Berlin „Nicht mein Mandant“: Diese drei Täter-Typen vertritt TV-Anwalt Ingo Lenßen aus Prinzip nicht
Kult-Anwalt Ingo Lenßen ist mit „Lenßen hilft“ täglich im Fernsehen zu sehen. Im Interview spricht er über seine Karriere, moralische Grenzen bei der Mandatswahl und seine Zukunftspläne.
In seinem neuen Format „Lenßen Hilft“ tauscht Ingo Lenßen das Studio gegen einen Bus und fährt durch Berlin, um Menschen bei ihren Problemen zu unterstützen. Im Interview spricht er unter anderem über die Veränderungen in seinem neuen Format auf Sat.1 und darüber, wen er niemals vertreten würde und welche Pläne er für den Ruhestand hat.
Frage: Herr Lenßen, wenn man an Sie denkt, wird einigen als erstes Ihr Bart einfallen. Der ist ja auch zu so etwas wie Ihrem Markenzeichen geworden. Seit wann gibt es den schon und hatten Sie eine Art Vorbild dafür?
Antwort: Tatsächlich hatte ich eine Anregung für den Bart. Ich war 21 und habe damals eine Reise an der Loire entlang gemacht und mir die Loire-Schlösser angeschaut. Dazu hatte ich einzelne Bücher aus der Comédie humaine von Honoré de Balzac gelesen. Durch Zufall habe ich dann das Museum von ihm besucht und Bilder gesehen. Dazu kommt auch noch, dass ich ein großer Fan von Mantel- und Degenfilmen bin. D‘Artagnan von den drei Musketieren hat es mir dann schon angetan. Den passenden Bart habe ich dann wachsen lassen, sehr zum Leidwesen meiner Mutter.
Frage: In Ihrem neuen Format „Lenßen hilft“ sind Sie auf Sat1 mit einem Bus in Berlin unterwegs, anstatt in einem Studio Rechtssendungen zu moderieren. Was hat sich noch verändert?
Antwort: Es ist etwas ganz anderes! Wir haben jeden Tag andere Locations und neue Darsteller, die vor einem stehen, die mit einem spielen und die mal mehr, mal weniger Erfahrung haben. Und so ist jeder Tag eigentlich für uns ein innovatives, neues Erlebnis. Die Menschen freuen sich, mit uns arbeiten zu dürfen und umgekehrt.
Frage: Und welche Fälle übernehmen Sie bei „Lenßen hilft“?
Antwort: Wir fokussieren uns auf die Probleme der Menschen, die zu uns kommen. Es geht weniger um Crime als um Alltagsprobleme, mit denen die Menschen zu kämpfen haben. Ob das jetzt ein Enkeltrick ist, ein Bankbetrug, ein Sorgerechtsfall oder aber ein Problem aus dem Bereich des Opferschutzes. Dazu bieten wir konkrete Hilfe an. Es werden Tafeln eingeblendet, auf denen man sehen kann, wohin man sich zum Beispiel als Opfer eines Enkeltricks wenden kann, wer einem da hilft und wo man die Telefonnummern melden kann, damit es anderen nicht auch passiert.
Frage: Sie sind also so nah wie möglich an den Menschen dran?
Antwort: Ja, wir bezeichnen dieses Format ja auch als „Helptainment-Format“. Das ist eine Mischung zwischen Hilfeleistung und Unterhaltung. Wir versuchen, den Menschen im Rahmen der Unterhaltung bei ihren Problemen weiterzuhelfen.
Frage: Liegen Ihnen diese Fälle eher als die klassischen Straftaten?
Antwort: Ich bin auf der einen Seite wirklich ein Strafrechtler. Auf der anderen Seite geht mir natürlich immer wieder nahe, welche Not Menschen erfahren. Und zwar aus einem einfachen Grund: Ich maße mir an, zu sagen, dass ich mit diesen Problemen umgehen kann. Aber jemand, der rechtlich nicht bewandert ist, der steht oftmals hilflos da. Und deshalb bin ich ja Anwalt geworden: um den Leuten zu helfen.
Frage: Sie sagen, die Not Ihrer Mandanten gehe Ihnen nahe. Nehmen Sie auch Fälle mit nach Hause, die Sie besonders berühren?
Antwort: Ja, ich nehme natürlich Fälle mit nach Hause. Den Talar nach der Arbeit an den Nagel zu hängen – das ist nicht meins, auch wenn andere das von sich behaupten. Das ist nicht das Berufsethos, das ich habe. Ich lasse die Probleme gerne an mich rankommen und ich kann sie auch verarbeiten. Nicht jeder Fall geht mir ein bisschen ans Herz. Aber wenn da mal einer ist, ist es doch schön, wenn man das mitempfinden kann. Das darf aber natürlich nicht vom professionellen Denken ablenken, das ist ja klar.
