Sonneberg Zwei Jahre AfD-Landrat in Sonneberg: Tiefe Risse im Spielzeugland
Im thüringischen Sonneberg regiert seit zwei Jahren Robert Sesselmann, der erste AfD-Landrat Deutschlands. Was hat sich seitdem verändert, im politischen Alltag, im Miteinander? Eine Spurensuche.
Die Teddys fallen sofort ins Auge. In der Eingangshalle des kleinen Bahnhofs begrüßt ein hellbrauner Plüschbär die Ankommenden. Auf dem Marktplatz stehen drei bronzene Exemplar. Nur wenige Meter weiter blickt ein fünf Meter großer Bär durch ein Schaufenster. Über der Tür steht: „Martin Bären“. Ein traditionsreicher Familienbetrieb, 1924 gegründet.
Wer den Laden betritt, wird von hunderten schwarzen Knopfaugen angestarrt. Sie gehören den Teddybären, die hier in mühevoller Handarbeit entstehen. Alles Unikate. Sina Martin hält das Geschäft am Leben. In sechster Generation führt sie die Martin Bären GmbH. Vor 13 Jahren hat sie das Unternehmen in der Sonneberger Innenstadt übernommen, mitsamt Manufaktur und kleinem Museum im zweiten Stock.
Mit leuchtenden Augen erzählt sie von Sonnebergs Geschichte: Wie die Stadt im späten 19. Jahrhundert zum globalen Zentrum der Spielwaren wurde. Wie Puppen und Plüschtiere von hier aus die Welt eroberten. Und wie die Stoffbären auch heute noch Kinder wie Erwachsene begeistern. „Ein Teddybär ist etwas unglaublich Positives, etwas fürs Herz“, sagt Martin.
Dann, beim Thema Politik, wird die 36-Jährige nachdenklich. Die Sätze kommen zögernder. „Mich hat die Wahl sehr getroffen“, sagt sie. „Seit vielen Jahren setze ich mich dafür ein, dass Sonneberg für das bekannt wird, was die Stadt ausmacht: Handwerk und Spielzeug. Doch plötzlich stand unsere Stadt nur noch für diese eine Sache.“
Diese eine Sache ist fast zwei Jahre her. Ende Juni 2023 wurde im Thüringer Kreis Sonneberg ein neuer Landrat gewählt. Die Gewinner hieß Robert Sesselmann. Das allein wäre nicht der Rede wert, und Reporter aus Berlin würden wohl kaum in Martins Teddybärengeschäft über Politik sprechen. Aber Sesselmann ist in der AfD. Der Verfassungsschutz in Thüringen stuft den Landesverband schon seit Jahren als gesichert rechtsextremistisch ein.
Sesselmann bekam 53 Prozent der Stimmen. Er ist der erste Landrat in Deutschland mit einem AfD-Parteibuch. Was hat Sesselmann in Sonneberg erreicht? Und wie ist die Stimmung im Landkreis?
Ein verregneter Junivormittag. Tief hängende Wolken bedecken die sanften Hügel des Thüringer Schiefergebirges, an dessen Ausläufern Sonneberg liegt. Der Landkreis ist mit 55.000 Einwohnern der zweitkleinste in Deutschland. Und grenzt direkt an Bayern. Die Leute sagen „Servus“ zur Begrüßung, oder runden wie Sina Martin die Sätze mit einem „Gell“ ab.
Die Unternehmerin sitzt im hinteren Teil des Ladens an einem dunkeln Holztisch. Dem Landrat sei sie in den vergangenen zwei Jahren eher selten begegnet, höchstens mal auf Events der örtlichen IHK und auf Vereinsfesten, erzählt sie. Dabei ist das rostrote Landratsamt nur die Straße runter.
„Ich habe noch nicht den Eindruck, dass er sich sonderlich für das interessiert, was mir wichtig ist“, sagt Martin. Ihre Ziele sind klar: die Geschichte Sonnebergs als Spielzeugstadt sichtbarer machen und die Innenstadt beleben. Dafür hat sie vor sechs Jahren den Spielzeugverein gegründet. Martin ist eine Person, die ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt. Die sich von ihren Plänen nicht so leicht abbringen lässt.
