Tierschutz in Wiesmoor Minischwein-Krise bei den „Kleinen Streunern“
Der Tierschutzhof „Kleine Streuner“ in Wiesmoor kämpft mit den Folgen einer außer Kontrolle geratenen Minischwein-Haltung. Nach einer Rettungsaktion leben dort inzwischen rund 120 von ihnen.
Wiesmoor - Anfangs wollte Jenny Conrad gar nicht mit der Zeitung über ihr größtes Problem sprechen. „Jedes Mal, wenn wir öffentlich darum bitten, uns Tiere abzunehmen, hatten wir hinterher mehr statt weniger Tiere“, sagt die Eigentümerin des Tierschutzhofs „Kleine Streuner“ in Wiesmoor entmutigt. Statt der erhofften Interessenten riefen Menschen an, weil sie Tiere abgeben wollten. Nicht immer kann sie so hart bleiben, wie es die aktuelle Situation erfordern würde. Doch inzwischen sind es einfach zu viele Tiere. „Wir haben Aufnahmestopp“, sagt Conrad.
Der Schutzhof hat eine Minischwein-Krise. Bevor sich die Anzahl nicht deutlich reduziert, kann der Hof keine neuen Tiere aufnehmen. Wie es dazu kam, erklärt Jenny Conrad zwei Tage später in der kleinen Sitzecke im Kaninchengehege: Vor zweieinhalb Jahren hatte sie der Notruf der Minischwein-Vorbesitzerin erreicht. Die ältere Frau hatte ihr Haus verloren und musste eine Lösung für ihre 34 Minischweine finden. „Vorübergehend hatte sie alle 34 Tiere in einer Pferdebox untergebracht“, erinnert sich Conrad.
Minischwein-Überraschung: Aus 34 werden 120
„Wir haben anfangs versucht, sie direkt von dort weiterzuvermitteln“, erklärt Jenny Conrad. Doch niemand hatte Interesse an den Minischweinen. Als die Tiere später auf dem Schutzhof einzogen, stellte sich heraus, dass alle 18 Sauen trächtig waren. Damit fing das Problem an. „Minischweine bekommen zwei bis zwölf Ferkel“, sagt Conrad: „Der Tierarzt kam bei der Masse an Ferkeln nicht mit den Kastrationen hinterher. Anders lassen sich die weiteren Schwangerschaften nicht erklären.“ Aus den 34 Tieren wurde so in kurzer Zeit 120.
„Das Problem haben wir mit unserem Tierarzt inzwischen in den Griff bekommen“, sagt Conrad. Jetzt sollen die Minischweine endlich ein neues Zuhause bekommen. Maximal 20 Tiere dürfen bleiben. Conrad steht auf und öffnet das Gatter zur Rinder- und Schweineweide. Zu den Minischweinen vorzudringen, ist nicht einfach. Was im Kaninchengehege die Aufgabe der Katzen ist, übernehmen eine Pforte weiter die Rinder – und fordern ihre Streicheleinheiten.
So leben die Tiere auf dem Schutzhof
Dann macht sich Conrad auf den Weg zu den etwas scheueren Schweinen. „In dieser großen Gruppe sind sich die Schweine selbst genug“, erklärt sie. „Sobald die Tiere in kleineren Rotten gehalten werden, werden sie aber schnell zahm. Sie sind sehr freundliche Tiere und können sogar kleine Tricks lernen“, erzählt sie. Wie groß das Minischwein-Problem wirklich ist, ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen. Denn die Tiere haben viel Platz. Manche Schweinchen sind außerdem so klein, dass sie hinter den großen Binsenbüscheln kaum zu sehen sind.
Erst als ausnahmsweise eine Brotlieferung auf der Weide eintrifft, kommen die meisten heraus. Auch die fünf großen Hausschweine kommen vorbei, um sich ein paar Leckerbissen zu sichern. „Jetzt kann man gut den Unterschied zwischen Minischwein und Hausschwein erkennen“, erklärt Jenny Conrad und nickt in Richtung der tobenden Meute. Die Minischweine reichen ihr gerade einmal bis zum Knie, während die Hausschweine bis über Hüfthöhe wachsen.
