Einkaufen mit Autismus  Warum es in Ihrhove nun eine „Stille Stunde“ gibt

Clarissa Scherzer
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Von Clarissa Scherzer
| 22.07.2025 17:53 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Während der „Stillen Stunde“ erledigt Mentor Shenaraj beispielsweise geräuscharme Aufräumarbeiten. Foto: Clarissa Scherzer
Während der „Stillen Stunde“ erledigt Mentor Shenaraj beispielsweise geräuscharme Aufräumarbeiten. Foto: Clarissa Scherzer
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Für Menschen mit besonderen Bedürfnissen kann der Supermarktbesuch zur Belastungsprobe werden. In Ihrhove und anderen Orten sorgt die „Stille Stunde“ für Erleichterung.

Ihrhove - Reizüberflutung, Lärm, Hektik. Für viele Menschen ist der Einkauf im Supermarkt eine alltägliche Routine. Für andere hingegen ist er eine große Herausforderung. Menschen aus dem Autismus-Spektrum, mit ADHS, Hochsensibilität, Hörbeeinträchtigungen oder auch ältere Menschen mit Demenz empfinden die gewohnte Einkaufsatmosphäre oft als überwältigend. Um ihnen eine stressfreiere Teilnahme am öffentlichen Leben zu ermöglichen, wurde in mehreren ostfriesischen Combi-Märkten das Konzept der „Stillen Stunde“ eingeführt.

Die Idee stammt ursprünglich aus Neuseeland. Der Angestellte Theo Hogg, dessen Kind autistisch ist, hatte dort die „Quiet Hour“ für Supermärkte initiiert. In Ostfriesland wurde dieses Konzept vom Verein „Heel wat besünners“ aufgegriffen, der sich für Menschen aus dem Autismus-Spektrum engagiert und ihnen ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen möchte.

Erste Umsetzung der Stillen Stunde in Pewsum

Seit dem 17. November 2023 gibt es im Combi-Markt Pewsum erstmals eine „Stille Stunde“ in der Zeit von 18 bis 20 Uhr. Gemeinsam mit der Bünting-Gruppe als Betreiberin der Combi-Märkte hat der Verein ein Einkaufserlebnis geschaffen, das auf unnötige Reize verzichtet. Keine Musik aus Lautsprechern, keine Durchsagen oder Werbeeinspielungen und leiser gestellte Kassen. Zudem wird bestmöglich versucht, Räumtätigkeiten oder Ähnliches zu vermeiden. Auch auf grelles Licht wird, wo möglich, verzichtet, wobei aufgrund technischer Unterschiede in den Märkten nicht überall eine Dimmung umsetzbar ist.

Frank Fahr, Vorsitzender von „Heel wat besünners“ (links) und der stellvertretende Marktleiter des Combi-Markts in Ihrhove, Mentor Shenaraj, sind vom Konzept der „Stillen Stunde“ überzeugt. Foto: Clarissa Scherzer
Frank Fahr, Vorsitzender von „Heel wat besünners“ (links) und der stellvertretende Marktleiter des Combi-Markts in Ihrhove, Mentor Shenaraj, sind vom Konzept der „Stillen Stunde“ überzeugt. Foto: Clarissa Scherzer

„Silent Shopping ist mehr als leise Kassen und Radio aus. Es ist ein Lebensgefühl“, sagt Frank Fahr, Vorsitzender von „Heel wat besünners“ und selbst Autist. Für ihn war der erste Einkauf während der „Stillen Stunde“ in Pewsum eine neue Erfahrung. Der Vorsitzende erläuterte: „Das kannte ich gar nicht. Es war viel ruhiger. Es fällt mir schwer, mich auf etwas zu fokussieren, weil viele Eindrücke auf mich einprallen. In der ‚Stillen Stunde‘ ist das anders.“

Barrierefreiheit und bewegende Momente

Besonders eindrücklich schilderte Fahr die Begegnung mit einer gehörlosen Kundin mit Cochlea-Implantat. Sie erzählte, dass sie sich erstmals mit ihrem Mann während des Einkaufs unterhalten konnte. Ein für sie bewegender Moment, denn normalerweise schaltet sie ihr Hörgerät im Markt aus.

