Berlin  Nach Merz-Wahlschlappe: Das waren die knappsten Kanzlerwahlen der Geschichte

Patrick Kern
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Von Patrick Kern
| 06.05.2025 14:17 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Über den Bundeskanzler stimmt der Bundestag geheim ab. Foto: dpa/Kay Nietfeld
Über den Bundeskanzler stimmt der Bundestag geheim ab. Foto: dpa/Kay Nietfeld
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Die Wahl von Friedrich Merz zum Bundeskanzler sollte am Dienstag eigentlich nur eine Formalie sein – doch derzeit entwickelt sie sich zum politischen Krimi. Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik ist ein Kandidat im ersten Wahlgang gescheitert. Doch wie knapp waren frühere Kanzlerwahlen?

CDU-Chef Friedrich Merz ist im ersten Wahlgang bei der Wahl zum Bundeskanzler an der erforderlichen Mehrheit gescheitert. Von 316 benötigten Ja-Stimmen der Abgeordneten hat er am Dienstagvormittag nur 310 erhalten. Damit wird es bei der Kanzlerwahl mindestens zu einem zweiten Wahlgang kommen.

Für die Bundesrepublik ist es ein Novum. In der Geschichte aller Regierungsbildungen seit 1949 sind alle Bundeskanzler im ersten Wahlgang gewählt worden. Allerdings war es auch bei früheren Abstimmungen denkbar knapp. Die folgende Tabelle mit Daten des Bundestages zeigt, wie viele Stimmen die Kanzler mehr bekamen, als nötig gewesen wäre:

Daraus ist abzulesen, dass es gleich in der ersten Kanzlerwahl für Konrad Adenauer eng wurde: Im Jahr 1949 erhielt er exakt die 202 Stimmen, die nötig waren. Eine Stimme weniger, und es wäre auch hier zu einem zweiten Wahlgang gekommen.

Ähnlich knapp wurde es vor der zweiten Amtszeit von Helmut Schmidt sowie vor der letzten Legislaturperiode unter Helmut Kohl: In beiden Fällen bekamen sie nur eine Stimme mehr als nötig (Schmidt 250 Ja-Stimmen, Kohl 338 Ja-Stimmen).

Dass sich die geplante Koalition nicht immer einig über ihren künftigen Kanzler war, zeigt die folgende Grafik. Den verhältnismäßig kleinsten Rückhalt hat Kurt Georg Kiesinger im Jahr 1966 erfahren: Von 447 verfügbaren Koalitionsstimmen hat er nur 340 Stimmen erhalten – das macht rund 76 Prozent aus.

Besonders auffällig in dieser Grafik sind die beiden Kanzlerwahlen von Gerhard Schröder: Im Jahr 2002 bekam er nur eine Stimme weniger als durch die Koalition möglich, im Jahr 1998 bekam er sogar mit Sicherheit Unterstützung durch die Opposition. Hier herrschte also offenbar großes Vertrauen in den eigenen Reihen und darüber hinaus.

Die in absoluten Zahlen deutlichste Mehrheit hat dagegen Angela Merkel vor ihrer dritten Amtszeit erhalten. Sie kam bei 316 erforderlichen Stimmen auf 462 Zustimmungen. Allerdings muss man hier im Hinterkopf behalten, dass der damalige Bundestag mit insgesamt 709 Sitzen der bislang drittgrößte der Bundesrepublik gewesen ist.

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