Osnabrück Die andere Kultur der Gefühle: Was war noch einmal ein Stelldichein?
Die Anstandsdame war meistens mit dabei: Das Wort Stelldichein erzählt vom Kennenlernen anno dazumal. Auf den ersten Blick. Warum es trotzdem lohnt, sich das alte Wort noch einmal näher anzusehen.
Wer vom Date spricht, wird über das Stelldichein womöglich nur lachen. Ein Treffen in der Anwesenheit einer Anstandsdame, ein Rendezvous, das zu keiner weiteren Nähe führen darf? Das Stelldichein: Dieses Wort wirkt heute, als sei es von Klischees einer prüden Zeit wie von einer dichten Efeuhecke überwachsen. Da ist kein Durchkommen für den modernen Zeitgeist. Meint man.
Ich halte viel von dem alten Wort. Stelldichein: Das klingt nach einem zarten Einverständnis, von dem noch keiner wissen soll, das klingt nach Zuneigung und Zärtlichkeit. Dieses Wort klingt vor allem nicht so technisch und abgeklärt wie das aus dem Englischen übernommene Date.
Seien wir ehrlich: Jüngere können mit dem Wort Stelldichein wahrscheinlich nicht mehr viel anfangen. Wer mit der digitalen Welt aufgewachsen ist, mit Chatdiensten und Datingplattformen, der kann sich kaum noch vorstellen, wie sich junge Frauen und Männern vormals einander annäherten. Das Wort Stelldichein erzählt nicht nur von einer Welt mit anderen gesellschaftlichen Konventionen, es bewahrt vor allem den Klang einer ganz anderen Gefühlskultur.
Woher kommt das Wort Stelldichein? Auch wenn es gar nicht danach klingt: aus dem Französischen. Im 17. Jahrhundert wurde das französische Rendezvous zum deutschen Stelldichein. Der deutsche Begriff färbte darauf hin auf den französischen Ausgangsbegriff ab – zumindest für uns Deutsche.
Das Rendezvous verstehen wir heute noch als amouröse Verabredung. Franzosen wundern sich darüber. Für sie bezeichnet das rendez-vous schlicht eine Verabredung oder ganz trocken das, was wir als Termin bezeichnen würden. Ein Rendezvous kann man danach auch beim Zahnarzt haben. Keine romantische Vorstellung, oder?
Heute heißt das Stelldichein schlicht Treffen oder Date. Dabei geht die Bedeutung dieser Begriffe schon auseinander. Mit dem Stelldichein verbindet sich die vorsichtige Annäherung. Dieser Begriff klingt nach Liebesbrief und Momenten der Sehnsucht. Aber ist das nicht schöner als jedes Speed-Dating, in dem potenzielle Partner nur noch als Option im Sekundenfenster sichtbar werden?
Ich finde, dass es sich lohnt, über den Begriff des Stelldicheins neu nachzudenken und ihm eine eigene Kultur zu entdecken – auch wenn die Zeit der Anstandsdamen nun wirklich vorbei sein sollte.