Riskante Fahrweise Ist die Wallinghausener Straße in Aurich ein Raser-Hotspot? Das sagen Anwohner
Die Wallinghausener Straße in Aurich gilt nicht als Unfallschwerpunkt. Unter den Anwohnern gilt sie aber schon längst als gemeingefährlich. Was sie sich wünschen, damit ihre Straße sicherer wird.
Aurich - „Es wird da gefahren wie auf einer Teststrecke für Raketenfahrzeuge.“ So beschreibt der Auricher Frank Meyer das Verhalten der Autofahrer auf der Wallinghausener Straße in einem Facebook-Kommentar. Seit neun Jahren wohnt er dort. Riskante Überholmanöver und überhöhte Geschwindigkeit sieht er täglich, sagt er. Seine Nachbarin, Luise Goldenstein, lebt schon seit 60 Jahren an der Wallinghausener Straße. Als es vor zwei Wochen zu einem schweren Verkehrsunfall kam, war sie die erste an der Unfallstelle. Auch ihr macht das Fahrverhalten auf der Straße Angst.
Am Montag, 21. Juli, führte ein missglücktes Überholmanöver zu einem schweren Verkehrsunfall. Dabei wurde die Fahrerin des Unfallwagens schwer verletzt und musste von der Feuerwehr aus ihrem Auto befreit werden. Zwei Kinder erlitten leichte Verletzungen.
Luise Goldenstein erinnert sich noch gut an den Abend, an dem sie ein lautes Knallen hörte, als sie hinter ihrem Haus die Wäsche aufhängte. „Ich habe nur gedacht: Hoffentlich sind das nicht unsere Kinder“, sagt sie. Sie konnte der verunglückten Frau nicht helfen, weil sie im Auto eingeklemmt war. „Ich habe ihr nur gesagt: ,Keine Sorge. Ihren Kindern geht es gut.‘ Ob sie mich gehört hat, weiß ich nicht“, sagt Goldenstein. Noch heute sind Plastikteile und Glassplitter vom Unfall im Gras am Straßenrand zu entdecken.
Vor eigener Auffahrt angehupt
Die Straße besteht aus Abschnitten mit verschiedenen Geschwindigkeitsbegrenzungen. An dem Teilstück, an dem Frank Meyer wohnt, dürfen eigentlich nur 50 km/h gefahren werden. Es befinden sich Bushaltestellen in der Nähe, an denen morgens Schulkinder auf ihre Busse warten. Entlang der Straße sind Radwege. Außerdem sind regelmäßig Boßler auf der Straße unterwegs. Der Zustand der Fahrbahn ist an vielen Stellen schlecht. Sobald man die 50er-Zone verlässt, darf man wieder 100 km/h fahren. Das gilt aber nur für etwa einen Kilometer, bevor die erlaubte Höchstgeschwindigkeit wieder bei 70 liegt.
An diesem kurzen Streckenabschnitt, auf dem man 100 Kilometer pro Stunde fahren darf, liegt der Hof von Luise Goldenstein und ihrer Familie. Ihr Mann ist häufig mit landwirtschaftlichen Maschinen auf der Straße unterwegs. Er habe schon große Angst gehabt, mit den großen Maschinen nach links auf seinen Hof abzubiegen, weil viele Autofahrer noch knapp überholten — teilweise noch über den Grünstreifen, berichtet Goldenstein.
Die vorausliegende 100er-Zone nehmen einige Autofahrer zum Anlass, schon am Ende der 50er-Zone auf 100 Stundenkilometer zu beschleunigen. Viele Fahrer reduzieren ihre Geschwindigkeit auch gar nicht erst auf 50 km/h, berichten Meyer und Goldenstein. „Wenn der Feierabendverkehr losgeht, schießen die hier durch wie verrückt“, sagt Meyer. „Keiner versteht, warum da überhaupt nur für einen Kilometer 100 sein soll.“ Meyer sei schon regelmäßig beim Einbiegen in seine eigene Auffahrt angehupt worden, berichtet er.
Unfälle werden in Eigeninitiative kaschiert
Wenn man über Strategien nachdenkt, mit denen man Raserei reduzieren kann, denken viele direkt an Blitzer. An der Wallinghausener Straße wurde das bisher nicht umgesetzt. „In den letzten neun Jahren hat hier keiner geblitzt“, sagt Meyer. Auch seine Nachbarin kann sich nicht erinnern, dass in der Nähe ihres Grundstücks schon einmal geblitzt wurde. An einem anderen Teilabschnitt hätten früher vereinzelt Geschwindigkeitskontrollen stattgefunden, doch nie da, wo laut den Anwohnern wirklich gerast wird. Goldenstein hält Blitzer nicht für eine zielführende Lösung. „Die wirklichen Raser sind alle mit den Blitzer-Apps unterwegs“, sagt sie. „Die wissen genau, wo sie schnell fahren können, ohne erwischt zu werden.“ Auch Meyer glaubt nicht an Blitzer als langfristige Lösung. „Ein Blitzer würde da vielleicht einmal alle sechs Monate stehen“, sagt Meyer. In der Zwischenzeit würde es wahrscheinlich so weiter gehen wie bisher. „Im Idealfall wäre nach der 50er-Zone direkt 70. Dann ist der Respekt davor, 100 zu fahren, schon mal geringer“, hofft Meyer. Goldenstein ist für ein Überholverbot, damit ihre Mann und sie in Ruhe auf ihren Hof einbiegen können.
Als Unfallschwerpunkt führt die Polizeiinspektion Aurich/Wittmund die Wallinghausener Straße aktuell nicht, sagt Sprecherin Wiebke Baden. In den letzten drei Jahren sei der Polizei keine „nennenswerte Unfalllage“ in diesem Bereich bekannt. Warum das so ist, ist für Frank Meyer ersichtlich. Es komme gelegentlich vor, dass Autos durch missglückte Überholmanöver im Graben landen. Wenn niemand ernsthaft verletzt ist, werden diese dann oft selbstständig wieder auf die Straße bewegt, ohne dass die Polizei alarmiert wird. „Wenn ich abends mit meinem Hund spazieren gehe, sehe ich manchmal noch Reifenspuren auf den Grünstreifen“, sagt Meyer.
„Hier haben sie schon immer gerast“
Überholmanöver wie das, das zu dem schweren Unfall im Juli geführt hat, sehen die beiden Anwohner so gut wie täglich. „Man hört hier schon, wie einige Autofahrer runterschalten, bevor sie durch die Kurve kommen, um noch vor dem Hunderterschild die zu überholen, die sich an die 50 halten“, so Meyer.
Für die Anwohner ist die Wallinghausener Straße schon lange ein Raser-Hotspot. Goldenstein erinnert sich noch an Unfälle von vor 25 bis 30 Jahren, als eine junge Frau auf dem Radweg von einem Auto getroffen wurde, das nach einem Überholmanöver von der Straße abgekommen ist. „Hier sind sie schon immer gerast“, sagt Goldenstein. Für ihre Kinder und Enkelkinder sei immer alles abgezäunt gewesen. Katzen könne sie nicht besitzen, wegen der Gefahr, dass sie überfahren werden. „Damit habe ich mich mittlerweile schon abgefunden“, sagt Goldenstein.