Frage: Ist das für Sie auch eine Art Motivation, sich noch mehr für Ihre Mandanten ins Zeug zu legen?
Antwort: Das ist natürlich ein Ansporn. Etwa, wenn einem Opfer Geld durch den Enkeltrick abgeluchst wurde, das Geld aber für ärztliche Behandlungen oder den altersgerechten Umbau des Hauses gebraucht wird. Dann spornt mich das doch mehr an, wenn ich die Not noch ein bisschen nachvollziehen kann, als wenn ich allein analytisch da sitze und sage, ja gut, das fehlt jetzt halt.
Frage: Wenn Sie einige Fälle besonders berühren, gibt es dann auch welche, die Sie ablehnen?
Antwort: Jemand, der von mir vertreten werden will, der muss einen Grund haben für sein Fehlverhalten. Wenn jemand sagt, er hat eine Anklage wegen einer Körperverletzung, dann frage ich, warum es dazu gekommen ist. Wenn er mir sagt: „Der andere hat einfach ein dummes Gesicht gemacht und ich habe reingeschlagen“, dann ist es nicht mein Mandant. Sexualstraftaten vertrete ich grundsätzlich nicht. Das hat nichts mit Moral zu tun, sondern ganz einfach, weil das Abgründe sind, mit denen ich mich nicht auseinandersetzen möchte. Und Straftaten aus der rechten Szene. Das heißt, alles, was von rechts außen kommt, wird von mir auch nicht vertreten.
Frage: Nach so einer langen Zeit verliert man bestimmt schonmal den Überblick, aber wir versuchen es mal: Wie viele Fälle haben Sie in den vergangen 20 Jahren bearbeitet?
Antwort: Das stimmt, ich weiß es tatsächlich nicht genau. Mir hat letztens jemand zugerufen, dass es irgendwas über 1.300 waren, die ich bei „Lenßen und Partner“ gemacht habe. Dann kamen, weiß ich gar nicht, um die 400 bei „Lenßen“ und „Lenßen übernimmt“. Und jetzt nochmal über 300 bei „Lenßen Hilft“. Und dann kommen ja nochmal 1000 bei Alexander Hold dazu. 3000 bis 4000 dürften es also locker sein.
Frage: Und wie sieht Ihre Gewinnquote aus?
Antwort: Im Fernsehen 100 Prozent (lacht). Im realen Leben weiß ich das tatsächlich nicht. Aber ich habe eine Quote im Kopf, weil die so erschreckend niedrig ist im Allgemeinen. Und zwar ist es die Freispruchquote bei Strafprozessen. Das sind so ungefähr drei Prozent im Bundesdurchschnitt, meine liegt auf jeden Fall darüber.
Frage: Warum, denken Sie, ist diese Quote in deutschen Gerichten so niedrig?
Antwort: Weil wir ein funktionierendes Rechtssystem haben und die Staatsanwaltschaften meistens sehr ordentlich arbeiten, auch wenn die Polizei unter einem immensen Ermittlungsdruck steht. Das bedeutet, dass eine Anklage in der Regel auch nur erhoben wird, wenn eine Verurteilung wahrscheinlich ist. Entsprechend niedrig sind die Chancen auf einen Freispruch, wenn erstmal Anklage erhoben wurde. Wenn ein Vorwurf hingegen sich nicht erhärtet, wird ein Ermittlungsverfahren in der Regel frühzeitig eingestellt und es geht gar nicht erst vor Gericht. Daneben gibt es natürlich immer Fehlurteile. Aber ich sage auch ganz ehrlich, ich glaube, diese Fehlurteile, die müssen wir im Rahmen einer demokratischen Grundordnung auch abkönnen und mittragen.
Frage: Und was passiert mit denen, die unschuldig im Gefängnis gesessen haben?
Antwort: Das ist ein guter Punkt. Diejenigen, die zu Unrecht verurteilt wurden, müssen entsprechend entschädigt werden. Und so finde ich zum Beispiel die 75 Euro, die jemand heute als Entschädigung für einen Tag Haft erhält, die er zu Unrecht im Gefängnis saß, viel zu wenig.
Frage: Was wäre angemessen?
Antwort: Das ist eine Frage, bei man nicht so schnell zu einer Antwort kommen sollte. Denn zum einen geht es da um das Monatseinkommen, zum anderen um weitere individuelle Aspekte des Betroffenen. Was aber noch wichtiger ist: Wie viel ist ein Tag in Freiheit wert? Und wie viel ist das Leid wert, einen Tag unschuldig im Gefängnis zu sitzen?
