Osnabrück  Lasst das Theater endlich wieder schrill sein - Warum ich um Claus Peymann trauere

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 19.07.2025 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Wegweisend für das Theater im deutschsprachigen Raum: der Intendant Claus Peymann. Foto: IMAGO/Eventpress
Wegweisend für das Theater im deutschsprachigen Raum: der Intendant Claus Peymann. Foto: IMAGO/Eventpress
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Claus Peymann ist tot. Das ist eine traurige Nachricht, nicht nur für Theatergänger. Der ehemalige Intendant war ein Provokateur im besten Sinn. Warum ich um ihn jetzt trauere.

Zu fünft im Kleinwagen, von Münster nach Bochum. Die Regenschleier auf der Frontscheibe, die Aussicht auf eine Rückfahrt in später Nacht? Alles egal, denn Anfang der Achtziger ist Bochum ein Sehnsuchtsziel – nicht nur für Studenten der Germanistik. Am Schauspielhaus macht Claus Peymann Theater. Und was für eines.

Ob Goethes „Iphigenie“, Schillers „Räuber“ oder Kleists „Hermannsschlacht“: Wir sind Anfang zwanzig, sitzen gebannt im Parkett und sehen Theaterklassiker wie zum allerersten Mal, als hätte Peymann uns die Brillen geputzt und frisch wieder auf die Nase gesetzt.

Warum ich um Claus Peymann trauere? Weil ich zu denen gehöre, die ihm Theatererlebnisse für das Leben verdanken. Weil er Theater nicht einfach gemacht oder gemanagt, sondern geberserkert hat. Seine Inszenierungen waren intelligent und eruptiv zugleich, Abend für Abend eine Offenbarung.

Warum ich um Claus Peymann trauere? Weil mich die Ahnung beschleicht, dass mit ihm auch jene Ära zu Ende gehen könnte, in der vom Theater Schockwellen durch die Gesellschaft gingen. Peymanns Theater war Schrei und Protest, Revolution und Genuss zugleich.

Und heute? Heute regiert vielleicht schon die Anpassung an einen Zeitgeist, der konservativer wird. Und die Angst um Kulturbudgets, die schrumpfen werden, weil sogenannte Sondervermögen zu begleichen sind. Sehe ich die Lage zu pessimistisch? Ich fürchte: nein.

Theaterleute reklamieren für sich, Mittelpunkte der Wahrnehmung zu sein. Sie müssten aber einiges dafür tun, dies wenigstens ansatzweise zu bleiben. Jetzt ist Mut gefragt, Mut zum künstlerischen Experiment, Mut zu unbequemen Stoffen, Mut zum Kampf gegen jenen Kleinmut, der unmerklich einsetzt und dann alles lähmt.

Schauspielhaus Bochum, Wiener Burg, Berliner Ensemble: Das war Peymanns grandioser Dreischritt. Nicht minder großartig Darsteller wie Kirsten Dene, Gert Voss und Branko Samarovski, die dafür sorgten, dass Peymanns Theaterkreationen Aufwinde unter ihre Flügel bekamen. Was für eine Ausdruckskunst, was für eine Sprachkultur. Alles weg? Manchmal kommt es mir so vor, wenn ich heute in einem Theaterparkett sitze.

Peymann konnte auch peinlich sein. Ich weiß. Er hat den EX-Terroristen Christian Klar als Praktikanten geholt, Politikern Briefe geschrieben, die vor Selbstgefälligkeit nur so trieften. Die Papierkrone, die ein Mädchen ihm zum Geburtstag aufsetzte, trug er wohl ohne Ironie. Er sah sich als Bühnenmonarch. Und wirkte bisweilen wie aus der Zeit gefallen.

Zuletzt war er so pomadig wie zuvor angriffslustig. Mit Thomas Bernhards „Heldenplatz“ brachte er vor fast vierzig Jahren nicht nur die Wiener Burg zum Beben. Die Stoßwellen allein dieser Uraufführung unter seiner Regie liefen durch eine ganze Epoche des Vergessens und der Verdrängung. Bravo, Peymann! Schön war das Leben mit Dir.

Und heute? Ich wünsche Theaterleuten wenigstens etwas von Peymanns Mut, von seiner Lust aufs Ganze zu gehen, künstlerisch wie politisch. Geht in die Offensive! Die Zeit braucht es. Gepflegten Boulevard braucht jetzt kein Mensch. Die Räume der Freiheit werden gerade enger, die der Budgets wohl bald auch. Vorwärts also. Alles andere ist gerade jetzt: keine Kunst.

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