Flensburg  Sexologin erklärt, warum Dänen den besseren Sex haben

Friederike Reußner
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Von Friederike Reußner
| 19.06.2025 12:55 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Sie weiß, was bei den Deutschen im Bett schiefläuft: Die Sexologin und Paartherapeutin Ann-Marlene Henning in ihren Praxisräumen in Flensburg. Foto: Friederike Reußner
Sie weiß, was bei den Deutschen im Bett schiefläuft: Die Sexologin und Paartherapeutin Ann-Marlene Henning in ihren Praxisräumen in Flensburg. Foto: Friederike Reußner
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Die Dänin Ann-Marlene Henning ist eine der bekanntesten Sexologinnen und Paartherapeutinnen in Deutschland. In ihrer Flensburger Praxis spricht sie im Interview über die häufigsten Probleme ihrer Patienten – und warum Sexualität immer politisch ist.

Bekannt wurde Ann-Marlene Henning, als sie 2012 ihr Buch „Make Love - Ein Aufklärungsbuch“ veröffentlichte. Darin schreibt sie, dass erfüllender Sex immer sowohl eine genitale wie auch eine emotionale Komponente habe. Die Dänin, die lange in Hamburg lebte, betreibt seit zwei Jahren eine Praxis für Paar- und Sexualtherapie in Flensburg. Dort haben wir die Sexologin für ein Gespräch getroffen.  

Frage: Ärzte und Therapeuten haben ja normalerweise ein Praxisschild – bei Ihnen findet man nur den Nachnamen auf der Klingel. Warum?

Antwort: Ann-Marlene Henning: Schon bei meiner ersten Praxis in Hamburg war es schwierig, sogar ein unauffälliges Schild anzubringen. Die meisten Miteigentümer der Wohnungshäuser, in denen ich meine Praxis hatte, möchten nicht, dass „Sexologin“ an der Tür steht, egal wie klein. Das ist hier auch der Fall.

Frage: Eigentlich würde man ja denken, dass der Umgang mit Sexualität im 21. Jahrhundert offener ist. Aber nach meiner Wahrnehmung erleben wir derzeit eher einen gesellschaftlichen Rückschritt.

Antwort: Die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Sexualität ist eine ständige Wellenbewegung von „Sex-Positiv“ und „Sex-Negativ“. Wenn wir ins letzte Jahrhundert blicken, gab es Zeiten der Verklemmung, dann die sexuellen Befreiungen der 60er und 70er, gefolgt von Rückschlägen, und dann wieder ein Aufschwung durch das Internet. Aktuell sehe ich uns in der Tat wieder auf dem Weg nach unten, als Gegenreaktion auf die allgegenwärtige Darstellung von sexuellen Inhalten, es ist zu viel geworden. Aber wenn ich eine Trendlinie von 1900 bis heute ziehe, entwickelt sie sich grundsätzlich nach oben. Trotz aller Rückschläge haben sich in den Köpfen vieler Menschen Dinge verändert. Es gibt immer noch Extreme, aber die breite Mitte bewegt sich in die richtige Richtung.

Frage: In Ihrem Behandlungsraum sieht es eigentlich aus wie in einem stilvoll eingerichteten Wohnzimmer. Das einzige, was im entferntesten an Sex erinnert, ist das Beckenbodenmodell, die vielen Bücher zum Thema und eine aufgerollte Matte. Wofür benutzen Sie die denn? Oder, anders gefragt, wie körperlich wird eine Behandlung bei Ihnen?

Antwort: Alle behalten die Kleidung an, immer. Und ich fasse die Leute nicht an. Die Matte brauchen wir, weil wir sehr oft mit dem Beckenboden arbeiten müssen. Viele denken dabei nur an Frauen und Geburtsvorbereitung, aber Männer haben auch einen Beckenboden. Er ist unter anderem das Haltebecken für die Geschlechtsorgane. Viele Menschen spannen ihn unbewusst sehr stark an. Das kann bei Männern zu vorzeitigem Samenerguss oder Erektionsverlust führen, und bei Frauen zu Schmerzen beim Sex oder Schwierigkeiten, einen Orgasmus zu erreichen. Auf der Matte üben die Menschen, ihren Beckenboden bewusst zu spüren und zu entspannen.

Frage: Sie haben klinische Neuropsychologie studiert – welche Rolle spielt das in Ihrem Therapiealltag?

