Wallenhorst  Verkehrswahnsinn jeden Tag: Anwohnerin über ihr Leben an der L109 in Wallenhorst

Ankea Janßen
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Von Ankea Janßen
| 07.08.2025 09:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Von ihrer Küche aus hat Renate Witte die Verkehrslage jeden Tag im Blick – und in den Ohren. Foto: Ankea Janßen
Von ihrer Küche aus hat Renate Witte die Verkehrslage jeden Tag im Blick – und in den Ohren. Foto: Ankea Janßen
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Renate Witte hatte schon einen BMW in der Hauswand hängen, hat eine Frau in ihrem Auto sterben sehen und die Beifahrerin befreit. Seit 50 Jahren wohnt die Wallenhorsterin an der Landesstraße 109. Sie will, dass sich an der Verkehrssituation endlich etwas ändert.

Von ihrer Küche aus hat Renate Witte alles genau im Blick. Mit einem Kaffee in der Hand beobachtet sie das Verkehrsgeschehen durch Fenster und Terrassentür. Alle paar Sekunden rauscht ein Auto, ein Lastwagen oder ein Motorrad die Ruller Straße entlang.

„Der Verkehr hier hat enorm zugenommen“, sagt Witte. Seit 50 Jahren lebt sie in der Gemeinde Wallenhorst im Landkreis Osnabrück. Ihr Haus befindet direkt in einer langgezogenen Kurve – Tempo 70 ist an dieser Stelle erlaubt. „Aber die meisten halten sich nicht daran“, ist Witte überzeugt.

Der Wohnort der 70-Jährigen– die Landesstraße 109 – ist eine beliebte Abkürzung im Landkreis, um das Autobahnkreuz Lotte zu umfahren und wieder auf die Autobahn 1 Richtung Norden zu gelangen. Das gilt auch für die entgegengesetzte Richtung. Laut einer Verkehrszählung im Jahr 2021 nutzen 8700 Fahrzeuge pro Tag die L109 im Bereich Rulle.

Immer wieder kommt es auf der L109 zu Unfällen. Im Januar überschlug sich ein 43-Jähriger mit seinem Pick-Up und kam in einem angrenzenden Feld zum Stehen. Im August 2024 stießen ein Auto- und ein Rollerfahrer zusammen – beide verletzten sich schwer. Nur einen Monat zuvor fuhr der Fahrer eines VW-Golfs gegen einen Baum. Gegenüber von Renate Wittes Haus.

„Das war ein Fahrschullehrer“, weiß die Rentnerin. „Der Baum war danach hinüber und wurde entfernt.“ Witte hat schon einige der Unfälle live mitbekommen – es direkt krachen hören oder es anhand des sich stauenden Verkehrs vor ihrer Haustür bemerkt. „Als mein Mann noch lebte, hat er häufig mit mir geschimpft, weil ich dann direkt losgelaufen bin“, erinnert sie sich.

So war Witte bereits Ersthelferin, als sich vor einigen Jahren ein Auto überschlug und auf dem Dach hinter einem Bach auf der anderen Straßenseite landete. „Die Beifahrerin konnte ich befreien, aber für die Fahrerin kam jede Hilfe zu spät.“ Sie starb noch an der Unfallstelle. Die Bilder wird Witte wohl niemals vergessen.

Ebenfalls eingebrannt hat sich eine Silvesternacht – das Jahr kann Witte nicht mehr genau benennen. „Mitten in der Nacht, es muss ungefähr zwei Uhr gewesen sein, gab es einen riesigen Knall. Ich dachte, das ganze Dach kommt runter.“ Nur mit Mühe konnte Witte die Haustür öffnen, die von einer Tanne versperrt wurde, die eigentlich im Vorgarten stand. „Ein BMW war in unsere Hauswand gekracht. Am Steuer saß eine schwangere Frau, die mit ihrer Familie unterwegs war. Ich habe sie dann erstmal hier aufs Sofa verfrachtet.“ Schwere Verletzungen hatte sich glücklicherweise niemand zugezogen.

Ein Blick in den Unfallatlas Deutschland des Statistischen Bundesamts zeigt, dass es in den vergangenen Jahren immer wieder zu Verkehrsunfällen an der L109 in der Gemeinde Wallenhorst gekommen ist. Genaue Zahlen liefert die Polizei Osnabrück dazu auf Nachfrage nicht und verweist auf eine interne Analyse, die aktuell zwischen Polizei, Unfallkommission und Gemeinde laufe.

Witte hat sich inzwischen mit zahlreichen anderen Anwohnern der L109 zusammengeschlossen, um etwas gegen die angespannte Verkehrssituation zu unternehmen. „Wir fordern ein Überholverbot und eine Bedarfsampel im Bereich Kohkamp“, sagt die Rentnerin. Es sei nahezu unmöglich, die Straße in diesem Bereich zu überqueren. „Vor allem für Kindergarten- und Schulkinder ist die Verkehrslage hier gefährlich“, so Witte.

Handlungsbedarf sieht auch der Wallenhorster SPD-Landtagsabgeordnete Guido Pott. „Es geht vor allem um die Schulwegsicherung der Kleinsten. Eine Überquerung der Straße ist nicht zumutbar“, sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion und spricht sich für eine Bedarfsampel im Ortsteil Rulle und eine im Ortsteil Hollage aus.

Laut niedersächsischer Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr sind die Finanzierungsbedingungen durch das Land Niedersachsen nicht gegeben, da die Zahl der Fußgängerüberquerungen, die eine aktuelle Verkehrsschau ergeben hat, zu gering seien. „Ferner wurde festgestellt, dass in dem Kreuzungsbereich Ruller Straße / Kohkamp / Mühlenheide keine besonderen Gefahren vorliegen, welche die Errichtung einer Ampelanlage rechtfertigen könnten“, heißt es gegenüber unserer Redaktion. Einem Überholverbot erteilt man ebenfalls eine Absage, „da langsam fahrender Verkehr auch weiterhin überholt werden soll.“ Auf das Land können die Anwohner also nicht zählen, Kosten für eine Bedarfsampel müsste die Gemeinde Wallenhorst stemmen. Pott hat dazu einen Antrag gestellt. Beratungen werden im September in der Bauausschusssitzung stattfinden, eine endgültige Entscheidung dann am 30. September in der Ratssitzung gefällt.

Renate Witte hofft weiter auf baldige Besserung. Sie hatte schon mal über den Verkauf des Hauses nachgedacht – dann zog ihr Sohn samt Familie im Anbau des Hauses ein. Die Enkelkinder können im Garten im Pool schwimmen und auf dem Trampolin springen – 10.000 Quadratmeter groß ist das Grundstück.

Nur das Rauschen des Verkehrs – das ist auch hier zu hören. „Ich habe mich daran gewöhnt, brauche es zum Einschlafen“, sagt Witte. Jedes Jahr macht sie Urlaub auf Sylt und wundert sich über die Ruhe auf der Insel. „Da hört man ja nur die Möwen schreien.“

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