Der Verein konnte die „Stille Stunde“ bereits in acht Combi-Märkten etablieren, unter anderem in Aurich, Esens, Wittmund, Pewsum, Ihrhove und Papenburg. Zielgruppe sind neben Menschen im Autismus-Spektrum auch Personen mit ADHS, Angststörungen, Depression, Demenz, Hochsensibilität, Schwerhörigkeit sowie alle, die sich in lauter Umgebung unwohl fühlen. „Es ist eine wirklich große Gruppe von Menschen, denen wir mit diesem Angebot Erleichterung verschaffen können“, betonte Fahr.

Herausforderungen bei der Umsetzung und regionale Unterschiede

Die Umsetzung ist ein laufender Prozess. Die Bünting-Gruppe steht dem Projekt offen gegenüber und plant, das Konzept in weiteren Märkten anzubieten, auch wenn es in bestimmten Regionen oder unter besonderen Bedingungen nicht praktikabel ist. In Tourismus-Regionen wie Norden, wo eine hohe Kundenfrequenz herrscht, sei die Umsetzung der „Stille Stunde“ aktuell schwierig. Auch bauliche Gegebenheiten, wie beispielsweise eine Kegelbahn über dem Markt, könnten das Projekt einschränken.

Auch im Kassenbereich geht es in der „Stillen Stunde“ deutlich leiser zu. Der Piepton ist gedrosselt. Foto: Clarissa Scherzer
Auch im Kassenbereich geht es in der „Stillen Stunde“ deutlich leiser zu. Der Piepton ist gedrosselt. Foto: Clarissa Scherzer

Neben technischen Hürden stellt auch die Sensibilisierung von Mitarbeitenden und Kunden eine Aufgabe dar. „Wenn ein Mitarbeiter nicht weiß, für wen wir das tun, ist es für ihn nur Mehrarbeit“, erklärte Fahr. Deshalb sind Schulungen geplant, um das Bewusstsein für die Zielgruppe zu stärken.

Kundschaft reagiert positiv auf Einkaufen in aller Stille

Der stellvertretende Marktleiter des Combi-Markts in Ihrhove, Mentor Shenaraj, berichtet von positiven Reaktionen: „Manche Kunden kennen die ,Stille Stunde‘ noch nicht. Wir sprechen sie freundlich an und sie zeigen Verständnis, sobald sie wissen, worum es geht.“ Auch Shenaraj sieht Potenzial in diesem Konzept. Man sei jedoch noch in einem Lernprozess.

Ein Informationsaufsteller am Markteingang weist auf die „Stille Stunde“ hin. Künftig möchte der Verein zusätzlich mit Infoständen im Markt aufklären. „Es kommt nicht nur darauf an, Plakate aufzustellen. Wir müssen auch alle mitnehmen“, sagte Fahr und ergänzte: „Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut. Aber mit der Zeit wissen die Kunden, was die ‚Stille Stunde‘ bedeutet.“ Vieles müsse sich erst noch einspielen und es brauche Geduld, Offenheit und Mitwirkung aller Beteiligten, damit das Projekt nachhaltig wächst.

Obwohl es bislang keine konkreten Auswertungen zum Einfluss der „Stillen Stunde“ auf den Umsatz gibt, steht für die Bünting-Gruppe der Kundennutzen im Fokus. „Was hat der Kunde davon? Was können wir für ihn erreichen? Das ist entscheidend“, heißt es von Unternehmensseite.

Für viele bedeutet die „Stille Stunde“ mehr als nur eine leisere Umgebung. Sie ist ein Türöffner zurück in die Selbstständigkeit, in soziale Teilhabe, in ein Leben mit mehr Ruhe und Würde. Oder wie es Frank Fahr ausdrückt: „Einkaufen bringt mich oft für den Rest des Tages aus der Spur. In der ‚Stillen Stunde‘ ist das anders. Da habe ich eine Chance.“

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