservativer Parteien und Aktivisten im Februar verließ er vorzeitig, als Donald Trumps Ex-Chefberater Steve Bannon dort einen Hitlergruß gezeigt hatte. Kürzlich folgte er der Einladung zu einer Konferenz nach Israel – er, der Vertreter einer Partei, die mit Jean-Marie Le Pen jahrzehntelang von einem bekennenden Revisionisten und verurteilten Antisemiten geleitet worden war. Bardella kannte den im Januar verstorbenen Le Pen Senior kaum, steht für eine geläuterte extreme Rechte. Weniger hinsichtlich des Programms, das sich kaum geändert hat. Aber in Sachen Image, und darauf scheint es ihm anzukommen.