Osnabrück Der deutsche Gasgrill-Hype – und warum ich dabei nicht mitmache
Das Grillen mit Holzkohle kommt an sein Ende: Glaubt man aktuellen Umfragen, bevorzugt die Mehrheit der Deutschen mittlerweile Gasgrills – weil die so leicht und spontan zu bedienen sind. Unser Autor kann das nicht nachvollziehen.
An mein erstes Gasgrill-Erlebnis kann ich mich noch gut erinnern: Es war großartig. Wir waren zum Essen bei einem Freund, der gerade in ein eigenes Haus in einem Randbezirk von Berlin gezogen war.
Sommerliches Traumwetter, fröhliche Kinder, und irgendwann brachte unser Freund seinen neuen Gasgrill in Stellung, der mir in diesem ganzen Idyll vorkam wie das Beste aus allen Welten: Als echter Grill atmete er noch eine gewisse Dorfromantik, schien mit seinem modernen Brenner aber zugleich wie gemacht für das dynamische Leben junger Hauptstädter. Besser geht es ja gar nicht, dachte ich. Also, damals.
Zehn, zwölf Jahre wird das jetzt her sein, und während ich in der Zeit immer skeptischer geworden bin, haben es gefühlt die allermeisten Deutschen meinem Freund gleichgetan und sich auch so ein Teil gekauft. Das ist umso bemerkenswerter, als wir hier ja über eine ihrer schönsten Traditionen reden: Grillen ist Heimat, und entsprechend hoch sind die Hürden, an diesem geliebten Ritual irgendetwas zu ändern.
Aber die technische Überlegenheit der Gasgrills ist einfach zu erdrückend: Man kann ihn spontan, ohne jede Wartezeit in Betrieb nehmen und so lange laufen lassen, wie man es braucht. Und er nervt die Nachbarn nicht, weil er nicht qualmt, was insbesondere in Ballungsräumen praktisch ist, in Berlin zum Beispiel.
Mit derselben Unwiderstehlichkeit, mit der die Elektrizität einst die Petroleumlampe ablöste, scheint der Gasgrill so den buchstäblich jahrtausendealten Holzkohlegrill zum Auslaufmodell zu degradieren, zum Relikt. Dass der unendliche neue Spaß je nach Modell schnell ein paar hundert Euro kosten kann, wird dabei allgemein akzeptiert als legitimer Preis des Fortschritts: Wir haben es ja.
Und so gaben bereits im vergangenen Sommer bei einer Fachhandel-Umfrage nur noch 23 Prozent der Befragten an, einen Holzkohlegrill zu benutzen. 62 Prozent bevorzugten schon einen Gasgrill. Vor zehn Jahren, zur Zeit unseres Berliner Gasgrill-Idylls, waren die Umfragewerte noch ziemlich genau umgekehrt.
Der Hype macht nicht einmal mehr vor Menschen in meinem engsten Umfeld halt. Selbst meine Frau liebäugelt neuerdings mit einem Gasgrill. Die sind so sauber und so schnell, sagt sie, und wahrscheinlich will sie mich damit foppen. Sie weiß doch, dass mir beim Grillen mittlerweile ja alles Mögliche wichtig ist: nur nicht, dass es dabei möglichst geruchsarm zugeht und alles möglichst schnell wieder vorbei ist.
Tatsächlich ist das, neben den teilweise unverschämten Anschaffungskosten, der Punkt, der mich an den heiligen Gasgrills am meisten stört: Ich kann es gut nachzuvollziehen, wenn man es beim Abendessen mal möglichst praktisch haben will – das will ich auch ständig. Aber dann braucht man doch nicht zu grillen!
Grillt man aber, dann ist das Besondere daran doch nicht, dass man ein Würstchen isst oder einen Salat macht oder eine Mahlzeit unter freiem Himmel einnimmt. Sondern es ist ja gerade die Umständlichkeit – das Einfüllen der Kohlen, das Hantieren mit den Anzündern, das Warten auf die Glut – die das Grillen so gemütlich macht.
Am allerschönsten finde ich die Viertelstunde, in der die Rauchschwaden vom ersten Anmachen duftend aufsteigen und man schon einmal mit einem kalten Bier anstößt auf alles Kommende. Wenn später das erste Cevapcici fertig auf dem Teller liegt, ist das eigentliche Faszinosum für mich im Grunde schon wieder vorbei. Insofern erkenne ich an, dass der Gasgrill so ziemlich alles besser kann als einer mit Holzkohle. Nur Grillen ist, glaube ich, nicht seine Stärke.