Frage: Wenn man so lange dabei ist wie Sie, erlebt man viele Veränderungen im deutschen Recht. Was ist aus Ihrer Sicht die Bedeutendste der letzten Jahre?
Antwort: Da gibt es so viele, aber ich will eine herauspicken. Und das ist die Stärkung des Opferrechts. Wenn Opfer beispielsweise gesundheitliche Schäden erlitten haben, können sie staatliche Unterstützung für Heilbehandlungsleistungen, Rentenleistungen und Fürsorgeleistungen erhalten. Gleiches gilt auch für psychische Beeinträchtigungen. Das ist für mich ein sehr bedeutsamer Punkt im Strafrecht, denn über Opfer wird meist auch weniger gesprochen als über die Täter. Insgesamt gibt es aber ungeheuer viele. Darüber könnte man über Stunden sprechen und wäre trotzdem nicht fertig.
Frage: Viele würden Sie als einen der ersten deutschen Reality-Stars bezeichnen …
Antwort: Also Star können wir gleich mal weglassen. Das ist etwas, was ich überhaupt nicht hören will. Und wenn es um Reality geht: Ich trete zwar unter meinem Namen auf, aber das ist alles eher Zufall. Es war damals so, dass wir gefragt worden sind, ob man unsere Namen nennen dürfte. Wir machen schließlich „Light Fiction“, erzählen also Geschichten nach. Diese Formate haben mit einem Reality-Format für mich wirklich nur noch wenig zu tun.
Frage: Und wie sind Sie ins Fernsehen gekommen?
Antwort: Das war sehr unspektakulär: Ich hatte irgendwann einmal ein Fax, ja ein Fax, auf dem Schreibtisch. Da stand drin, ob ich nicht Lust auf Fernsehen hätte. Das war es schon.
Frage: Mehr als 20 Jahre später und Sie sind immer noch im TV. Mit 64 denken viele andere schon über die Rente nach, ist das bei Ihnen auch der Fall?
Antwort: Nein! Es gibt keine Pläne für den Ruhestand und die wird es auch so schnell nicht geben. Ich habe den Segen, die Berufe auszuüben, an denen ich eine unglaubliche Freude habe. Das werde ich so lange machen, wie es Spaß macht. Und ich sage nur eines: Wer zu früh aufhört, der wird auch schneller alt. Ich bleibe ganz gerne Ansprechpartner auf Augenhöhe. Außerdem ist doch sehr toll, wenn man mit jungen Menschen arbeiten darf. Man lernt täglich so viel. Das ist fantastisch.
Frage: Aber was, wenn es doch mal in Rente geht?
Antwort: Für diese Zeit habe ich eigentlich nur einen neuen Berufswunsch: Ich möchte gerne der Caddy meines Sohnes werden und ihm die Tasche tragen. Er ist professioneller Golfer und ich möchte ihn gerne unterstützen. Das haben wir auch schon besprochen.
Frage: Sie selbst haben lange Eishockey gespielt und waren auch als Trainer aktiv. Hat Ihr Sohn die Sport-Affinität von Ihnen geerbt?
Antwort: Das stimmt, Eishockey ist meine Passion, ich war nach der Jugend auch im erweiterten Kader in der Nationalmannschaft. Und ja, ich glaube, den Sport haben wir schon zusammen erlebt. Wir haben seitdem er zwei ist, ständig irgendwas miteinander gespielt: Fußball, Tischtennis oder Hockey. Mittlerweile verbindet uns die Golfleidenschaft sehr. Das heißt, wenn ich spiele, spiele ich mit ihm und seinen Freunden. Da freue ich mich immer sehr, wenn die Gelegenheit da ist. Zusammen gewinnen wäre natürlich auch schön.
Frage: Der Wille, gewinnen zu wollen: Ist das etwas, was Anwälte und Sportler gemeinsam haben?
Antwort: Den Antrieb zu gewinnen hat man als Sportler und sollte ihn auch als Anwalt haben.
Frage: Sie haben also nichts von Ihrem Ehrgeiz verloren und wollen etwas Neues machen und lernen?
Antwort: Also Ehrgeiz ist für mich ein bisschen zu verbissen. Ich würde eher sagen, ich bin immer noch kampflustig. Und nein, ich höre nie auf zu lernen. Ich glaube auch, man kann von jedem lernen. Und das würde ich gerne immer machen. Neugier ist das Zauberwort!