Selbsttest in Wiesmoor Ist der Flohmarkt am Jannburger Weg wirklich Kult?
Was macht den Flohmarkt am Jannburger Weg so attraktiv, dass jedes Jahr mehr Besucher dorthin pilgern? So viele, dass er inzwischen als Großveranstaltung durchgeht. Einem Geheimnis auf der Spur.
Wiesmoor - Ich habe es getan – und stehe nach vielen Jahren Flohmarktmüdigkeit wieder mitten im Getümmel. Es ist fast 10 Uhr – offiziell soll es am Jannburger Weg in Wiesmoor am Sonntag, 10. August 2025, um 9 Uhr losgehen. Doch schon bei der mühsamen Suche nach einem Parkplatz wurde klar: Viele müssen schon viel früher da gewesen sein. Auffällig ist, dass viele frühe Schnäppchenjäger, die bereits wieder auf dem Heimweg sind, sich offenbar auf den nächsten Winter vorbereiten.
Die ersten Flohmarktfunde, die mir freudig entgegengetragen werden, sind ein Schlitten und ein Holz-Elch. Das ist verstörend an einem Tag mitten im August. Es ist bereits am frühen Vormittag knallig heiß. Warum ich trotzdem hier bin? Seit drei Jahren berichte ich über den Flohmarkt: veröffentliche Ankündigungen, Nachberichte, Fotogalerien und die Gespräche mit den Veranstaltern über die Neuerungen. Selbst war ich aber noch nie dort. Ich will also herausfinden, ob der Flohmarkt am Jannburger Weg wirklich so kultig ist, wie er beworben wird.
Viele Schnäppchenjäger – doch das Verkehrschaos bleibt aus
Die Suche nach einem Parkplatz gestaltet sich wegen des großen Andrangs nicht so einfach. Trotzdem fällt schnell auf, dass das Verkehrskonzept der Veranstalter greift. Niemand parkt oder hält an der Hauptstraße. Das Verkehrschaos der Jahre des großen Flohmarktwachstums ist Geschichte. Auch das Chaos bei der Vergabe der Stände am Sonntagmorgen ist gelöst. Das habe ich bereits im Vorfeld von den Veranstaltern erfahren. Viele Verkäufer haben die Möglichkeit genutzt und sich bereits am Vortag einen Platz ausgesucht. „Der Rest hat heute ganz entspannt einen Platz im Gewerbegebiet zugewiesen bekommen“, sagt Christian Behrends. Er ist einer der ersten vom Orga-Team, den ich an diesem Tag treffe.
Mein erstes Ziel des Tages ist Flohmarkt-Initiator Ewald Hagedorn. Er wohnt am Anfang des Jannburger Wegs, ein paar Häuser hinter den bereits vollen Parkplätzen direkt am Flohmarkt. Auf dem Weg zu ihm begegne ich einer jungen Frau mit so vielen Tüten voller Flohmarkt-Schnäppchen, dass ich Angst bekomme, sie könnte unter der Last zusammenbrechen. 2010 hat Ewald Hagedorn den Straßenflohmarkt mit Käthe Holst ins Leben gerufen. Seitdem wird es auf der Straße zum Industriegebiet „Am Dobben“ – und inzwischen auch im Industriegebiet selbst – jedes Jahr voller.
Das rote Sofa für den Flohmarkt-Organisator im Ruhestand
Statt über den Markt zu flitzen und sich um alles zu kümmern, sitzt Hagedorn in diesem Jahr zum ersten Mal auf einem roten Sofa vor seinem Haus im Schatten. Das haben ihm seine Nachfolger am Morgen vor die Tür gerollt. „Das hatten wir Ewald schließlich versprochen“, so Christian Behrends. Mit Uwe Jüttner, Harald Schmidt, Robert Winter und Rainer Kuhlmann bildet er das neue Orga-Team. Dank ihnen verkauft Ewald Hagedorn das erste Mal seit Beginn des Straßenflohmarkts vor 15 Jahren selbst etwas.
Stolz räkelt sich Hagedorn auf seinem Sofa. Vor ihm stapeln sich Suppenterrinen und aus alten Teekannen gebastelte Meisen-Nistkästen. Er ist also jetzt offiziell als Flohmarkt-Organisator in den Ruhestand gegangen – und ist froh darüber. „Ganz ehrlich, Nicole – schau dir an, was hier los ist und was organisatorisch alles dazugekommen ist“, sagt er und nickt in Richtung der vollen Flohmarktmeile. Dann verabschiedet er mich zum Flohmarkttest in die Menge. Mein Plan an diesem Tag: nur gucken, nicht kaufen.
