Hamburg Cannabis per Post: Wie „Phantom-Ärzte“ die passenden Rezepte ausstellen
Sie verschreiben Cannabis an Menschen, ohne sie je gesehen zu haben und sitzen teils nicht mal in Deutschland. Wer sind die Ärzte, die offenbar selbst nachts Rezepte für medizinisches Gras unterschreiben? Eine Spurensuche, die in einen kleinen Ort nach Brandenburg führt.
Weinrote Lamellenvorhänge versperren den Blick ins Innere. Wenig an diesem dunkelgelben Eckhaus in der Karl-Marx-Straße weist auf eine Arztpraxis hin. Lediglich ein Schild an der Haustür, auf dem die Kontaktdaten für einen Neurologen G. und eine Kinderärztin S. stehen. Termine, so steht dort weiter, gibt es nur für Privatpatienten auf Vereinbarung. Ein Angebot, von dem hier im brandenburgischen Wittenberge nahe der niedersächsischen Grenze noch niemand Gebrauch gemacht haben dürfte.
Anwohner berichten, dass beide Ärzte noch nie in der Stadt gesehen wurden. „Das Praxisschild hängt auch erst seit ein paar Monaten da“, sagen die Betreiber eines kleinen Kiosks wenige Hausnummern weiter. Wer es aufgehängt hat, wissen sie nicht. Was sie und auch andere Wittenberger in der Straße jedoch bestätigen: Bis vor einem Jahr, etwa zum Zeitpunkt der Cannabis-Liberalisierung, wurde für die Räume noch ein Mieter gesucht.
Die Ärzte G. und S. stellen über eine große Internet-Plattform Rezepte für medizinisches Cannabis aus. Ganz ohne Arztgespräch oder Videosprechstunde, wie Betroffene berichten, die bereits Rezepte von den beiden erhalten haben. Mit wenigen Klicks können Kunden zu Patienten werden. Die Diagnose stellt man sich dabei selbst, indem man einen einfachen Fragebogen ausfüllt. Selbst bei Bestellungen in der Nacht kamen schon wenige Stunden später die fertigen Rezepte, wie ein Patient der Redaktion schildert.
Wovon die Ärzte profitieren, ist die große Nachfrage nach medizinischem Cannabis, das aus Mangel an legalen Verkaufsstellen längst auf eher unseriösen Plattformen samt Rezept geordert werden kann. Die Ärzte sind dabei das entscheidende Glied einer Kette vieler Profiteure. Große Plattformen bieten medizinisches Cannabis wie in einem normalen Online-Shop an, Ärzte stellen die Rezepte aus, Apotheken liefern.
Ohne die Ärzte funktioniert dieser „Graumarkt“ mit dem Cannabis nicht. Apotheken dürfen die Herausgabe von Medikamenten nicht verweigern, wenn ein Arzt sie verordnet hat. Ärzte verdienen an den Rezept-Gebühren, bei mindestens einer Plattform mussten sie allerdings eine Vermittlungspauschale für die Patienten bezahlen. So profitieren alle.
Womöglich auch der Arzt G., dessen Unterschrift auf Cannabis-Rezepten immer wieder zu finden ist. Sein auf dem Rezept angegebener Praxissitz: die Karl-Marx-Straße in Wittenberge. Doch Patienten, die bei ihm im Anschluss ärztlichen Rat suchen wollen, haben dazu keine Möglichkeit. Unter der Mobilnummer, die auf den Rezepten angegeben ist, geht niemand ran.
Die Telefonnummer auf der Internetseite des Arztes führt zu einem Gesundheitszentrum nach Wien. Doch hier arbeite G. seit einem halben Jahr nicht mehr, heißt es auf Nachfrage unserer Redaktion. Weitere Recherchen führen ins ungarische Ödenburg, wo G. eine Facharztpraxis für Neurologie betreibt. Zu sprechen sei der Doktor aber nicht, heißt es am Telefon. Fragen zu seiner Praxis in Wittenberge und seinem Namen auf Cannabis-Rezepten könnten nicht beantwortet werden.
Seit der Teillegalisierung 2024 gilt Cannabis in Deutschland nicht mehr als Betäubungsmittel, entsprechend weicher sind die Regeln bei der Verschreibung. Doch in Österreich, Ungarn und anderen Ländern gilt gerade die Verschreibung von Cannabis in Form von Blüten weiterhin als illegal.