Antwort: Wenn Paare hier sitzen, will ich ihre Muster ändern. Aber an eingefahrene Muster zu gehen, ist gar nicht so einfach. Wie ich immer sage: Das Hirn ist ein alter, fauler Sack. Es macht, was es kennt. Und genau das will ich ändern. Gute Sexualität kann man nämlich lernen. Aber schlechte eben auch: Viele haben Schmerzen, Probleme oder Grenzüberschreitungen erfahren, und dann ist es klar, dass sie keine Lust haben. Wie man mit diesen Themen umgeht, daran arbeiten wir hier.

Frage: Sie behandeln Menschen aller Altersgruppen. Gibt es übergeordnete Themen, die sich durch alle Generationen ziehen?

Antwort: Ja, definitiv. Neben den Klassikern wie Erektionsstörungen, Lustlosigkeit und Trockenheit, sehe ich immer häufiger Paare, die mit Traumata zu mir kommen – oft erst 20 oder 30 Jahre nach emotionalem oder sexuellem Missbrauch in der Kindheit. Und ein ganz zentrales Thema ist der Mental Load. Egal ob junge Eltern mit kleinen Kindern, Menschen mit Teenagern zu Hause, die sich selber in den Wechseljahren befinden, oder ältere Menschen, die ihre pflegebedürftigen Eltern betreuen müssen – das Leben ist zu viel. Mit Internet, Weltsituation, es ist einfach zu viel. Da frage ich: „Wie geht das, Sex zu haben, wenn das Leben zu viel ist?“ Oft müssen wir dann über Veränderungen im Alltag sprechen, damit überhaupt Kapazitäten für Sexualität und Zweisamkeit entstehen.

Frage: Wir sitzen hier direkt an der dänischen Grenze. Gibt es einen Unterschied zwischen Deutschen und Dänen im Schlafzimmer?

Antwort: Ich war natürlich nicht bei allen im Bett, aber ich habe einige Belege gesammelt, die darauf hindeuten, dass es Unterschiede geben könnte (lacht). Guter Sex ist eine Mindset-Frage. In Dänemark gibt es einen anderen Blick auf Geschlechterrollen. Die dänischen Männer sind da weiter, was sich auf den Alltag und letztlich auch auf das Sexualleben auswirkt. Eine alte schwedische Studie besagt: „Männer, die im Haushalt helfen, bekommen mehr Sex.“ Der springende Punkt ist heute, dass es nicht „ihr“ Haushalt ist, sondern „der“ Haushalt – es geht um gemeinsame Verantwortung.

Antwort: Nehmen wir ein anderes Beispiel: In der ehemaligen DDR, wo die Geschlechter gleichgestellt waren, weil man die Arbeitskraft der Frauen brauchte, hatten Frauen laut Statistiken mehr Orgasmen als Frauen in Westdeutschland. Das zeigt, wie politisch Sexualität ist.

Antwort: Historisch gesehen gab es in Dänemark auch eine andere Entwicklung. Die Sexualentwicklung in Deutschland wurde durch die Nationalsozialisten massiv behindert. Skandinavien war davon nicht betroffen und hatte einen viel längeren Vorlauf für eine freiere Sexualität.

Antwort: Und dann ist da noch der Humor. Dänen können sich selbst und auch die ernsten Dinge des Lebens mit mehr Leichtigkeit und Humor betrachten. Das ist eine herzliche Entspannung, die im Schlafzimmer eine große Rolle spielt. Die Gender-Gleichheit und der Humor sind, glaube ich, die wirklich großen Unterschiede zwischen Dänemark und Deutschland. Man kann entspannter sein, und das zeigt sich auch im Bett. 

Frage: Leser, die jetzt denken: Okay, mit meiner eigenen Sexualität, mit meiner Beziehung läuft es auch nicht so blendend. Ich habe aber nicht die Kapazitäten, die Traute oder das Geld für eine Therapie. Was raten Sie?

Antwort: Beginnen Sie, sich mit sich selbst und Ihrer Beziehung zu beschäftigen. Es gibt unzählige kostenlose oder kostengünstige Ressourcen. Hören Sie Podcasts über Beziehungen und Sexualität, lesen Sie Bücher, schauen Sie Fernsehsendungen. Holen Sie sich Informationen. 

Antwort: Es geht darum, innezuhalten und sich zu fragen: „Wo würde ich was ändern wollen?“ Auch wenn der Partner oder die Partnerin nicht sofort mitziehen will, Sie können bei sich anfangen. Das Wichtigste ist, in Bewegung zu kommen, in den Prozess einzusteigen. Wenn die Leute anfangen, sich geistig zu bewegen, verändern sich auch ihre Gedanken und die Beziehung. Ganz nach dem Motto: Nur wer in Bewegung bleibt, kann die Richtung ändern.

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