Treffen in Horsten  Frauen toben sich an der Kettensäge aus

| | 27.05.2025 09:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Zum Holzbildhauersymposium fliegen alle drei Jahre ordentlich die Späne in der Horster Dorfmitte. In nur zehn Tagen wird aus dicken Eichenstämmen robuste Kunst, die unter freiem Himmel ausgestellt wird. Foto: Archiv/Susanne Ullrich
Zum Holzbildhauersymposium fliegen alle drei Jahre ordentlich die Späne in der Horster Dorfmitte. In nur zehn Tagen wird aus dicken Eichenstämmen robuste Kunst, die unter freiem Himmel ausgestellt wird. Foto: Archiv/Susanne Ullrich
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Am 6. Juni beginnt das 10. Horster Holzbildhauersymposium. Zehn Tage lang steht das Dorf Kopf. Gastgeber Thorsten Schütt holt diesmal vorrangig Frauen seines Fachs nach Ostfriesland.

Horsten - Spätestens wenn im Dorfmittelpunkt die Kettensägen Krach machen, der Geruch nach frisch gesägtem Eichenholz in der Luft liegt und die Sägespäne fliegen, wissen alle Horster: Es ist wieder Holzbildhauersymposium. Für viele aber ist es ohnehin ein Termin, den sie längst in ihrem Kalender vermerkt haben: Von Freitag, 6. Juni, bis Sonntag, 15. Juni 2025, ist Horsten im Ausnahmezustand. „Das Besondere an diesem Symposium ist, dass alle im Dorf dabei sind. Alle – egal, ob im Bürgerverein oder nicht“, stellt dessen Vorsitzender Olaf Gierszewski klar. Und auch aus den umliegenden Dörfern kommt Unterstützung. Die Freiwilligen beherbergen die Künstler, machen ihnen Frühstück, kochen, backen, grillen, stehen am Zapfhahn des Bierwagens oder sorgen dafür, dass das Werkzeug tagtäglich einsatzbereit ist.

Der Horster Thorsten Schütt ist als Gastgeber immer mittendrin im kreativen Schaffen. Foto: Archiv/Susanne Ullrich
Der Horster Thorsten Schütt ist als Gastgeber immer mittendrin im kreativen Schaffen. Foto: Archiv/Susanne Ullrich

Gastgeber ist der Bildhauer Thorsten Schütt. Der ist die gesamten zehn Tage selbst kreativ im Einsatz – arbeitet Seite an Seite mit den internationalen Kollegen. Er schafft wie die von ihm eingeladenen Künstler auch eine Skulptur für den Skulpturenweg in der Region, die „Skulptour“. Auch darum ist der Bürgerverein als Veranstalter so wichtig. Die vielen Freiwilligen tragen zum Rundum-sorglos-Paket bei, das die Künstler so sehr schätzen. Ein Symposium mit Familienanschluss ans Dorf – das ist eine echte Seltenheit, weiß Schütt. Der kommt selbst in der Welt herum. Der 61-Jährige besucht mindestens ein Symposium pro Jahr, war als Teilnehmer beispielsweise schon in den USA, in Ecuador und Frankreich zu Gast.

Alle drei Jahre werden die Horster zu Gastgebern

Viele Horster stehen dem Bildhauer seit den Anfängen zur Seite. 1998 fand das erste Symposium statt: „Die hatten alle keine wirkliche Ahnung, was da passiert.“ Dennoch sei der Zuspruch immer schon groß gewesen. Schütt erinnert sich an unzählige Situation, in denen das Dorf mitzog – oder einfach mal ein Auge zudrückte: 2007 habe man die Nerven der Anwohner des Dorfplatzes stark strapaziert, erinnert er sich. Die Künstler saßen gemütlich nach Feierabend zusammen, fanden kein Ende. „Da haben wir die ganze Nach durchgetrommelt.“ Ein Nachbar sei morgens vorbeigekommen – nach einer schlaflosen Nacht für die gesamte Familie. Dennoch habe er Schütts Entschuldigung nur abgewiegelt, sagt der. Symposium sei ja nur einmal alle drei Jahre. So seien sie, seine Horster, stellt Schütt voller Bewunderung fest.

Sarah Hillebrecht konnte mit ihren Arbeiten schon eine Vielzahl an Preisen gewinnen. Foto: privat
Sarah Hillebrecht konnte mit ihren Arbeiten schon eine Vielzahl an Preisen gewinnen. Foto: privat

So war es immer schon, erinnert sich der Gastgeber. Als er die Idee eines eigenen Symposiums erstmals beim Bürgerverein präsentierte, war das erste Hilfsangebot gleich ein Volltreffer: „Du kannst unser Ferienhaus haben. Kostenlos“, habe es geheißen. „Gasteltern“ wie diese, die die Künstler unterbringen und umsorgen, sind feste Größen in der Planung. Schütt begann mit drei Gästen, mittlerweile sind es fünf. Die wollen alle adäquat untergebracht sein. Diese und andere Details der Planung sind fürs nunmehr zehnte Horster Symposium bereits abgeschlossen. Gierszewski: „Wir sind jetzt quasi im Endspurt.“

Vier Frauen zeigen sich bei der Arbeit

Wer steht wann am Bierwagen, wer holt die Künstler vom Flughafen ab und wer bringt wann welches Essen vorbei? Dazu findet ein Rahmenprogramm für die Besucher sowie die Künstler statt, inklusive Gottesdienst inmitten der Späne. All das geht irgendwie über den Tisch vom Bürgerverein und somit von Gierszewski. Viele Menschen sorgen fürs Gelingen des Symposiums und eine Wohlfühl-Atmosphäre, in der die Kreativität Raum hat. „Ganz familiär. Wie man es auf dem Dorf kennt.“

Der Inder Gadadhar Ojha lebt seit 2000 in Frankreich. Im Jahr 2024 nahm er an einem Symposium im Oman teil, 2025 ist er in Ostfriesland zu Gast. Foto: privat
Der Inder Gadadhar Ojha lebt seit 2000 in Frankreich. Im Jahr 2024 nahm er an einem Symposium im Oman teil, 2025 ist er in Ostfriesland zu Gast. Foto: privat

Aus dem Rahmen fällt diesmal allerdings die Besetzung des Symposiums. „Ich wollte das zehnte Mal etwas Besonderes machen“, unterstreicht Thorsten Schütt. Er setzt diesmal verstärkt auf weibliche Kreativität und Schaffenskraft unter freiem Himmel. Normalerweise seien Symposien eher männlich dominiert. Das gilt auch für das Horster – hier ist meist nur eine Frau unter den vorwiegend männlichen Kollegen am Werk.

Tülay Içöz lebt und arbeitet in Istanbul. Sie nahm 2013 schon einmal am Horster Symposium teil. Foto: privat
Tülay Içöz lebt und arbeitet in Istanbul. Sie nahm 2013 schon einmal am Horster Symposium teil. Foto: privat

Diesmal sind es mit Sarah Hillebrecht aus Bremen, Susanna Giese aus Stuttgart, der Türkin Tülay Içöz sowie der Polin Lidia Rosińska gleich vier Frauen, die neben Schütt und dem in Frankreich lebenden gebürtigen Inder Gadadhar Ojha täglich in der Zeit von 10 bis 19 Uhr dem Holz neue Strukturen geben. Zwei der weiblichen Gäste sind übrigens keine Unbekannten in Ostfriesland: Tülay Içöz nahm 2013 schon einmal am Symposium teil. Lidia Rosińska war 2019 dabei.

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