Bei den Cannabis-Rezepten der Kinderärztin S. ist ebenfalls Wittenberge als Praxissitz angegeben, wie Dokumente belegen, die der Redaktion vorliegen. Doch wer einen Termin bekommen möchte, muss nach Österreich. Dort betreibt sie gleich mehrere Praxen. Auf Anfrage dazu und zu ihrer Praxis in Wittenberge teilt die Ärztin S. mit: „Meine Praxis in Wittenberge ist bereits in Auflösung.“
Doch die Landesärztekammer Brandenburg bestätigt auf Anfrage und nach Prüfung das, was die Anwohner in Wittenberge längst zu wissen glaubten. „Nach unserem Kenntnisstand waren und sind die betreffenden Personen in Brandenburg nicht ärztlich tätig.“ Weder hatten die Ärzte S. und G. einen Wohnsitz noch eine Praxis in Brandenburg, so eine Sprecherin weiter.
Es zeigt sich ein Muster: Ärzte, die über große Plattformen Rezepte für Cannabis ausstellen, sind schwer zu finden. Ein Dr. B., der über eine andere Plattform Cannabis verschreibt, arbeitet angeblich als Honorararzt in Chemnitz. Doch das Engagement in Sachsen liegt schon eine Weile zurück, heißt es von der Geschäftsführung der Klinik.
Immerhin: Der Ärztekammer Nordrhein ist der Mann bekannt. Nicht aber sein möglicher Cannabis-Nebenverdienst. Die Art und Weise der Verschreibung ohne Anschauung des Patienten durch Dr. B. verstoße in jedem Fall gegen die Berufsordnung, legt die Kammer nahe. Der Fall könnte geprüft werden.
Ärztekammern können im Fall von Verstößen gegen die Berufsverordnung empfindliche Strafen von bis zu 10.000 Euro Ordnungsgeld gegen den Arzt verhängen. Ein Nachteil, den Ärzte im Ausland nicht haben. Kenner der Szene gehen deswegen längst davon aus, dass ein Großteil der Ärzte von solchen Cannabis-Plattformen im Ausland sitzt.
Auch die Plattform-Anbieter sitzen selbst nicht immer in Deutschland. Was sagen die Verantwortlichen dieser Apotheken-Marktplätze dazu, dass von ihnen vermittelte Ärzte womöglich mit Schein-Praxen arbeiten und für Patienten kaum zu erreichen sind? Mit wie vielen Ärzten in und außerhalb von Deutschland arbeiten die Firmen, die hinter den Plattformen stehen, zusammen? Der Inhaber eines solchen Unternehmens antwortet, er wolle sich zu solchen und weiteren Fragen nur unter der Bedingung äußern, dass seine Internetseite im Online-Artikel verlinkt wird, um in der Folge bei Google besser gelistet zu werden.
Auch andere Plattformen ließen Fragen unbeantwortet. Die staatlichen Behörden wirken bei dem Treiben eher machtlos. Wie die Stadt Wittenberge wissen lässt, ist es nicht verboten, sich ein Praxisschild an die Tür zu hängen.
Das Gesundheitsamt des zuständigen Landkreises Prignitz und auch die Polizei Brandenburg sehen sich bei der Frage nach einer möglichen Schein-Praxis ebenfalls nicht zuständig. Alle verweisen auf die Ärztekammern. Dort wiederum stoßen die mutmaßlichen Phantom-Ärzte durchaus auf Interesse, wie unsere Redaktion erfuhr.
In der Ärztekammer Niederösterreich etwa ist Ärztin S. tatsächlich Mitglied. Inwieweit man sich dort nun des Falles annehmen möchte, ließ eine Sprecherin aus Datenschutzgründen offen. In den Kammern mehrerer deutschen Bundesländer beschäftigen sich derzeit Rechtsabteilungen mit den Anfragen unserer Redaktion zu verschiedenen Ärzten.
Doch so etwas geht nur, wenn die Ärzte auch Mitglied der Kammer sind. In Brandenburg hat die Kammer gegen die Ärzte G. und S. keine Handhabe. Der einzige Weg, die Mediziner zu belangen, wäre die Strafanzeige von Patienten, die sich unzureichend behandelt fühlen.
Für die Menschen in Wittenberge, wo das Schild an der Hauswand eine Kinderarztpraxis verspricht, hat die ganze Geschichte rund um die Cannabis-Rezepte eine bittere Pointe: Gerade eine weitere Kinderärztin wird in der 17.000 Einwohner-Stadt händeringend gesucht, erzählen sie in der Karl-Marx-Straße. Um zu ergänzen: „Aber es muss dann schon eine sein, die auch mal hier ist.“