Hamburg  Latife Arab: Wieso Ermittler bei der„Clan-Aussteigerin“ nach Schmuck aus dem Grünen Gewölbe suchten

Tim Prahle
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Von Tim Prahle
| 04.06.2025 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die Suche nach Beute aus dem Grünen Gewölbe führte Ermittler auch zu einer angeblichen Clan-Aussteigerin nach Brandenburg Foto: Sebastian Kahnert
Die Suche nach Beute aus dem Grünen Gewölbe führte Ermittler auch zu einer angeblichen Clan-Aussteigerin nach Brandenburg Foto: Sebastian Kahnert
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Seit Wochen wehrt sich die „Clan-Aussteigerin“ Latife Arab gegen den Verdacht, ihre Geschichte erfunden zu haben. Nun wirft das nächste Detail Fragen auf. Das LKA Berlin suchte bei ihr nach Schmuck aus dem Grünen Gewölbe. Die Grenzen zwischen Kriminalfall und Seifenoper sind bei diesen Ermittlungen allerdings fließend.

Abgelegen und idyllisch liegt eine kleine Siedlung voller Gartenlauben im brandenburgischen Blossin. Hier, am Wolziger See im Speckgürtel Berlins ist das Treiben der Hauptstadt weit weg. Doch an diesem Dienstag im zur Mittagszeit dürfte von Ruhe keine Rede mehr gewesen sein. Mehr als ein dutzend Polizeibeamte nehmen an diesem Septembertag ein Grundstück auseinander. Die Gartenlaube wird durchsucht, Sträucher aus der Erde gerissen, Teile des Gartens umgegraben. Die Polizisten vom Berliner Landeskriminalamt suchen auf dem kleinen Grundstück nach Beute aus einem spektakulären Clan-Raub. Sie suchen nach Schmuckstücken aus dem Grünen Gewölbe in Dresden.

Der Einbruch in das Kunstmuseum gilt als eine der spektakulärsten Raubzüge, die der Clan-Kriminalität zugeordnet werden. Mindestens vier mittlerweile rechtskräftig verurteilte Mitglieder der Remmo-Großfamilie brachen 2019 in das Dresdner Residenzschloss ein und stahlen Juwelen im Wert von weit mehr als 100 Millionen Euro. Ein größerer Teil der Beute ist bislang nicht aufgetaucht. 

Auch nicht in dem Garten im brandenburgischen Blossin. Die Polizei rückt ohne Schmuckstücke wieder ab und hinterlässt wohl einen ziemlich verdutzten Eigentümer, der erst Stunden nach Beginn der Durchsuchung telefonisch davon erfahren hat, was auf seinem Grundstück überhaupt los ist. 

Bei dem Mann handelt es sich um den Lebenspartner einer „Clan-Aussteigerin“. Die Autorin mit dem Pseudonym „Latife Arab“ schrieb in einem Buch ihr Leben in einem arabischen Clan nieder. Ihr echter Name ist unserer Redaktion bekannt. Ob die Frau wirklich Mitglied einer kriminellen Clan-Familie war, ist mittlerweile umstritten.   

Zum Zeitpunkt der Durchsuchung in Blossin zweifelt jedoch noch niemand an ihrer Identität. Aber, so vermutete die Staatsanwaltschaft Berlin zu diesem Zeitpunkt, Latife Arab hat von Angehörigen des Remmo-Clans geraubten Schmuck übergeben bekommen – und im Garten ihres Lebensgefährten versteckt. Sowohl die Staatsanwaltschaft Berlin als auch die Anwälte Arabs haben unserer Redaktion die Durchsuchung im September mittlerweile bestätigt.

Was wie eine Räuberpistole klingt, trägt zugleich Züge einer Seifenoper in sich: Denn der Hinweis an die Polizei zum mutmaßlichen Diebesgut kommt von einem anderen Mann in Arabs Leben, zu dem sie eine enge Verbindung hält: Es handelt sich um einen Reporter Fernsehmagazins Spiegel-TV, der über die Autorin und ihr Buch im März 2024 erst einen Fernsehbeitrag drehte und dann eine Affäre mit ihr begonnen haben soll.

So beschreibt zumindest die Autorin die Beziehung der Polizei und unserer Redaktion. Der Journalist selbst äußert sich nicht, sein Arbeitgeber bestätigt offiziell nur eine private Beziehung. Dass der Tipp an die Ermittler von dem TV-Reporter kam, geht aus einer E-Mail hervor, die der Redaktion vorliegt.