Das war auch so, als Sesselmann sein Amt antrat. Damals habe sie Hassnachrichten erhalten, schlechte Rezensionen auf Google, sagt sie. Einfach nur, weil sie in Sonneberg lebt und arbeitet. Ein selbsternannter Demokratieverein habe gefragt, warum sie ihr Geschäft nicht aufgäbe, sie würde ja nur Werbung machen für den Kreis. War natürlich Quatsch. Und Martin hatte auch gar nicht für Robert Sesselmann gestimmt.
Doch die Unsicherheit ist geblieben und mit ihr das Gefühl, dass sich etwas im gesellschaftlichen Klima verschoben hat. „Wer sich kritisch äußert, bekommt Gegenwind von den anderen Bürgern, und zwar aus beiden Lagern“, sagt Martin. Sie selbst halte sich lieber zurück. „Ich will Probleme nicht bagatellisieren, ich will aber auch niemanden verteufeln wegen einer anderen Meinung.“
Raus aus dem Euro, Rundfunkbeiträge abschaffen, Grenzen schließen und Friedensverhandlungen mit Russland. Das alles hatte Robert Sesselmann seinen Anhängern im Wahlkampf versprochen. Meine Wahl wird ein Befreiungsschlag für Sonneberg. Das war der Tenor. Ein Konzept für lokale Herausforderungen hatte der 52-Jährige nicht. Und davon gibt es viele.
Der Landkreis ist knapp bei Kasse, die Infrastruktur bröckelt, die Wirtschaft kämpft mit Fachkräftemangel und Stellenabbau. Eine Klinik musste Sesselmann schließen, ebenso eine Grundschule – sehr zum Unmut vieler Menschen in Sonneberg. Die Zwänge kennen viele Landräte. Und Sesselmann kann auch wenig für die Schieflage, Finanzprobleme hat der Kreis schon länger. Doch vor Ort heißt es, Sesselmann schiebe die Verantwortung nur von sich. Ihm fehlten die Ideen, wie es besser gehen könnte.
„In Sonneberg kann man noch mit dem Euro zahlen. Auch die Grenzen zu Bayern und Tschechien sind noch offen“, sagt Uwe Schlammer süffisant, wenn man ihn nach der Lage fragt. Wie Sesselmann ist der 65-Jährige in der Kommunalpolitik tätig. Nur sitzt er in der anderen Ecke des politischen Raums. Seit 30 Jahren vertritt er die Linke im Sonneberger Kreistag, führt die Fraktion an.
Schlammer, direkter Typ, breiter Dialekt, empfängt im Wahlkreisbüro seiner Partei. „Mehrmals hat der Landrat seine Kompetenzen überschätzt“, sagt er. Zum Beispiel gleich zu Beginn seiner Amtszeit, als es um die Fördermittel des Projekts „Demokratie leben“ ging. Der Landkreis muss einen kleinen Beitrag leisten, damit der Bund den Großteil zuschießt. Die AfD wettert gerne gegen derartige Förderprogramme, sieht darin staatliche Finanzierung von linksextremistischen Programmen.
Sesselmann wollte die jährliche Unterstützung von 35.000 Euro streichen, das Geld sparen. Sein Vorstoß scheiterte am Widerstand des zuständigen Jugendausschusses. Da habe Sesselmann sein wahres AfD-Gesicht gezeigt, sagt Schlammer. Einsparungen seien nicht das Ziel gewesen, sondern die gezielte Zerschlagung des Projekts.
Fotos an den Wänden zeigen Gregor Gysi und Bodo Ramelow, die zwei Superstars der Linken, bei Besuchen im Landkreis. Eingerahmte Erinnerungen an eine Zeit, als die Partei in Thüringen noch stark war. Bei der Landtagswahl im September 2024 holte die AfD doppelt so viele Stimmen wie die Linke und wurde stärkste Kraft. Und auch bei den Kommunalwahlen im vergangenen Mai hat die AfD deutlich hinzugewonnen.
