Rieste Camping-Mythen unter der Lupe: Urlauber räumen mit den gängigsten Klischees auf
Low-Budget-Urlaub, spießig, unkomfortabel. Camping-Urlaub ist mit vielen Klischees verbunden. Gleichzeitig ist diese Form des Urlaubs zunehmend beliebter geworden. Wir haben uns bei Campern umgehört, auf welche Vorurteile sie häufig treffen – und, ob sie womöglich doch stimmen.
Wer regelmäßig zum Camping aufbricht, kennt sie vermutlich alle: die gängigsten Vorurteile über Camper. Auch den Urlaubern am Alfsee Campingplatz in Rieste fallen spontan mindestens ein, zwei Klischees ein. Wir haben uns dort umgehört.
Ein häufiges, hartnäckiges Vorurteil. Das Ehepaar Thumann aus dem Kreis Gütersloh hat vor knapp 15 Jahren zum Campen gefunden. Und das, obwohl sie selbst mit einiger Skepsis an die Sache herangingen. Gerade die Frau von Aloys Thumann hatte schnell den Gedanken vom vermeintlichen Spießertum der Dauercamper im Kopf. Die stehen im Ruf, ihre Parzellen mit Gartenzwergen, akkurat geschnittener Hecke und Vorzelten zu verschönern. Und das sei noch immer nicht ihr Ding.
In der Familie haben die Thumanns viele Camping-Begeisterte, das steckte schließlich an. Nun sagt das Ehepaar: „Wir haben gemerkt, dass Camping schön ist. Auch wenn wir anfangs eher wegen der Hunde gefahren sind.“
Für die Familien Oetjen und Cremer aus Wilhelmshaven gehört Camping seit Jahren zu den gemeinsamen Familienurlauben. Aus ihrer Erfahrung heraus sagen sie sogar: Camping sei nicht nur nicht spießig. Eigentlich sei das Zusammenleben auf Zeit sogar besonders frei und entspannt. „Wir können nur positives berichten. Das schöne ist, einer lässt den anderen so sein, wie er ist.“ Auch Kind und Hund seien willkommen.
Dieses Vorurteil stimmt in Teilen. Denn so ganz unabhängig funktioniert Camping nicht. Das Wildcamping ist in vielen Ländern Europas verboten. Und beliebte Plätze sind meist früh ausgebucht. Einfach losfahren und stoppen, wo es schön ist, funktioniert also nicht. Aloys Thumann sagt daher: „Camping ist nicht die große Freiheit, wie das häufig propagiert wird.“
Das Gütersloher Ehepaar ist trotzdem maximal flexibel, beide sind in Rente. So sagt Thumann manches Mal zu seiner Frau: „Komm, es ist gutes Wetter, wir machen den Kühlschrank voll. Los geht es.“ In Regel fahren sie für ein paar Tage in der Nebensaison. Da findet sich dann auch spontan ein Platz.
Sicherlich, viele Camper beschränken sich vor allem auf die Sommermonate. Aber so wie Thumanns bei zehn Grad mit Rätselheft vor dem Wohnmobil sitzen, haben auch die Oetjens und Cremers bei nächtlichen Temperaturen um den Gefrierpunkt gezeltet.
Und die Buchungslage am Alfsee-Campingplatz beweist, dass diese These nicht ganz stimmt. Zwar sagte Prokurist Benjamin Kühn in der Vergangenheit über die beliebtesten Zeiten am Alfsee: „Ganz klar die Feiertage. Ostern, Himmelfahrt, Fronleichnam, Pfingsten.“ Doch sogar über Weihnachten seien Parzellen vermietet.
Zu viel Vorbereitung, nicht so erholsam, unbequem. Das, so glaub Svenja Özdemir, geht in vielen Köpfen um, wenn ihre Familie von ihren Urlauben mit dem eigenen Wohnmobil erzählt. Sicherlich, es bedarf einiger Vorbereitung, bevor Svenja, Umut, Mikan und Jiyan Özdemir losfahren. „Man muss einladen, ausladen, vieles vorbereiten“, sagt Svenja Özdemir.
Das Frühstück bringt nicht der Zimmerservice und das Geschirr muss im Waschhäuschen abgewaschen werden. Das findet manch einer sicher lästig und hat keine Lust, sich damit zu beschäftigen. Schließlich will man mit dem Urlaub dem Alltag entfliehen. Und auch der Standard vieler Wohnmobile, Wohnwagen und erst recht von Zelten ist eher solide, denn luxuriös.
Gehört, hatte Silke Bohn das auch schon und hat sogar selbst dran gedacht. Sie erzählt: „Ich hatte ganz viele Vorurteile, weil ich das nicht kannte.“ Und weiter: „Ich dachte, das wäre alles furchtbar unkomfortabel.“ In der Vergangenheit hätten sie häufiger mal eine Finca gemietet oder eine Kreuzfahrt gebucht. Die erste Reise mit dem gemieteten Wohnmobil ging nach Norwegen. Und so hat sie inzwischen Gefallen an Camping-Urlauben gefunden. Sie sagt: „Ich finde das praktisch, weil man vor Ort so mobil ist.“
Viele Reisende scheuen sich vor heruntergekommenen Sanitäranlagen mit Gemeinschaftsduschen auf Campingplätzen. Auch die Chemietoilette, die häufig in Wohnmobilen verbaut ist, löst in manch einem ausgeprägten Ekel hervor. Schließlich muss die regelmäßig geleert werden, wenn man sie denn benutzt.
Mit diesem Vorurteil ist auch Umut Özdemir schon konfrontiert worden, wie er erzählt. „Wenn man Camping hört, denken viele an schmutzige Toiletten und, dass alles ein bisschen eklig ist“, sagt der Familienvater. Um direkt zu ergänzen: „Hier ist alles picobello.“
Umut Özdemir bringt Migrationshintergrund in zweiter Generation mit, wie er sagt. Ihm begegnen daher übrigens auch spezielle Vorurteile: „Mit Migrationshintergrund geht man nicht campen.“ Und er zeigt: Geht man doch.