Doch warum sprangen die Ermittler sofort darauf an? In diesem September 2024, zwei Wochen vor der Durchsuchung wird die Autorin Latife Arab mutmaßlich überfallen. Eigenen Angaben nach zerren drei Männer sie in Berlin in ein Auto, würgen sie und trachten ihr nach dem Leben. Das Krankenhaus, in dem sie anschließend versorgt wird, wird streng von den Behörden bewacht. Die Polizei ermittelt mit Hochdruck nach den Tätern, die Autorin selbst schweigt jedoch größtenteils. Aus Angst um ihre Familie, wie sie unserer Redaktion sagt. 

Laut Staatsanwaltschaft hat die Autorin jedoch zumindest anfänglich geredet und dabei auch nicht näher definierten Schmuck erwähnt und einen Zusammenhang zum Überfall hergestellt. Wenngleich sie weder das Grüne Gewölbe noch das Grundstück in Brandenburg in diesem Zusammenhang nannte. Diese Hinweise bekamen die Ermittler erst durch „einen weiteren Zeugen“ - den TV-Reporter, der ein so enges Verhältnis zur Autorin pflegte.

Nach Recherchen unserer Redaktion hatten die Ermittler vor der Durchsuchung und nach den Äußerungen der Autorin folgenden Verdacht: Latife Arab hatte den Schmuck nicht nur von „ihrem“ Clan zur Aufbewahrung bekommen, sondern auch einzelne Stücke an sich genommen. Der Überfall auf sie: Eine Racheaktion? Das bleibt bis heute Spekulation.  Die Ermittlungen zum vermeintlichen Tötungsdelikt blieben nach Informationen unserer Redaktion ebenso unergiebig, wie die Suche nach dem Diebesgut im Laubengarten.

Die Staatsanwaltschaft Berlin hat das Verfahren wegen des Verdachts des versuchten Tötungsdeliktes gegen Unbekannt im April 2025 eingestellt – und kann nach eigenen Angaben nicht mal mit Sicherheit sagen, ob der Überfall überhaupt stattgefunden hat. Zwar würden die Verletzungen Latife Arabs zur Überfall-Beschreibung weitestgehend passend, aber zu viele ihrer Aussagen zum Randgeschehen seien „nach den Ermittlungsergebnissen als widerlegt zu betrachten”, heißt es von der Staatsanwaltschaft.

Nach der Durchsuchung in Blossin endet laut Latife Arab die Affäre zwischen Clan-Autorin und Reporter. Letzterer wird aufgrund der ihm gekommenen Zweifel später eine große Geschichte im Spiegel-Magazin initiieren, in dem der Überfall auf und die familiäre Herkunft von Latife Arab bezweifelt werden. In der Folge wird der Vertrieb ihres Buches „Ein Leben zählt nichts – als Frau im arabischen Clan“ vom Heyne Verlag eingestellt. Seither kämpft die Autorin um ihre Reputation. 

Ein Kampf, der sich nach der öffentlichkeitswirksamen Einstellung des Verfahrens zum Überfall im April 2025 auch gegen die Staatsanwaltschaft Berlin richtet. Latife Arab fühle sich durch die öffentlich geäußerten Zweifel der Staatsanwaltschaft an ihrer Glaubwürdigkeit diskreditiert, heißt es in einer Stellungnahme von Latife Arabs Anwalt Vincent Spörl an unsere Redaktion. „Frau Arab erfuhr dann zuerst aus der Boulevardpresse von der Einstellung des Verfahrens und dass die Staatsanwaltschaft bezweifle, dass sie überfallen und misshandelt wurde“, heißt es wörtlich.

Weiter teilt Arabs Anwalt mit, es sei nicht nachvollziehbar, „dass die Staatsanwaltschaft gegenüber der Presse suggeriert, Frau Arab habe über den Überfall gelogen und die Einstellung des Verfahrens sei auf Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit zurückzuführen. Das war nämlich nicht der Fall.“ Das Verfahren sei viel mehr eingestellt worden, weil die Täter des Überfalls nicht ermittelt werden konnten. „Dass Täter nicht ermittelt werden, ist ein alltäglicher Vorgang in Ermittlungsverfahren“, so Anwalt Spörl weiter.

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