Hamburg Heikle Lage: Wieso die Ostsee längst ein Kriegsschauplatz ist
Die Ostsee wird zunehmend zum Pulverfass. Sabotageakte nehmen zu, die NATO fängt russische Flugzeuge ab, Manöver werden parallel abgehalten. Droht ein bewaffneter Konflikt, womöglich sogar aus Versehen? Das Risiko wächst.
Dass der Ostseeraum strategisch wichtig ist, hat die Politik längst erkannt. Allerdings ist öffentlich oft nur von russischen „Aggressionen“ oder „Provokationen“ die Rede. Auch das „Säbelrasseln“ gehört regelmäßig zum Vokabular, wenn über die Region gesprochen wird. Das suggeriert: Auf der Ostsee ist der Feind erkannt. Aber er rührt sich nicht.
Welch Untertreibung! Hunderte Male im Jahr müssen Nato-Piloten aufsteigen, um russische Militärflugzeuge in den eigenen Luftraum zurückzuführen. Seit dem Ukraine-Krieg 2022 verirren sich die Flieger besonders häufig. Die Sabotage-Akte an der Infrastruktur unter See sind längst Angriffe kriegerischer Natur – auch wenn sie keinen konventionellen militärischen Akt mit Waffengewalt darstellen. Und die rostigen Ölschiffe, von denen etwa Außenminister Johann Wadephul auf der Kieler Sicherheitskonferenz sprach, sind in erster Linie kriegsdienlich. Mit ihnen finanziert Russland seinen Angriff in der Ukraine weiter.
Schon jetzt ist das Eskalationspotenzial immens. Die Energie-Infrastruktur von Windrädern, über Pipelines bis zu Seekabeln ist hier besonders verwundbar. Zwar ist das Meer beinahe komplett von Nato-Mitgliedsstaaten umstellt, doch Russland hat mit Kaliningrad immer noch einen triftigen Grund, regelmäßig durch die Ostsee zu fahren. Bei militärischen Übungen der Nato, wie dem gerade zu Ende gegangene Baltops dürfte manch westlicher Entscheider den Atem angehalten haben. Russland hatte parallel eine Übung abgehalten. Fehler bei solchen Aktionen können in Katastrophen enden.
Das alles ist kein Alarmismus, sondern traurige Realität. Je mehr Deutschland und die Nato sich auf einen bewaffneten Konflikt mit Russland vorbereiten, desto mehr wird aus dem wunderschönen Ostseeraum wieder ein strategischer Knackpunkt jedweder Kriegsüberlegungen. Ein Szenario: Bei einem Konflikt drängen die gut ausgestatteten russischen Seestreitkräfte samt Luftunterstützung die Nato kurzerhand aus der Ostsee. Nicht nur, dass der russische Einflussbereich dann kurzerhand bis an die deutsche Küste ragt. Vor allem besteht das Risiko, das andere Ostsee-Anrainer dann isoliert werden können.
Soweit darf es nicht kommen. Doch es fehlt eine voll ausgestattete deutsche Marine: Nie war die Flotte kleiner, technologisch gibt es Nachholbedarf, zu viele Dienstposten sind unbesetzt. Wer wie Johann Wadephul die Kriegsgefahr in der Ostsee ernst nimmt, muss genau an dieser Stelle ansetzen.