Bürokratie in der Landwirtschaft So plagt sich Bauer Ackermann mit dem ganzen Papierkram
Welche Kuh erhält welches Medikament; was bekommt das Tier zu fressen; welcher Hektar wird wie bepflanzt? Landwirte müssen alles dokumentieren. Bauer Renke Ackermann plaudert aus dem Nähkästchen.
Uplengen - 170 Milchkühe, 160 Hektar Land: Das klingt zwar nach enorm viel Arbeit, ist aber wohl dank automatisierter Abläufe im Stall und moderner Landmaschinen zu schaffen. Außerdem sind die Preise für Milch und für Fleisch derzeit relativ hoch, viel besser als noch vor Jahren. Es müsste also eigentlich ziemlich rund laufen bei Renke Ackermann aus Uplengen. Eigentlich.
„Ich verbringe einen ganzen Arbeitstag pro Woche ausschließlich mit Bürokratie“, sagt Ackermann. Gemeinsam mit seinem Vater Justus (67) bewirtschaftet der 39-Jährige den Hof im Landkreis Leer. Die beiden haben noch eine Mitarbeiterin in Vollzeit, einen 540-Euro-Jobber und einen Auszubildenden. Alle packen mit an. Aber der Papierkram bleibt nun mal am Chef hängen.
„Hier wurde unnötig Bürokratie aufgebaut“
Ackermann nennt auch Beispiele. Die Umsatzsteuerpauschalierung habe für die Landwirte die Buchführung vereinfacht; bis 2022 hätten praktisch alle Landwirte daran teilnehmen können. „Seitdem greift eine Umsatzgrenze von 600.000 Euro; diese überschreiten auch viele typische Familienbetriebe. Hier wurde unnötig Bürokratie aufgebaut“, so der Bauer.
Oder die Vorgaben der EU-Agrarpolitik: Demnach darf der Landwirt nicht jedes Jahr die gleiche Kultur auf einer Fläche anpflanzen, also zum Beispiel nicht jedes Jahr Mais anbauen. Ackermann bewirtschaftet 100 Hektar Grünland und 60 Hektar Ackerland. „Das reicht für die Futtermittelproduktion eigentlich aus“, sagt er. Aber wenn es im Herbst vorzeitig nass werde, könne er kein Getreide aussäen. Früher sei es den Landwirten überlassen worden, wie sie die Vorgaben auf den beispielsweise 60 Hektaren verteilt hätten. Das ginge heute nicht mehr. Andere EU Länder bieten ihren Landwirten mehr Flexibilität bei der Umsetzung.
„Gras ist nicht gleich Gras“
Noch komplizierter ist es offenbar mit dem Grünland. „Gras ist nicht gleich Gras“, sagt Ackermann. Deutsches Weidelgras und Klee seien sehr gutes Futter für die Kühe. Unter besonderen Umständen – wie zum Beispiel Dürre oder die Mäuseplage 2020 – gingen diese verloren und Ertrag und Schmackhaftigkeit des Futters würden sinken. Dann müsse überlegt werden, ob man das Grünland neu anlege. „Dafür braucht es vier Behördenstellen, die das begutachten. Und dann dauert es manchmal wochenlang, bis man eine Entscheidung hat“, so Ackermann. „Das ist für uns ein enormer Zeitaufwand. Und ich frage mich, ob man das nicht einfach abschaffen kann.“
Der Landwirt redet sich langsam warm. „Jedes Jahr gehen uns wertvolle Flächen verloren – durch Gewerbeansiedlungen und Wohnungsbau“, sagt Ackermann. Und diese Flächen müssten dann auch noch kompensiert werden. Das bedeute, dass durch einen Hektar Wohnungsbau am Ende zwei Hektar verloren gingen. „Es geht doch bei all dem auch um eine effiziente Lebensmittelproduktion. Wir Landwirte müssen dann auf weniger Fläche mehr Lebensmittel produzieren.“
„Wir wollen gesunde und sichere Lebensmittel produzieren“
Die Bürokratie ist aber nicht nur zeitaufwendig. Trotz guter Ausbildung und regelmäßiger Weiterbildung müssten die meisten Landwirte zusätzliche Beratung in Anspruch nehmen, um der Regelungsflut Herr zu werden. Die meisten bürokratischen Aufgaben liefen schon digital ab. Aber die Daten müssten trotzdem erst einmal erfasst werden. Zum Beispiel die Stoffstrombilanz, die einen Überblick über die zufließenden und abfließenden Nährstoffe gibt: „Für alle Produkte, die ich im Laufe eines Jahres verkaufe, muss ich die Nährstoffgehalte ermitteln und dokumentieren“, sagt Ackermann. Das gleiche gelte für Zukäufe wie Futter und Düngemittel. Am Ende des Jahres müsse alles ausgewertet werden. „Diese eine Regelung hat mir im Jahr einen zusätzlichen Arbeitstag eingebracht. Ich hoffe, die Stoffstrombilanz wird tatsächlich – wie versprochen – wieder abgeschafft, denn die tatsächliche Düngung auf unseren Feldern müssen wir schließlich auch noch erfassen.“
Woche für Woche die gleichen Dokumentationsaufgaben: Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln muss erfasst werden ebenso wie der Einsatz von Antibiotika – für jedes einzelne Tier. Ackermann hat dafür Aktenordner und endlos lang erscheinende Tabellen auf seinem Notebook. „Es gibt kaum ein Lebensmittel, das so stark getestet wird wie Milch“, sagt der Milchviehhalter. „Und das ist auch gut so. Wir wollen gesunde und sichere Lebensmittel produzieren, aber wo Daten mehrfach erhoben werden, muss es Vereinfachungen geben. Wir wünschen uns mehr Handlungsspielraum in den Betrieben und weniger Regelungen bis ins kleinste Detail aus Brüssel, Berlin und Hannover.“
„Nicht den ganzen Tag im Büro sitzen“
Und manchmal kommt auch ein bisschen Frust durch: „Viele von uns sind doch Landwirt geworden, weil sie nicht den ganzen Tag im Büro sitzen wollten“, sagt Renke Ackermann.
Ganz objektiv gesehen, ist das auch nicht so – aber ein Mal pro Woche muss er da wohl durch. Es sei denn, es geht doch noch ein Ruck durch dieses Bürokratie-Land. Bislang ist dies aber noch keiner Bundesregierung gelungen.