Raumnot an der Grundschule  So wirkt sich die Umstellung auf Ganztag aus

Karin Böhmer
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Von Karin Böhmer
| 22.05.2025 10:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Der Werkraum der Grundschule Wallinghausen hat inzwischen einen Arbeitstisch mehr als noch vor wenigen Jahren. In den vergangenen vier Jahren ist die Schule um 40 Schüler gewachsen, wie Schulleiterin Christine Wiese (Zweite von links) den Ausschussmitgliedern erklärte. Foto: Karin Böhmer
Der Werkraum der Grundschule Wallinghausen hat inzwischen einen Arbeitstisch mehr als noch vor wenigen Jahren. In den vergangenen vier Jahren ist die Schule um 40 Schüler gewachsen, wie Schulleiterin Christine Wiese (Zweite von links) den Ausschussmitgliedern erklärte. Foto: Karin Böhmer
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Die Grundschule Wallinghausen ist stark gewachsen, der Platz ist knapp. Er reicht schon vormittags nicht aus. Was nun im Hinblick auf die Umstellung auf Ganztagsbetreuung passieren muss.

Aurich - Auf den ersten Blick fehlt es in der Grundschule Wallinghausen an nichts. Das Gebäude und die Klassenräume wirken ordentlich sowie liebevoll und persönlich eingerichtet. Doch Schulleiterin Christine Wiese braucht nur wenige Minuten und ein paar Stippvisiten in einzelnen Räumen, bis den Mitgliedern des Ausschusses für Schule und Kultur der Kopf raucht. Der Auricher Stadtrat wird in Kürze über die Grundschule beraten müssen. Denn das Schulgebäude ist zu klein. Und angesichts des Ganztagsbetreuungsanspruchs ab dem kommenden Sommer sogar viel zu klein.

Die Schule ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Im Sommer 2021 hatte sie 139 Schüler. Inzwischen sind es laut Wiese rund 180. Dieser Anstieg zeige sich schon an Wartezeiten bei den Toiletten - und an „Schülerversammlungen“ auf dem Schulflur vor der Toilette, die es so eigentlich nicht geben sollte, sagt Wiese. Aber die Wartezeiten seien einfach zu lang. Er zeige sich aber auch im Werkraum, wo statt fünf Werktischen mit vier Arbeitsplätzen nun sechs Werktische stehen - und den Raum eng machen.

Klassenräume zu klein für modernen Unterricht

Die Schule ist in allen Jahrgängen zweizügig. Sehr banal gerechnet kommen so 22,5 Schüler auf jeden Klassenraum. Doch die Räume sind unterschiedlich groß. Und unterschiedlich eingerichtet. Und natürlich sind nicht nur die Schüler und eine Lehrkraft in einer Klasse. Oft müssten auch noch Schulbegleiter oder Förderschullehrkräfte hinzugezählt werden, sagt die Schulleiterin. Schüler hätten unterschiedliche Bedürfnisse - und unterschiedlichen Raumbedarf. Wiese gibt zahlreiche Beispiele. Sie zeigt den kleinen Stuhlkreis für die Morgenrunde, die in einem Klassenraum zum festen Ritual gehört. Sie zeigt, wie breit Gänge zwischen Tischen für Kinder mit motorischen Einschränkungen sein müssten.

Die Kinder sollen regelmäßig in Gruppenarbeit lernen. Doch es fehlt an Raum für Differenzierung. Foto: Karin Böhmer
Die Kinder sollen regelmäßig in Gruppenarbeit lernen. Doch es fehlt an Raum für Differenzierung. Foto: Karin Böhmer

Sie zeigt unterschiedliche Sitzgelegenheiten vom Stuhl über den Kippelhocker bis hin zum tragbaren All-in-One-Tisch und -Stuhl, mit dem Kinder auch auf dem Boden sitzend eine Schreibunterlage haben. Und sie erläutert den Ausschussmitgliedern, dass Kinder nicht auf einheitliche Möbel gezwungen werden sollten, weil ein „Zappelphilipp“, der schon im Kinderbuch „Struwwelpeter“ von 1845 nicht gut stillsitzen konnte, viel zu viel Konzentration aufs Sitzen verwenden müsse und entsprechend weniger zum Lernen komme.

Differenzierungsräume fehlen

Wiese berichtet auch, dass Unterricht sich im Vergleich zu früher deutlich gewandelt habe. Frontalunterricht sei die absolute Ausnahme. Die Kinder lernen heute in Gruppen oder in Stillarbeit - oft digital unterstützt. Das brauche Platz, damit die Kinder in Ruhe arbeiten könnten. Weil Differenzierungsräume fehlten, müssten Gruppen oft auf dem Flur arbeiten. Auch Kinder mit besonderem Unterstützungsbedarf brauchten eigentlich einen Differenzierungsraum. Und auch Kinder mit auffälligem Verhalten könnten an machen Tagen nicht gut in der Klasse lernen - seien aber auch auf dem Flur nicht gut aufgehoben, so Wiese.

