Über ein Jahrhundert auf der Welt  An ihrem 103. Geburtstag schaut sie mit wachem Blick in die Zukunft

| | 13.05.2025 15:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Mit ihren 103 Jahren blickt Johanna Brummer aus Wiesmoor auf ein bewegtes Leben zurück. Foto: Klaus Ortgies
Mit ihren 103 Jahren blickt Johanna Brummer aus Wiesmoor auf ein bewegtes Leben zurück. Foto: Klaus Ortgies
Artikel teilen:

Diese Wiesmoorerin kann auf ein bewegtes Leben blicken: Als Krankenschwester im 2. Weltkrieg reiste Johanna Brummer durch Europa. Nach Ostfriesland kam sie erst lange danach. Lebensmut? Vorhanden!

Wiesmoor - Johanna Brummer braucht eine Weile für den Weg von ihrem Zimmer ins Foyer des Altenheims der Arbeiterwohlfahrt an der Kastanienstraße. Gestützt auf ihren Rollator und in Begleitung ihres Sohnes Volker (63) und dessen Frau geht sie in kleinen Schritten auf unsere Redakteurin zu, die anlässlich des besonderen Geburtstags zu Besuch ist. 103 Jahre alt wurde Johanna Brummer an diesem Dienstag, 13. Mai 2025. Auch wenn die Menschen allgemein immer älter werden – diese Zahl ist beeindruckend.

Das Geburtstagskind selbst zeigt sich hingegen recht unbeeindruckt von der Zahl. Ob der Bürgermeister heute komme, fragt sie die Redakteurin, die das nicht beantworten kann. „Das muss nicht sein“, sagt sie und lächelt. „Ich bin eine kleine Bürgerin.“ Klein ist sie, die zarte Frau in der cremefarbenen Strickjacke mit Glitzerfäden und einem Seidentuch in freundlichen Farben betritt zwar langsam, aber zielstrebig den Raum, ihr Blick ist kaum müde, vielmehr wach und neugierig bei der Begrüßung. Ihre kurzen grauen Haare sehen aus, als wollten sie sich in alle Richtungen umsehen und sagen: Was sind schon 103 Jahre?

Den wachen Blick hat Johanna Brummer (103) sich erhalten. Foto: Klaus Ortgies
Den wachen Blick hat Johanna Brummer (103) sich erhalten. Foto: Klaus Ortgies

Aufgewachsen mit neun Geschwistern in Österreich

Geboren wurde Johanna Brummer am 13. Mai 1922 im kleinen Ort Pichla in der österreichischen Steiermark, nahe der slowenischen Grenze, wie Sohn Volker Brummer erzählt. Zehn Geschwister waren sie in der Familie, die mittlerweile jedoch alle verstorben seien. Johanna Brummer fällt eine Schwester ein, die, wie sie andeutet, sehr schön gewesen sei. Sie hört aufmerksam zu, doch das Sprechen fällt ihr schwer, die Stimme bleibt immer wieder weg. An der Unterhaltung nimmt sie trotzdem teil: Sie behilft sich mit den Händen.

Auf dem Weg in den Garten zeigt sie auf ein Eichhörnchen, das in nicht geringer Entfernung von einem Baum springt. Von den anwesenden Personen ist sie die erste, die es sieht. Auch auf die vielen Vögel macht sie aufmerksam. In den Garten gehe sie nicht so oft, so Johanna Brummer. Aber sie sehe sie durch ihr Fenster im ersten Stock.

Zum Geburtstag von Johanna Brummer aus Wiesmoor sind auch Sohn und Schwiegertochter aus der Nähe von Mainz angereist. Foto: Klaus Ortgies
Zum Geburtstag von Johanna Brummer aus Wiesmoor sind auch Sohn und Schwiegertochter aus der Nähe von Mainz angereist. Foto: Klaus Ortgies

Als Krankenschwester erlebte sie den Zweiten Weltkrieg

Im Zweiten Weltkrieg, erzählt Sohn Volker, sei seine Mutter Krankenschwester gewesen und habe in Österreich, Polen und Deutschland die Kriegswirren erlebt. In Sanderbusch lernte sie Gustav aus Wiesmoor kennen, den sie 1957 heiratete. Doch nach Ostfriesland kam das Paar erst viel später. Bis 1992 lebte es in Stuttgart, wo der Sohn geboren wurde.

Schließlich habe die Familie vor der Entscheidung gestanden, nach Österreich oder Ostfriesland zu ziehen. Der Norden überzeugte, seitdem ist Johanna Brummer Bürgerin von Wiesmoor. 2012 verstarb Ehemann Gustav, den sie noch bis sie 89 Jahre alt war, zu Hause gepflegt habe. Er lebte zuletzt hier im Altenheim der Awo, und vor sechseinhalb Jahren habe sich Johanna Brummer entschieden, dass sie auch hier einziehen würde. „Meine Mutter hat immer selbst ihre Entscheidungen getroffen“, so der Sohn.

Glückwünsche vom „schönen Bürgermeister“

Dass sie sich nichts gefallen gelassen hat, betont auch Johanna Brummer im Gespräch. „Ich habe nie meine Klappe gehalten“, sagt sie. Dass sich an dieser Offenheit bis heute kaum etwas geändert hat, beweist sie kurz darauf. Mitten im Gespräch zeigt sie auf einen Mann, der sich nähert. Als Bürgermeister Sven Lübbers (parteilos) vor ihr steht, um ihr zum Geburtstag zu gratulieren, sagt sie, was sie denkt: „Ein schöner Bürgermeister!“

Und dann kam der Bürgermeister doch noch vorbei. Foto: Rilana Kubassa
Und dann kam der Bürgermeister doch noch vorbei. Foto: Rilana Kubassa

Und wie feiert man einen 103. Geburtstag? „In kleiner Runde“, so Schwiegertochter Anja Brummer. Es werde gemeinsam Tee getrunken, auch ehemalige Nachbarn seien dabei. „Von der Familie sind nicht mehr viele da“, sagt sie. Johanna Brummer schaut hingegen in die Zukunft. Bei der Verabschiedung hält sie die Hand der Redakteurin und fragt: „Bis nächstes Jahr?“ Ja, sehr gerne.

Ähnliche Artikel