Schleswig-Holstein Neue Hoffnung im Kampf gegen das Altern: Diese Entdeckung haben Forscher gemacht
Forscher konnten bei Mäusen Alterungsprozesse verzögern, durch das Verjüngen des Mikrobioms im Darm. Was das für die Zukunft der Medizin bedeutet. Gibt es bald eine Tablette gegen das Altern?
Das Mikrobiom des Darms gerät immer stärker in den Fokus der Wissenschaft. Es häufen sich Erkenntnisse, dass seine Zusammensetzung großen Einfluss auf die Gesundheit des Menschen hat.
Forscherteams der Unikliniken in Kiel und im thüringischen Jena konnten nun belegen: Das trifft auch auf das Altern zu, denn dann lässt die Stoffwechselaktivität des Mikrobioms stark nach.
Dass es diese Prozesse gibt, erklärt Professor Christoph Kaleta vom Institut für Experimentelle Medizin der Uni Kiel, war bekannt. Nicht aber, wie und über welche Mechanismen das Mikrobiom diese Entwicklung beeinflusst.
Die Hoffnung der Forscher: den Prozess umzudrehen, um Alterungsprozesse zu verzögern. Eine weitere Kieler Studie mit Mäusen gibt dazu Anlass.
Um einen Einblick in die Prozesse zu bekommen, erstellte das Team Computermodelle des Mikrobiom-Stoffwechsels, wie Kaleta erläutert. Dazu wurden molekularbiologische Daten von Darm-, Hirn-, Lebergewebe genutzt sowie Stuhlproben von Mäusen unterschiedlicher Altersgruppen.
Die Daten stammen auch aus einer weiteren Kieler Studie: Erstmals wurde über die gesamte Lebensdauer einer Maus versucht, ihr Mikrobiom zu verjüngen. Den Tieren wurde über zwei Jahre alle acht Wochen Stuhl von jungen Mäusen übertragen, wie Professor Philip Rosenstiel, Direktor des Instituts für Klinische Molekularbiologie der Uni Kiel, erklärt.
„Wir konnten dadurch auch tatsächlich einige Altersanzeichen reduzieren“, nennt Dr. Felix Sommer, Leiter der Arbeitsgruppe Funktionelle Wirt-Mikrobiom Forschung des Instituts, als Ergebnis. Wo das junge Mikrobiom transplantiert worden war, gab es auch weniger Entzündungen.
Um das besser zu verstehen, sei für jedes einzelne Tier ein eigenes Computermodell des Stoffwechsels erstellt worden, wie Kaleta berichtet. Auf diese Weise konnten die Forscher den Austausch von Molekülen zwischen dem Wirt – in diesem Fall die Maus – und dem Mikrobiom nachvollziehen.
So wurde auch herausgefunden, dass das Mikrobiom der Maus Stoffwechselendprodukte zur Verfügung stellt für die Produktion lebenswichtiger Stoffe. Im Alter lässt das jedoch nach.
Die Resultate aus der Studie mit den Mäusen zu erfahren, erzählt Kaleta, sei ein besonderer Moment für die Wissenschaftler gewesen: „Das war toll“, denn damit habe sich die bis dahin geleistete Arbeit bestätigt.
Das Problem allerdings, so der Bioinformatiker: „Wir haben mit dem Stuhl das komplette Mikrobiom transplantiert.“ Da dessen Zusammensetzung jedoch sehr komplex und individuell ausgeprägt sei, gelte es nun, herauszufinden, welche Stoffe für welche Alterungsprozesse zuständig sind. Das sei mit Detektivarbeit vergleichbar, wie Kaleta sagt.
Altern, erläutert der Experte, sei ein andauernder Entzündungsprozess. Die Hoffnung sei, hier irgendwann gezielt eingreifen zu können: „Wir untersuchen nun, wie wir die altersbedingten Veränderungen im Mikrobiom gezielt umkehren können“, nennt Kaleta das Ziel weiterer Forschungen.
Perspektivisch sei es möglich, jene Stoffe zu ersetzen, die das Mikrobiom im Alter weniger produziert. Die Forscher denken an entsprechend zusammengestellte Nahrungszusätze, so Kaleta.
Erste Studien hätten laut Uniklinikum Kiel bereits gezeigt, dass mit bestimmten Nahrungszusätzen eine gezielte Beeinflussung des Mikrobioms möglich sei und damit die Entwicklung mikrobiombasierter Therapien gegen Alterung. Das könnte auch, sagt Kaleta, einen verzögernden Einfluss haben auf die Entstehung altersbedingter Erkrankungen wie Demenz.
Gibt es also bald die Tablette gegen das Altern? Kaleta bremst solche Erwartungen. Er hofft, dass es in fünf bis zehn Jahren möglich ist, altersbezogene Veränderungen im Mikrobiom wieder umzudrehen: „Da bin ich optimistisch.“ Langfristig aber, betont der Studienleiter, gehe es darum, das Mikrobiom zu reparieren – damit es die benötigten Stoffe wieder selbst produziert.