Was Minischweine als Haustiere auszeichnet
Die Optik täuscht allerdings, denn Minischweine sind echte Schwergewichte. „Sie können 60 bis 120 Kilogramm auf die Waage bringen“, sagt Conrad. Die kleinen Nutztiere wachsen bis zum fünften Lebensjahr und können bis zu 25 Jahre alt werden: „Man sollte sich also darauf einstellen, dass man lange etwas von ihnen hat.“ Da Minischweine als Nutztiere gelten, ist eine Anmeldung bei der Tierseuchenkasse inklusive jährlicher Bestandsmeldung sowie das Tragen einer Ohrmarke Pflicht. Auch ein doppelter Zaun für den Seuchenschutz ist notwendig.
Minischweine wurden ursprünglich in den 40er Jahren in Amerika für Tierversuche gezüchtet. Sie sind aber inzwischen auch bei privaten Haltern sehr beliebt – vor allem wegen ihrer Intelligenz und Aufgeschlossenheit. Laut Greenpeace gehören Schweine zu den wenigen Tieren, die sich selbst im Spiegel erkennen. Der Umweltschutzverband lobt außerdem die feine Spürnase der Tiere, die denen von Hunden in nichts nachsteht: Wildsau Luise schaffte es sogar in den Polizeidienst. Sie wurde von 1984 bis 1987 bei der Polizei Niedersachsen für die Suche nach Rauschgift und Sprengstoff eingesetzt. Außerdem haben Schweine die Fähigkeit, menschliche Emotionen zu spüren und empfinden Mitgefühl.
Mitmachen und helfen: Ehrenamtliche willkommen
Jenny Conrad möchte die Tiere in gute Hände geben. „Ich hab kein Problem damit, wenn sie jemand auch ins Haus lassen möchte. Aber die Tiere sollten die Wahl haben und sich nach draußen zurückziehen können“, sagt die Tierfreundin. Entgegen ihrem Ruf sind Schweine saubere Tiere. Orte, an denen sie schlafen, nutzen sie nicht als Toilette: „Mit ein bisschen Training werden sie auch stubenrein.“ Zwei Tiere sollten mindestens zusammen gehalten werden. „Besser wären aber drei bis fünf.“ Conrad empfiehlt einen Auslauf von mindestens 500 Quadratmetern bei zwei Tieren: „Damit ein bisschen Grün übrig bleibt und die Rüssel auch mal Gas naschen können.“
„All mein Geld geht momentan in den Unterhalt der Tiere“, sagt Jenny Conrad. Die gelernte Berufskraftfahrerin hat im Jahr 2010 den Hof in Wiesmoor gekauft. 2017 wurde der Tierschutzhof „Kleine Streuner“ offiziell eröffnet und gehört zum Verein „Stark für Tiere e.V.“. Zwar bekommt der Verein Spenden, aber die Schweineschwemme hat ihn an seine Grenzen gebracht. Auch der Pflegeaufwand ist inzwischen höher, als das Personal bewältigen kann. Ehrenamtliche Helfer zu finden, ist schwierig. Wer Schweine aufnehmen, den Schutzhof unterstützen oder mit anpacken möchte, meldet sich bei Jenny Conrad unter Telefon 0157.76450627. Besuche vorher über WhatsApp absprechen.
Warzenenten suchen ebenfalls ein neues Zuhause
Auch der Tierschutzhof selbst sucht ein neues Zuhause. Die Weiden sind zu feucht und bieten den Tieren nicht genügend Nahrung. „Wir müssen immer zufüttern, das geht ganz schön ins Geld,“ sagt Jenny Conrad. Außerdem gibt es Probleme wegen der freiheitsliebenden Warzenenten. Sie wollten sich nicht mit dem Tümpel auf dem Hof begnügen. Stattdessen hatten einige den Kanal vor dem Hof zum Badegewässer ihrer Wahl erklärt. „Dass sie von dort auch die Nachbarn besuchten, fanden die gar nicht gut“, sagt Conrad.
Die besonders unternehmungslustigen Enten sind bereits vermittelt. Sie leben jetzt an einem Tief bei Hooksiel und haben keinen Grund mehr auszubüxen. Doch für 14 weitere Warzenenten sucht Jenny Conrad noch ein Zuhause. Der Ärger mit den Nachbarn hatte zur Folge, dass sie für die Tiere eine Voliere bauen muss. Ein Leben hinter Gittern würde sie den flugfähigen Enten jedoch gerne ersparen. „Wenn sie einen Teich oder Tümpel haben, an dem sie sich wohlfühlen, laufen sie nicht weg“, erklärt Conrad.