Gütersloh  Wer zockt, denkt mit: So politisch sind Gamer wirklich

Sophie Wehmeyer
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Von Sophie Wehmeyer
| 20.08.2025 11:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Diskussionen in Gaming-Communitys wie Twitch oder Discord: Hier wird mehr über Politik geredet als gedacht. Foto: IMAGO/Cultura Creative
Diskussionen in Gaming-Communitys wie Twitch oder Discord: Hier wird mehr über Politik geredet als gedacht. Foto: IMAGO/Cultura Creative
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Controller in der Hand, Kopfhörer auf – und mittendrin in einer politischen Debatte: Eine Studie der Bertelsmann Stiftung rückt Gamer in ein neues Licht. Ist die Politik längst dort angekommen, wo viele sie nicht vermuten würden?

Bei der Gamescom in Köln werden wieder Hunderttausende Besucher erwartet: Das verwundert kaum, wo mehr als zwei Drittel der Deutschen ab 16 Jahren regelmäßig zum Controller greifen und in der Altersgruppe der 16- bis 34-Jährigen sogar 86 Prozent. Was oft übersehen wird: Hinter den Pixelwelten formieren sich Gemeinschaften, die nicht nur über Spiele fachsimpeln. In Gaming-Communitys diskutieren junge Menschen zunehmend über gesellschaftliche Fragen – und zeigen dabei ein bemerkenswert hohes Demokratievertrauen. Das zeigt eine neue Studie der Bertelsmann Stiftung, die untersucht hat, in welchem Ausmaß Mitglieder verschiedener Gaming-Communitys in Deutschland politisch denken und handeln.

Gaming gilt in Deutschland vor allem als Freizeitspaß oder milliardenschwerer Wirtschaftsfaktor. Doch in Gaming-Communitys wie Twitch oder Discord entstehen Räume, in denen junge Menschen nicht nur über Spiele, sondern auch über Politik diskutieren – und zwar laut Studie intensiver, als es die Öffentlichkeit bislang wahrgenommen hat.

Wer sich selbst als Gaming-Enthusiast, also „Gamer“ versteht, der besonders viel spielt, ist demnach deutlich aktiver in demokratischen Prozessen als der Durchschnitt. So gaben 45 Prozent der „Gamer“ an, in den vergangenen zwölf Monaten an Unterschriftensammlungen, Petitionen oder Bürgerbeteiligungen teilgenommen zu haben. In der Gesamtbevölkerung lag der Wert bei 39 Prozent.

Auch beim Beziehen einer politischen Stellung in sozialen Medien und der Teilnahme an Demonstrationen liegt die Gruppe der „Gamer“ vorne.

Laut den Studienergebnissen haben „Gamer“ außerdem im Vergleich zum Durchschnitt der Befragten ein höheres Vertrauen in die Funktionsfähigkeit der Demokratie und trauen der Politik zu, Herausforderungen zu meistern (65 Prozent zu 55 Prozent). Zudem zeigt sich, dass die Hälfte von ihnen politische Diskussionen mit anderen Spielern führt. 

„Gaming-Communitys sind alles andere als unpolitisch“, wird Joachim Rother, Experte der Bertelsmann Stiftung für Gaming und Demokratie, in der Mitteilung zitiert. Sie seien für Jugendliche ein Lernfeld, um sich in demokratischen Auseinandersetzungen zu üben: „Für viele junge Menschen sind sie wichtige Kanäle der politischen Meinungsbildung.“ Dennoch werde die Relevanz dessen nicht erkannt, so Rother: „Bislang werden sie von Politik und Öffentlichkeit (...) zu wenig ernst genommen oder übersehen.“

Neben dem politischen Engagement in den Gaming-Communitys hat die Studie den sozialen Charakter der digitalen Räume untersucht. Demnach fühlt sich fast jeder zweite junge Mann zwischen 16 und 34 Jahren einer Gaming-Community zugehörig und mehr als die Hälfte dieser Altersgruppe hat dort Freundschaften geschlossen. Viele Bekanntschaften würden längst bis in die analoge Welt reichen.

Doch das Bild hat auch Schattenseiten. Intensiver Austausch bedeutet nicht automatisch Geborgenheit. 58 Prozent der jungen „Gamer“ würden sich nach eigenen Angaben einsam fühlen. Hinzu käme ein hoher Anteil antifeministischer, sexistischer und queerfeindlicher Haltungen, die bei den „Gamern“ weiter verbreitet sei als im Durchschnitt.

„In Gaming-Communitys spiegeln sich viele Probleme der Gesamtgesellschaft“, wird Jessica Gerke, Jugendexpertin der Bertelsmann Stiftung, zitiert. Vor allem junge Männer, die drei Viertel dieser Gruppe ausmachen, seien häufiger Träger solcher Haltungen. Gerke fordert deshalb, Gaming-Communitys als das zu begreifen, was sie sind: „Identitätsstiftende Erfahrungsräume für Millionen junger Menschen.“

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