Serie „Das Rätsel der Sandbank I“  Spektakuläre Spionagefälle in Ostfriesland

Theo Kruse
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Von Theo Kruse
| 29.07.2025 13:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Das ostfriesische Wattenmeer als Ziel englischer Spionage? Der erst vor 50 Jahren in die deutsche Sprache übersetzte Roman von Erskine Childers soll nach seinem Willen die britische Admiralität wachrütteln, was auch gelingt. Die Briten ihrerseits bauen neue Kriegshäfen an der Nordsee. Foto: Theo Kruse
Das ostfriesische Wattenmeer als Ziel englischer Spionage? Der erst vor 50 Jahren in die deutsche Sprache übersetzte Roman von Erskine Childers soll nach seinem Willen die britische Admiralität wachrütteln, was auch gelingt. Die Briten ihrerseits bauen neue Kriegshäfen an der Nordsee. Foto: Theo Kruse
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Vor 50 Jahren erschien „Das Rätsel der Sandbank“ erstmals auf Deutsch. Was der Roman mit der Sektsteuer und dem Wettrüsten zwischen Deutschland und Großbritannien zu tun hat.

Ostfriesland - „Deutschlands Zukunft liegt auf dem Meer“. Mit diesen Worten kündigt Wilhelm II. 1896 eine neue Flottenpolitik an. Admiral Alfred von Tirpitz begründet 1898 das Ziel des neuen Flottenprogramms: „Deutschland muss eine so starke Schlachtflotte besitzen, dass ein Krieg auch für den seemächtigsten Gegner mit derartigen Gefahren verbunden ist, dass seine eigene Machtstellung in Frage gestellt wird.“ Das kleine Ostfriesland wird im allerersten Spionageroman der Literaturgeschichte zum Schauplatz dieser politischen Entwicklung. Vor 50 Jahren erschien der Roman „Das Rätsel der Sandbank“ erstmals in deutscher Sprache, obschon die englische Originalfassung von Erskine Childers bereits 1903 herausgekommen war. Der Schmöker ist heute ein Kultbuch unter den Wattenseglern der ostfriesischen Küste und ihrer Inseln.

Vor 50 Jahren erschien der Spionageroman erstmals in deutscher Übersetzung. Im deutschen Kaiserreich stand die 1903 veröffentlichte Geschichte auf der Liste der verbotenen Bücher. Foto: Theo Kruse
Vor 50 Jahren erschien der Spionageroman erstmals in deutscher Übersetzung. Im deutschen Kaiserreich stand die 1903 veröffentlichte Geschichte auf der Liste der verbotenen Bücher. Foto: Theo Kruse

Stoff verfilmt und vertont

Zweimal wurde der Roman verfilmt: 1979 durch die BBC - Dreharbeiten fanden unter anderem in Ostfriesland in Lütetsburg und in der Krummhörn bei Greetsiel statt. In Deutschland war der Spielfilm 1984 unter dem Titel „Bei Nacht und Nebel. Geheimkommando R.O.T.S.“ zu sehen. 1985 produzierte Radio Bremen eine zehnteilige Serie „Das Rätsel der Sandbank“ mit Burghart Klaußner, Peter Sattmann, Gunnar Möller und der bezaubernden Isabel Varell in den Hauptrollen. Drehorte waren unter anderem Baltrum und Norderney. Der Hafen Norderney zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde als Kulisse auf Baltrum aufgebaut.

Szene aus der Serie „Das Rätsel der Sandbank“ von Radio Bremen. Die Verfilmung von 1985 gibt´s heute als DVD: Davies, Carruthers und der deutsche Kapitänleutnant v. Brüning auf der „Dulcibella“. Foto: Radio Bremen - Barbara Büchner-Beauvais
Szene aus der Serie „Das Rätsel der Sandbank“ von Radio Bremen. Die Verfilmung von 1985 gibt´s heute als DVD: Davies, Carruthers und der deutsche Kapitänleutnant v. Brüning auf der „Dulcibella“. Foto: Radio Bremen - Barbara Büchner-Beauvais

Im Frühjahr dieses Jahres hat die ARD den Stoff in einem neuen Hörspiel verarbeitet: „Das Rätsel der Sandbank – Britische Spionage im Deutschen Kaiserreich“. Es ist kostenlos in der ARD-Audiothek zu hören (https://link.zgo.de/7ttlr1). Auch die BBC hat in diesem Jahr eine weitere Hörfassung herausgebracht.

Des Kaisers neue Flotte

Mit der Flottennovelle von 1900 will das Deutsche Reich seine Marine verdoppeln und das Verhältnis von deutschen zu britischen Kriegsschiffen von 1:2 auf 2:3 verschieben. Mit dem leidenschaftlich betriebenen Flottenausbau verstärkt Deutschland den machtpolitischen Gegensatz zu Großbritannien, das seine Vormachtstellung zur See ernstlich bedroht sieht. Versuche einer Rüstungsbegrenzung und einer deutsch-britischen Verständigung scheitern an der Weigerung des Kaisers, Abstriche an seiner ehrgeizigen Flottenpolitik zu machen. Das Wettrüsten verschärft die Spannungen und belastet die Staatshaushalte schwer.

