Wilhelmshaven Marine der Zukunft: Von Drohnen, unsichtbaren U-Booten und dem Krisenherd „Ostsee“
Die Ostsee gilt als potenzieller Schauplatz einer Konfrontation mit Russland. Was das für die Marine bedeutet, welche U-Boote und Drohnen die Soldaten benötigen, erklärt Experte Thomas Eisentraut. Der Leiter vom Marinemuseum in Wilhemshaven sagt, woran es der Bundeswehr auf dem Wasser noch fehlt.
„Nato-See“, so wird die Ostsee auch oft genannt. Kein Wunder, immerhin sind fast alle Anrainerstaaten auch in der Nato. Die eine, aber entscheidende Ausnahme: Russland. Immer wieder kommen sich die Parteien auf der Ostsee bedrohlich nahe.
Was heißt das für die deutsche Marine? Vor welche Herausforderungen stellt sie die Zeitenwende? Thomas Eisentraut kennt sich mit diesen Fragen sehr genau aus, er leitet seit Oktober 2024 das Deutsche Marinemuseum. Ein Gespräch in Wilhelmshaven:
Frage: Herr Eisentraut, wie hat sich seit der Zeitenwende der Fokus auf verschiedene maritime Regionen verändert?
Antwort: Die Regionen sind ähnlich geblieben, aber der Blick auf Russland ist jetzt geschärft. Man redet vor allem immer noch von der Nato-Nordflanke mit Norwegen, Schweden, Finnland, Island und Grönland/Dänemark. Die Ostsee hat sich von einem relativ friedlichen Gewässer zu einem Krisenherd und Risikogebiet entwickelt.
Frage: Woran machen Sie das fest?
Antwort: Im Juni fand zum Beispiel mit dem jährlich stattfindenden Nato-Manöver BALTOPS zum ersten Mal in Rostock ein Nato-Manöver dieser Größe statt. 50 Kriegsschiffe aus 17 Nato-Staaten waren dabei. Normalerweise haben Manöver immer im Wechsel stattgefunden – die Nato im Juni, während im Juli eher die russische Flotte unterwegs ist. Jetzt hat man festgestellt, dass sich Manöver überschneiden. Das führt zu Konflikten. Ebenso, dass sich Boote und Schiffe gegenseitig verfolgen. Man hofft immer, dass alles gut geht, dass es friedlich bleibt, aber an solchen Beispielen merkt man eine Verschärfung.
Frage: Wird die Ostsee der erste Brennpunkt sein, wenn es zu einem Konflikt mit Russland kommen sollte?
Antwort: Für Deutschland definitiv ja. Vieles wird über die See abgewickelt. Die Ostsee ist Wirtschafts-, Kultur- und eben auch Kommunikationsraum, was nicht vergessen werden darf. Es geht um Seekabel, Infrastruktur und Energieversorgung. Deswegen haben auch in den letzten Jahren und Monaten die Übungen zugenommen, ebenso die Überwachungen und Patrouillenfahrten.
Frage: Wo sehen Sie momentan die Hauptaufgaben der Marine und wie haben sich diese durch die sogenannte Zeitenwende verschoben?
Antwort: Die Hauptaufgaben haben sich eigentlich gar nicht geändert. Es sind nach wie vor Küsten- und Landesverteidigung plus Bündnisverteidigung in der Nato. Zu den Aufgaben der Marine gehören Übungen, die durchgeführt werden. Allerdings hat sich seit der Zeitenwende vor allem mit Blick auf die Infrastruktur im Wasser einiges geändert. Zum Beispiel spielen Seekabel heute eine große Rolle. Vor fünf Jahren hat sich aus meiner Sicht kaum jemand für die Seekabel interessiert. Plötzlich ist jeder Experte und kennt sich aus, welche Probleme damit verbunden sind. Wir hören von Schattenflotten, die unterwegs sind auf den Weltmeeren. Wir hören von Ankerketten, die plötzlich verloren gehen, von Ankern, die hinter dem Boot oder dem Schiff über Kilometer hergeschleift werden. Sowas ist für die Öffentlichkeit von Interesse.
Frage: Apropos Schattenflotten und Unterseekabel: Wie kann die deutsche Marine am besten Sabotage entgegenwirken?
Antwort: Das ist ganz schwierig, weil diese vielen Kabel nahezu überall verlaufen. Es gibt zwar feste Stränge, die sich irgendwie überwachen lassen würden, aber dafür sind nicht genug Boote und Schiffe vorhanden. Deswegen haben unbemannte Unterwasserdrohnen eine hohe Priorität. In Skandinavien hat man da ein bisschen mehr Erfahrung – zum Beispiel durch den Schutz historischer Wrackplätze mittels Sonarbojen. Ich glaube, jetzt durch den Nato-Beitritt Schweden und Finnlands und den Austausch unter den Nato-Staaten kann die deutsche Marine profitieren.
