Helge Schneider in Aurich Unberechenbares und liebenswertes Unikat
Zum Auftakt der Gezeitenkonzerte trat Helge Schneider mit seiner Band in der Auricher Sparkassen-Arena auf. Es war ein kurzweiliger Abend für die rund 1000 Gäste.
Aurich - Es geht auch ohne „Katzeklo“: Dass Helge Schneider bei seinem Konzert zum Prolog der Gezeitenkonzerte auf seinen größten Hits verzichtet hat, dürfte am Ende niemanden im Publikum wirklich gestört haben. Denn die knapp 1000 Anwesenden erlebten am Sonnabend in der Auricher Sparkassen-Arena wieder ein Programm, das an Originalität seinesgleichen suchte. Nach 2023 war es binnen zwei Jahren bereits der zweite Auftritt von Schneider in der „Mehrzweckbarracke“, wie er die Sparkassen-Arena scherzhaft titulierte.
Nach Ostfriesland geholt hatte ihn erneut Matthias Kirschnereit, musikalischer Leiter der Gezeitenkonzerte, der ein bekennender Fan des Künstlers ist. Was die beiden verbindet, wurde am Sonnabend schnell klar, sobald Schneider am Klavier oder an der Orgel Platz nahm und zu einer seiner ausgedehnten Jazz-Improvisationen ansetzte. Der Mann aus dem Ruhrpott ist und bleibt einfach ein begnadeter Musiker – und das keineswegs nur auf den schwarzen und weißen Tasten.
Ein Virtuose an mehreren Instrumenten
Im Verlaufe des Konzertes bediente er darüber hinaus ein Xylophon, ein Akkordeon, eine Panflöte, eine Trompete sowie diverse Saiteninstrumente. Wenn er dabei bisweilen den ein oder anderen schrägen Ton produzierte, geschah dies bewusst. Absolut genial geriet eine Persiflage auf „posende“ Rock-Gitarristen, die ihr Instrument für gewöhnlich in ohrenbetäubender Lautstärke aufzudrehen und mit allerlei Effektgeräten zu verzerren pflegen. Schneider zeigte, wie solches übertriebene Gehabe mit einer völlig unverstärkten E-Gitarre wirkt, nämlich meistens reichlich lächerlich. Ähnlich eindrucksvoll war ein Trompeten-Solo, nicht zuletzt weil er zum Drücken der Ventile seines Blasinstruments eine süße kleine Äffchen-Handpuppe nutzte. Ungeachtet dessen würde dieser Mann dank einer sonoren und durchaus wohlklingenden Stimme einen mehr als passablen Schlagersänger abgeben, wären da nicht seine absurden, aber eben gerade deswegen urkomischen Texte.
„Wenn ich dich nicht halten kann, dann bleib ich nicht bei dir“, sang er an einer Stelle und fügte gleich hinzu: „Gehst du trotzdem weg von mir, dann komme ich nicht mit.“ In dem Song „Firlefanz“ offenbarte er, dass echte Liebe nur funktioniert, wenn man sich nicht kennt. Oder er erzählte von seiner ersten und finalen Begegnung mit einer Frau, die ein Acetatkleid trug und sich in einer riesigen Stichflamme auflöste, nachdem er sich eine Zigarette angezündet hatte.
Einen Helge Schneider kann die KI nicht nachbauen
In diesem Stile waren auch die kurzweiligen Zwischenansagen, mit denen Schneider zu den einzelnen Liedern überleitete. Einer seiner Gitarren will er demnach Bob Dylan abgekauft haben, „weil der Geld brauchte“, so Schneider, der zudem behauptete, er hätte dem jüngst dahin geschiedenen Papst Franziskus kurz vor dessen Tod noch versucht, telefonisch Mut zuzusprechen, allerdings mit den Worten „Dat wird nix mehr.“
Den vorläufigen Schlussakkord bildete eine wilde Boogie-Einlage, bei der auch die drei musikalischen Mitstreiter des Protagonisten Sandro Giampietro (Gitarre), Willy Ketzer (Schlagzeug) und Leo Richartz (Bass) ihr Können noch einmal unter Beweis stellen durften. Danach folgte die obligatorische Zugabe, in der Schneider ein vermeintliches altes chinesisches Volkslied anstimmte und anschließend dessen Inhalt „übersetzte“. Die Geschichte mündete in eine abstruse Verschwörungsfantasie, wonach Ursula von der Leyen und Markus Lanz inzwischen von einer künstlichen Intelligenz ersetzt worden sind und auch Aurich längst irgendwo im Fernen Osten nachgebaut wurde. Immerhin davor wäre ein Helge Schneider vermutlich allein schon deswegen gefeit, weil er ein unberechenbares und zudem äußerst liebenswertes Unikat ist. Der ließe sich sicherlich nicht so leicht nachbauen. Würde man eine KI mit seinen wunderbar wirren Gedankengängen füttern, würde die sehr wahrscheinlich irgendwann verzweifeln und kollabieren.