Kaufrausch auf dem Flohmarkt in Wiesmoor
Schon einen Stand weiter bleibe ich hängen und vergessen ist der Vorsatz. Seit wann gibt es auf einem Flohmarkt gebrauchte Dinge, die ich wirklich gebrauchen kann? Vier durchsichtige Vorratsboxen wandern für 2 Euro pro Stück in die Rucksäcke meiner Begleiter. Klar hätte ich handeln können, aber irgendwie bin ich aus der Übung. Auf der Schnäppchenjagd bin ich nicht alleine. Meine Patenkinder, ein 14-jähriger und ein 17-jähriger Teenager, sind an meiner Seite. Wahrscheinlich würden sie den Tag viel lieber an einem Badesee verbringen. Doch sie lächeln bloß tapfer und verstauen meine Einkäufe.
Mir wird klar, dass ich wohl erst einmal eine Tasche kaufen muss, um die beiden zu entlasten. Denn der Blick auf die Stände alarmiert mich: Neben dem gewohnten Flohmarktkram finde ich dort viele Dinge, an denen ich nur schwer vorbeigehen kann. Den passenden Beutel finde ich nur ein paar Stände weiter, selbstgenäht von einer Anwohnerin – nur 5 Euro möchte sie für das liebevoll genähte Teil haben. Unfassbar wenig. Nachdem ich meinen Vorsatz ohnehin schon gebrochen habe, bin ich kaum zu bremsen. In letzter Not schaffe ich, mir die coole vollautomatische Wasserpistole und die doppelläufige Nerf-Pistole Zombie Strike Flipfury nicht zu kaufen. Auch an den angebotenen Nähmaschinen gehe ich als Sammlerin zielstrebig vorbei, obwohl es schwerfällt.
Das Geheimnis des Straßenflohmarkts
Warum es hier so tolle Dinge gibt, wird klar, als ich zwei Verkäuferinnen bei einem Gespräch belausche. „Nein, ein Flohmarkt im Jahr reicht mir“, sagt die eine. Bei meinem Gang über den Markt bekomme ich mit, dass die Philosophie an vielen Ständen die gleiche ist. Ein Jahr lang haben viele Dinge für eben diesen Flohmarkt gesammelt oder hergestellt. Es macht sich bemerkbar, dass professionelle
Verkäufer nicht erwünscht sind. Anbieter mit Neuware und reinem Plunder gibt es kaum. Die wenigen, die es auf den Platz geschafft haben, haben sich immerhin beim Angebot und in der Optik angepasst.
Dann muss ich wieder zuschlagen. Es ist ein Fenstersauger mit Reinigungsmittel und Sprühflasche für 15 Euro. Die Vorbesitzerin kam mit dem Markenprodukt eines bekannten Herstellers nicht zurecht. Neu hätte ich ihn mir nie gekauft, wegen des schlechten ökologischen Gewissens. Schließlich kann man auch ohne elektrische Geräte wundervoll seine Fenster putzen. Bei einem gebrauchten Gerät ist das schlechte Gewissen aber schnell besänftigt – und schon am Abend sind alle Fenster meiner Wohnung sauber und ich bin begeistert.
327 Stände – und ein zufriedenes Orga-Team
Auch meine Begleiter lassen sich anstecken, wir testen die Toiletten, Getränkebuden und sind mehr als zufrieden. Am Ende des Flohmarktbesuchs können wir auf der Spielekonsole als Cowboy in den Sonnenuntergang reiten, haben genug Zollstöcke für ein ganzes Leben und wunde Füße. Wir blicken uns auf dem Rückweg verständnisvoll an, als eine Frau vor uns stöhnt: „Ich will nur noch die Schuhe ausziehen und die Füße hochlegen.“ Wir fühlen das Gleiche.
327 Stände waren es in diesem Jahr auf dem Flohmarkt, sagen die Organisatoren. Zum ersten Mal wurde jeder Stand genau gezählt. Der Flohmarkt am Jannburger Weg rangiert damit schon fast in der Liga des 24-Stunden-Traditionsflohmarkts in Simonswolde. Der verwandelt am 30. und 31. August 2025 die Hauptstraße des Ortes in eine kilometerlange Flaniermeile für Schnäppchenjäger. Dort werden in diesem Jahr 450 Händler und 25.000 Besucher erwartet. Der Unterschied: Dort sind auch professionelle Flohmarkthändler willkommen.
Doch in diese Sphären muss der muckelige Flohmarkt am Jannburger Weg nicht aufsteigen, finde ich. Das Orga-Team in Wiesmoor ist in diesem Jahr auch so mehr als zufrieden – und will gemeinsam weitermachen. „Auch die Leute und Gruppen hinter den Verzehrständen waren zufrieden und wollen im kommenden Jahr alle wiederkommen“, schreibt Christian Behrends per WhatsApp. Einen Termin für den nächsten Flohmarkt gibt es schon, teilt er ebenfalls mit. Es ist der Sonntag, 9. August 2026. In Wiesmoor gilt: Nach dem Flohmarkt ist vor dem Flohmarkt. Ich bin auf jeden Fall wieder dabei.