Von den 40 Abgeordneten im Kreistag von Sonneberg gehören nun 14 zur AfD. Dort stimmt sie vielfach mit der Bürgerinitiative „Pro Son“ ab. Eine Wählergemeinschaft aus FDP und ehemaligen CDU-Mitgliedern. SON ist das Autokennzeichen von Sonneberg. Zusammen haben die Fraktionen eine Mehrheit und die Macht über die Ausschüsse. Sie entscheiden darüber, wie ein Beschluss in den Kreistag kommt. „Es ist das eingetreten, was ich befürchtet habe“, sagt Schlammer.
Er sagt auch, dass der Ton im Kreistag rauer geworden sei unter Sesselmann. Christian Tanzmeier, Fraktionsvorsitzender der CDU, kann das bestätigen. Gerade beim Thema Migration würde die AfD die anderen Fraktion immer schärfer attackieren. Für Entscheidungen, die auf Bundesebene fallen. „Sowas gehört nicht in den Kreistag.“
Tanzmeiers Herzensthema ist Bildung. Der Gymnasiallehrer ist Mitglied im entsprechenden Ausschuss. Von Sesselmanns Wirken in dem Bereich ist er enttäuscht. „Der Landrat hat entschieden, keine Hausmeister an den Schulen mehr anzustellen.“ Seine Vorgänger hätten außerdem regelmäßig einen runden Tisch mit allen Schulleitern im Landkreis organisiert. Eine Einladung von Sesselmann? Ist Tanzmeier nicht bekannt.
Gerne würde man erfahren, was der AfD-Politiker dazu sagt, wie er selbst über seine bisherige Amtszeit denkt. Einer ersten Gesprächsanfrage sagt Sesselmann zu, obwohl er nur selten mit den „Systemmedien“ spricht. Doch alle weiteren Anläufe scheitern. Der Landrat sei krank, hieß es zuletzt aus dem Landratsamt. Nichts Schlimmes, aber die Kraft reiche nur für „wichtige Termine“. Aber es gibt noch andere Wege, um sich einen Eindruck zu verschaffen.
Die Aula des Hermann-Pistor-Gymnasiums, zehn Gehminuten vom Bahnhof entfernt, ist ein schmuckloser Saal. Grauer Steinboden, gelb gestrichene Wände. Hier kommt der Kreistagssitzung zusammen. Es gibt Kaffee und Lachsbrötchen. Das ist die Kulisse, in der sich Sesselmann mit kommunaler Sachpolitik herumschlagen muss. Punkt zehn auf der Tagesordnung: „Erlass einer Satzung für das Deutsche Spielzeugmuseum”.
Das Museum gehört dem Landkreis, die Preise für Kindergeburtstage sollen steigen, von 45 auf 75 Euro. Die Beschlussvorlage sorgt für ein kurzes Wortgefecht zwischen Abgeordneten von AfD und BSW. Sesselmann, dunkelblauer Anzug, rosa Krawatte, tritt ans Rednerpult, jetzt ist er als Moderator gefragt. Er spricht leise, eloquent, zugewandt. „Wir haben eine unglückliche Situation“, sagt er und schlägt vor, es bei der Preiserhöhung zu belassen, das Museum müsse kostendeckend arbeiten. Aber für bedürftige Familien soll es einen Zuschuss geben. Die Kritiker der Beschlussvorlage sind offenbar zufrieden. Eine Mehrheit kommt zustande.
Bis heute ist das Landratsamt von Sonneberg formal der mächtigste Posten, den die AfD besetzen konnte. Doch es wird deutlich: Die Wahl hat Spuren hinterlassen, tiefe Risse in der Gesellschaft. Die Menschen sind müde, erschöpft von den vielen Debatten um ihren Landrat. Viele wollen sich nicht öffentlich zu Robert Sesselmann äußern. Weil sie es leid sind. Weil sie nicht angefeindet werden wollen. Aber auch, weil sie oft nicht wissen, wofür der AfD-Politiker steht, was ihm wichtig ist.
Zurück im Geschäft von Sina Martin ertönt ein Brummen. Es kommt vom Bär im Schaufenster. Eine Kundin hat einen Knopf gedrückt, der das tiefe Geräusch auslöst. An der Wand prangt ein Hinweis: Der Teddy ist tatsächlich der größte der Welt. Für solche Dinge, wünscht sich Martin, sollte Sonneberg bekannt sein. Der Kreis sei doch so viel mehr als nur sein Landrat.