Paris Maria Schneider und „Der letzte Tango in Paris“: Der Skandalfilm, der ihr Leben prägte
Der Name der französischen Schauspielerin blieb zeit ihres Lebens mit dem Skandalfilm, den sie als 19-Jährige drehte, verbunden. Ihre Cousine Vanessa Schneider schrieb nun ein Buch über sie in Form einer sehr persönlichen Hommage.
Nie mehr wollte Maria Schneider an den „Letzten Tango in Paris“ erinnert werden, jenen Film, der den Anfang ihrer Schauspielkarriere markierte und auf eine Weise zugleich ihr Ende. Er machte sie schlagartig berühmt, aber zerstörte ihren Ruf. Es folgten Drogen- und Alkoholexzesse, ein Leben im Rausch, irgendwann dann der Entzug und der Versuch, sich von alledem zu erholen.
Noch Jahre später stellten ihr Journalisten Fragen dazu, auf die Maria Schneider nicht antwortete oder höchstens mit einem genervten Augenrollen. Sie verbat sich eine Erwähnung bei ihrer Beerdigung im Februar 2011. Doch ihr Name bleibt untrennbar mit dem Skandalfilm von Regisseur Bernardo Bertolucci aus dem Jahr 1972 verbunden, der etliche Sexszenen zwischen dem 48-jährigen Marlon Brando und der 19-jährigen Maria Schneider zeigte.
Eines Morgens vereinbarten beide Männer, sie mit einer simulierten Szene einer analen Vergewaltigung zu überrumpeln, die nicht im Drehbuch stand. Die Wut und das Gefühl der totalen Demütigung Schneiders waren echt und nicht gespielt, gemäß Bertoluccis Kalkül. Erst viel später, nach ihrem Tod, entschuldigte er sich. Da hatte diese eine Szene sie längst gebrandmarkt „wie ein misslungenes Tattoo, das man ein Leben lang versucht zu verstecken“.
Das sind die Worte der französischen Autorin und Journalistin Vanessa Schneider, die über ihre berühmte Cousine ein Buch geschrieben hat, das 2024 verfilmt wurde. Nun erschien „Die Geschichte der Maria Schneider“ in deutscher Sprache. Vanessa Schneider hat sich „Der letzte Tango in Paris“ nie angesehen, denn ihre Cousine, „wollte nicht, dass man sich nur dafür an sie erinnert“.
In ihrem Werk erzählt sie, wer die Frau mit den wilden, dunklen Locken, der rauen Stimme und der umwerfenden Spontaneität war. Durch ihre chaotische Familiengeschichte fehlte ihr von Anfang an der Halt. Ihre Mutter lehnte sie ab und warf sie im Alter von 15 Jahren endgültig aus dem Haus; ihr Vater, der bekannte Schauspieler Daniel Gélin, erkannte sie erst in ihrem Jugendalter an.
Bis zur Geburt ihrer 16 Jahre jüngeren Cousine Vanessa, der Autorin, lebte Maria Schneider zeitweise bei deren Hippie-Eltern. Später nahmen sie Brigitte Bardot und Alain Delon unter ihre Fittiche, Patti Smith schrieb ein Lied für Maria Schneider, Bob Dylan wurde ihr Liebhaber. Erst nach der Begegnung mit ihrer langjährigen Lebenspartnerin verlief ihr Leben in ruhigeren Bahnen, fernab vom Glamour.
In ihrem sehr persönlichen Buch beschreibt Vanessa Schneider das Lebensgefühl der „wilden 70er“, die sexuelle Befreiung und ihre Schattenseiten, die knallharte Kinowelt.
Als „Der letzte Tango in Paris“ 1972 erschien, provozierte er einen Skandal, kam auf den Index, wurde für Minderjährige verboten und vor allem in Italien zum Gegenstand eines harten Kampfes zwischen den „Befürwortern einer gewissen moralischen Ordnung und den Verteidigern der künstlerischen Freiheit, zwischen Spaßbremsen und Quertreibern“, so formuliert es Vanessa Schneider. Heute gilt er als Paradebeispiel sexueller Gewalt.
Maria Schneider erlebte nicht nur die Dreharbeiten, bei denen sie fast ständig nackt war, als Demütigung. Nach der Veröffentlichung des Films wurde sie geschnitten, verspottet, verhöhnt. Künftig bot man ihr nur noch Rollen als „leichtes Mädchen“, Sexbombe oder Objekt männlicher Fantasien an.
Lange vor der Bewegung #metoo gegen sexuellen Missbrauch in der Kinoszene und über sie hinaus kannte die 19-Jährige ihre Rechte nicht, um sich gegenüber dem Star-Regisseur Bertolucci zu verteidigen. „Du wusstest damals noch nicht, dass du im Schnitt hättest verhindern können, dass diese Szene im Film gezeigt wird“, schreibt Schneider an ihre Cousine gerichtet.
Diese habe „keine Ahnung vom Filmgeschäft, seinen Regeln und Gesetzen“ gehabt. „Du warst jung, allein, schlecht beraten. Das perfekte Opfer.“
Und doch, das zeigt die Autorin in ihrer liebevollen Hommage an ihre Cousine, löste sich Maria Schneider von dieser traumatisierenden Erfahrung, versöhnte sich mit ihrem Schicksal.
Im Alter von 58 Jahren erlag sie einer Krankheit, schied ohne Reue und Champagner trinkend aus dem Leben. „Inmitten von Geperle und Gelächter bist du gegangen, umgeben von liebenden Gesichtern und prickelndem Lächeln. Aufrecht, erhobenen Hauptes, leicht beschwipst. Grandios.“