Frage: Sie haben unbemannte Drohnen erwähnt. Wie sieht die Zukunft der Marine aus?
Antwort: Die Marine befindet sich bereits im Umbau. Der läuft in zwei Phasen ab: Bis 2029 geht es darum, eine Bestandsaufnahme zu machen und eine schnelle Einsatzbereitschaft zu schaffen.
Frage: Und was beinhaltet die zweite Phase?
Antwort: Bis 2035 soll die technologische Umstellung erfolgen – das beinhaltet vor allem Drohen. Wir merken, dass Personalressourcen fehlen und da wird eben sehr viel probiert über Technologien zu kompensieren. Unbemannte Fahrzeuge vor allen Dingen im Unterwasserbereich haben an Bedeutung gewonnen – also verdeckte Operationen oder Kontrollen. Die Technologien müssen natürlich erstmal entwickelt werden. Die müssen geprüft und Verfahren durchlaufen werden. Die Technologien müssen getestet werden und dann muss Personal vorhanden sein, das die Technologien bedienen kann. Eine Drohne fliegt nicht von allein.
Frage: Wie sieht die Zukunft des U-Boots aus?
Antwort: Spannend. Aus meiner Sicht geht es auf jeden Fall dahin, dass diese U-Boote immer stärker autark werden und dass sie längere Einsätze fahren können. Ein Beispiel ist die französische Flotte mit ihren Atom-U-Booten. In Deutschland sind vor allem die Ost- und die Nordsee und der Atlantik von Interesse. In der Ostsee braucht man jedoch kleinere Einheiten, die manövrierfähig sind. Das liegt zum Beispiel auch an der Gewässertiefe. Künftig wird sowohl bei U-Booten als auch bei Schiffen die Technologie – zum Beispiel für Unsichtbarkeit – eine entscheidende Rolle spielen. Das haben viele Länder schon für sich entdeckt.
Im Video: Thomas Eisentraut vom Marinemuseum über die Bedeutung und Zukunft der Marine:
Frage: Und mit Blick auf die Waffensysteme? Was ist da im Kommen?
Antwort: In der Ostsee hat sich der Raum verkleinert. Die Ostsee schrumpft durch die wachsenden Reichweiten von Lenkwaffen und Raketen. Wir erleben, dass in einer Welt, in der über Atomwaffen gesprochen wird, auch kleinere Waffen größeren Schaden verursachen können. Ein wichtiges Thema ist der Nachschub. Nur ein Boot oder Schiff ausgerüstet loszuschicken, funktioniert kurz gut, aber man braucht auch Häfen, um zum Beispiel Munition aufzunehmen, Wartungsarbeiten durchzuführen. Man kann nicht nonstop im Einsatz sein.
Frage: Und wie sieht es in der Luft über der See aus? Gewinnen die Marineflieger auch an Bedeutung?
Antwort: Ja, definitiv. Die Überwachung der Lufträume hat auch eine höhere Bedeutung bekommen. Inzwischen hat man fast täglich irgendeinen Bericht in der Zeitung, in dem es um die Verletzung der Lufträume geht. Da geht man jetzt wieder an die Arbeit, um zu schauen, wie man die Luftüberwachung am besten hinbekommt. Es gibt zum Beispiel auch die Seeaufklärer vom Typ P-8 A, die über eine größere Reichweite zur Überwachung verfügen. Man kann erst reagieren, wenn man sieht, was auf einen zukommt, sonst ist es sehr schwierig zu improvisieren.
Frage: Seit 2019 hat Russland mit der „Ivan Papanin“ den ersten „Kampfeisbrecher“ in der russischen Nordflotte. Laut Medienberichten war das Schiff von Ende Juni 2024 bis Ende März 2025 zur Seeerprobung in der Ostsee. Am 31. März soll es seinen Heimathafen Severomorsk erreicht haben. Spielen militärische Eisbrecher („Kampfeisbrecher“) eine wichtige Rolle?
Antwort: Für die Gewässer Russlands: Ja, da viele Häfen nicht eisfrei sind. Sankt Petersburg war der erste eisfreie Hafen Russlands, der nicht am Schwarzen Meer war und ist bis heute wichtig für Russland. Auch für die Nato geht die Reise zu Kampfeisbrechern, wobei die Nato Ausweichgebiete hat, die nicht oder selten zufrieren und in die sie sich zurückziehen kann. Aber die Interessenfelder im Norden Grönlands gewinnen zum Beispiel plötzlich an Bedeutung. Wir merken das durch die USA.
Frage: Welche Grenzen hat ein „Kampfeisbrecher“?
Antwort: Selbst ein Eisbrecher kann nur eine Fahrrinne freimachen. Er kann nicht für ein ganzes Geschwader oder eine Flotte den Weg sofort freiräumen.