Bern  Fußball-EM der Frauen und Millionen schalten ein: Ist das die Revolution?

Udo Muras
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Von Udo Muras
| 11.07.2025 15:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Deutschlands Klara Bühl macht nach dem Sieg ein Selfie mit Fans. Foto: dpa/Sebastian Christoph Gollnow
Deutschlands Klara Bühl macht nach dem Sieg ein Selfie mit Fans. Foto: dpa/Sebastian Christoph Gollnow
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Millionen vor dem Fernseher: Die Frauen-EM schreibt Geschichte. Ist das die langersehnte Revolution im Fußball oder nur ein kurzweiliger Sommerflirt, bevor uns der triste Liga-Alltag wieder einholt?

Nun läuft nur noch ein Turnier, das uns Fans davon abhält, auch endlich in die Sommerpause zu gehen. Und es ist das schönste von allen, das sich durch diese nur vermeintlich fußballlose Zeit zieht, die es de facto eh nicht mehr gibt. Dabei beginnen ja erst die K.o.-Spiele bei der Frauen-EM. Sie ist das Sportereignis dieser Tage, trotz Tour de France und Wimbledon.

Glauben Sie nicht? Die top five-Sportsendungen der vergangenen Woche waren, gemessen an den Zuschauerzahlen, Frauen-EM-Spiele – und darunter war nur eines mit deutscher Beteiligung. Natürlich können mehr Menschen ARD und ZDF sehen als Amazon Prime, das sich Wimbledon gekrallt hat, aber die Klub-WM lief auch bei SAT 1, und DAZN ließ uns alle gratis zusehen.

Trotzdem: am Samstag, den 5. Juli, lagen die kickenden Herren der Schöpfung vor den Ladies im Staub. Die hatten am Vortag über acht Millionen Bewunderer sämtlicher Geschlechter beim 2:0 gegen Polen; die Bayern verloren gegen Paris ihr Viertelfinale vor nur 2,5 Millionen.

Ist das nun die Wende? Kommt Dornröschen ans Tageslicht, wird Fußball endlich auch Frauensache? Also dergestalt, dass sich Mädels treffen, um zusammen Spiele zu gucken, dass sie Tipprunden gründen, dass sie Klebebildchen sammeln und so weiter? Mal sehen.

Aber wenn ARD und ZDF zur besten Sendezeit Frauenspiele wie Wales – Frankreich übertragen und auch sonst jedes, ganz wie bei jedem Männer-Turnier, dann riecht es nach Zeitenwende. Selbst bei der Bild-Zeitung schaffen es zumindest unsere Mädels zuweilen auf Seite 1. Frauenfußball ist also längst normal, nach über 50 Jahren Anlauf hierzulande, nun muss er nur noch interessant bleiben. Denn nach der EM ist vor dem immer noch oft tristen Ligaalltag.

In meiner Generation spüre ich noch einigen Widerwillen oder zumindest Skepsis. Meine Mutter ärgert sich, dass „wegen so was“ ihre Vorabendserien ausfallen, bei den Männern guckt sie jedes Spiel, wenn’s nicht allzu spät anfängt. Auch manch weibliche Bekannte sieht lieber Männern zu auf der Jagd nach Toren, da scheinen andere Aspekte mit reinzuspielen.

Aber bei den Jüngeren, das zeigen die Schwenks auf die Ränge, sind alle Vorbehalte gefallen. Die Kids von heute diskutieren nicht mehr darüber, ob Fußball für Frauen der richtige Sport ist, da sie so was schon von ihren Eltern nicht mehr hören. Von den Großeltern schon, die noch zu erzählen wissen, dass das ja alles mal verboten war.

Zum Glück leben wir in dieser Hinsicht in erleuchteten Zeiten und so sehen wir gerade ein wunderbares Turnier. Die Kombinationen der Spanierinnen unterscheiden sich durch nichts vom tiki-taka-Fußball der Guardiola-Bayern und sind auch genauso erfolgreich. Überhaupt, der Ball ist viel länger im Spiel als bei den Kerlen, wo mehr gefoult wird. Auch die negativen Begleiterscheinungen, die wir von der Bundesliga oder den Turnieren kennen, sind hier nicht zu verzeichnen. Ich schreibe nicht „fehlen“, denn sie fehlen ja nicht, da sie überflüssig sind – diese Raketen, Pfeifkonzerte, Schmähungen und Prügeleien. Vielmehr sehe ich nur fröhliche Gesichter auf den Blöcken, auch bei Anhängern von hoffnungslos unterlegenen Teams.

Zu einer „richtigen“ EM fehlt nur noch die mediale Hysterie, aber es geht auch ohne. „So stellt sich der liebe Gott die Welt vor“, hat unser Fußballkaiser als WM-Fazit 2006 über das Sommermärchen gesagt. Das lässt sich über diese Frauen-EM auch sagen – noch. Der Aufstieg des Frauenfußballs zu einem Teil der Unterhaltungsindustrie war hart, steil und lang. Ich wollte, man könnte nun irgendwo auf „Stopp“ drücken. Da schon erste Spielerinnen für sechsstellige Gehälter ins Ausland wechseln und die nächste WM wie bei den Männern mit 48 Mannschaften stattfinden soll, schwant mir Übles. Hätte Goethe noch was zu sagen, dann das: „Augenblick, Du bist so schön – verweile doch!“

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