Kaiser Wilhelm II. (Porträt von Adolph Behrens) rüstet gegen Großbritanniens Überlegenheit auf den Weltmeeren an, um die Bedeutung Deutschlands hervorzuheben und koloniale Ansprüche zu sichern. Der Bau des Kaiser-Wilhelm-Kanals und die Einrichtung des Flottenstützpunkts für Großkampfschiffe in Wilhelmshaven fällt in diese Zeit.
Kaiser Wilhelm II. (Porträt von Adolph Behrens) rüstet gegen Großbritanniens Überlegenheit auf den Weltmeeren an, um die Bedeutung Deutschlands hervorzuheben und koloniale Ansprüche zu sichern. Der Bau des Kaiser-Wilhelm-Kanals und die Einrichtung des Flottenstützpunkts für Großkampfschiffe in Wilhelmshaven fällt in diese Zeit.

Ostfriesland als literarischer Schauplatz

Anfang des letzten Jahrhunderts greift der erste moderne Spionageroman „The Riddle of the Sands“ (Das Rätsel der Sandbank) von Erskine Childers in Großbritannien die Situation auf. Er verstärkt latente Ängste vor dem deutschen Kaiserreich. Denn die kaiserliche Kriegsflotte soll die Bedeutung und Stärke des 1871 gebildeten Reiches auf die Ozeane tragen.

Es beginnt ein Wettrüsten zur See: Die Briten bauen als Antwort das Typschiff HMS „Dreadnought“ - „Fürchtenichts“ - das Namensgeber für die Großkampfschiffe von enormer Schlagkraft wird. Kuriosum am Rande: Zur Finanzierung der kaiserlichen Kriegsflotte wird die Schaumweinsteuer eingeführt, weil „bei einer so starken Steigerung der Ausgaben für die Wehrkraft des Landes auch der Schaumwein herangezogen werden muß“. Der Reichstag beschließt die neue Steuer nach drei Beratungen in der Sitzung am 26. April 1902. Auf den damaligen Durchschnittspreis von 2,50 Mark werden 50 Pfennig aufgeschlagen. Das Aufkommen trägt lächerliche 0,5 Prozent zum Etat der Kaiserlichen Marine bei. Doch die Steuer hat auch heute, nach 123 Jahren noch Bestand, obwohl die Kaiserliche Flotte längst untergangen ist. So wird die Sektsteuer immer wieder als Beispiel dafür angeführt, dass der Staat niemals von einmal aufgemachten Geldquellen ablässt. Die Steuer beträgt aktuell 1,02 Euro pro Flasche; Finanzminister Lars Klingbeil freut sich jährlich über Einnahmen von rund 347 Millionen Euro (2024).

Blick aus dem All auf die Kette der West- und Ostfriesischen Inseln mit dem Wattenmeer, dem Ijsselmeer (unten), Emsmündung und Dollart, Jadebusen, Weser- und Elbemündung. Foto: Nasa
Blick aus dem All auf die Kette der West- und Ostfriesischen Inseln mit dem Wattenmeer, dem Ijsselmeer (unten), Emsmündung und Dollart, Jadebusen, Weser- und Elbemündung. Foto: Nasa

Franzosen spionieren Deutschlands Häfen aus

Vor dem Hintergrund des britischen-deutschen Wettrüstens gewinnen Erkenntnisse über die militärischen Anlagen und die Befestigungen der Küste wachsende Bedeutung. Schon 1893 sorgt ein Spionagefall in Kiel für enormes öffentliches Aufsehen. Die beiden französischen Marineoffiziere Robert Degouy und Jaques Delguey-Malavas werden nach einem Hinweis des Hafenarbeiters Thode aus Cuxhaven unter Spionageverdacht in Kiel festgenommen. Thode erhält für seinen Tipp 250 Mark aus der Privatschatulle des Kaisers. Die beiden Franzosen, die sich auf der englischen Privatjacht „Insect“ eingeschifft hatten, um die deutschen Küstenbefestigungen in Cuxhaven, Wilhelmshaven und Brunsbüttel, außerdem die Emsmündung, Borkum, Helgoland sowie die Eider und den Eiderkanal auszuspionieren, werden vom Reichsgericht in Leipzig am 17. Dezember 1893 zu vier bzw. sechs Jahren Festungshaft verurteilt. Bereits am 30. Juni 1894 begnadigt der Kaiser die inhaftierten Franzosen. Der deutsche Botschafter in Paris telegraphiert die Stimmung der französischen Bevölkerung nach Berlin: „… rückhaltlose Bewunderung für die ritterliche Gesinnung und das hochherzige Zartgefühl, welches in dem großmüthigen Gnadenakt Seiner Majestät hervortrat.“

Segelabenteuer mit politischer Brisanz

Man möchte glauben, die beiden Franzosen hätten ungewollt die Vorlage für „The Riddle of the Sands“ geliefert, den Erskine Childers´ zehn Jahre später herausbringt. „Spionage ist und bleibt ein geradezu hysterisch besetztes Feld“, schreibt der Historiker Gerd Steinwascher im Niedersächsischen Jahrbuch für Landesgeschichte (2015). „Das Rätsel der Sandbank“ lässt den heraufziehenden Ersten Weltkrieg in Europa erahnen, wenngleich der berühmteste Segelthriller der Gegenwart in der kleinen Welt des ostfriesischen Wattenmeers und seiner verträumten Inseln spielt. Was als harmloses Segelabenteuer zweier Londoner Eigenbrödler beginnt, berührt die große Politik und sollte noch ein Nachspiel haben. Davon mehr in Teil II der Serie „Das Rätsel der Sandbank“.

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