Hinzu kommen noch spezifische Probleme: In einem Klassenraum, der in Richtung Kita zeigt, ist ohnehin wenig Platz. Im Sommer bekomme er aber auch noch volle Sonne ab. Eigentlich müsste dann bei offenem Fenster gearbeitet werden. Das sei angesichts der Geräuschkulisse der Kita aber schwierig, erläuterte Wiese. Und selbst bei geschlossenen Fenstern, sei die Arbeit anspruchsvoll. Die Schule wünsche sich dringend Dreifachverglasung. Denn die Arbeitsbedingungen forderten bereits Tribut in Form von Erkrankung der Lehrkräfte. Eine Kollegin fahre bereits in den Pausen nach Hause, um kurz zur Ruhe kommen zu können.

Ganztag beschleunigt Entscheidungsfindung

Ausschussmitglied Bodo Bargmann (CDU) fragte nach: Die Raumnot der Grundschule Wallinghausen werde nicht zum ersten Mal besprochen. Wann denn konkrete Vorschläge seitens der Verwaltung gemacht würden?

Dieser Klassenraum ist sonnenbeschienen und liegt nahe an der benachbarten Kita. Foto: Karin Böhmer
Dieser Klassenraum ist sonnenbeschienen und liegt nahe an der benachbarten Kita. Foto: Karin Böhmer

Ausschussvorsitzender und pensionierter Lehrer Volker Rudolph (GAP) lobte das aus seiner Sicht beeindruckende pädagogische und didaktische Konzept. Um die steigende Zahl an Schülern in dieser Form beschulen zu können, sei in Wallinghausen ein Neubau nötig. Dafür müssten aber zunächst ein Vorschlag der Verwaltung gemacht und Mittel in den Haushalt eingestellt werden. Einig sei sich die Politik, dass der Ganztagsbetrieb, der laut Gesetz ab Sommer 2026 Jahrgang um Jahrgang eingeführt werden muss, auch am Standort Wallinghausen stattfinden soll. Es sei gerade den jüngeren Schülern nicht zuzumuten, dafür an die Schule in Egels zu pendeln.

Dass die Einführung des Ganztagsschulbetriebes bevorsteht, dürfte der Grundschule Wallinghausen in die Karten spielen. Nicht, weil die Probleme dadurch kleiner werden, sondern weil sie damit viel zu groß sind - denn auch für den Ganztagsbetrieb müssen Räume zur Verfügung stehen, inklusive Mittagsverpflegung. Bislang hat die Schule kein Ganztagsangebot. Die Schüler, die nach Schulschluss noch betreut werden sollen, wechseln in den benachbarten Hort. Dort gibt es 40 kostenpflichtige Plätze.

Verwaltung: Komplettstart mit allen Jahrgängen wahrscheinlich

Laut Wiese wurde bei einer Vorabfrage nach dem Bedarf an Ganztagsbetreuung für rund die Hälfte der Kinder ein Bedarf angegeben. Es seien also schon in Kürze deutlich mehr als 40 Plätze nötig.

Fachbereichsleiterin Dr. Edith Ulferts berichtete, dass möglichst noch vor den Sommerferien dem Ausschuss mehrere Varianten für einen Ausbau der Schule vorgestellt werden sollten. Die Weichen dazu sollten möglichst bald gestellt werden. Die Verwaltung sei derzeit in Gespräche

An jeder Tür zu einem Klassenraum sind mehrere Begrüßungsformen gezeigt, die die Schüler auswählen können. Foto: Karin Böhmer
An jeder Tür zu einem Klassenraum sind mehrere Begrüßungsformen gezeigt, die die Schüler auswählen können. Foto: Karin Böhmer
n mit den zuständigen Behörden beim Landkreis und beim Land.

Die Idee sei derzeit, im nächsten Jahr schon mit allen vier Jahrgängen in den Ganztagsbetrieb zu starten, so Ulferts. Denn es sei seltsam, wenn die Erstklässler kostenfrei in der Schule betreut würden, ältere Geschwister aber gegen Entgelt in den Hort müssten. Außerdem - und das sei noch ausschlaggebender - würden dann die Räume des Horts frei und könnten für die Ganztagsbetreuung verwendet werden. Es seien dabei noch einige Finanzierungsfragen offen, so Ulferts. Denn das Land übernehme die Ganztagsbetriebskosten ab Klasse zwei vorerst nur für vier Tage pro Woche.

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