CSD Aurich  Melly Doden im Interview – „Definiert euch über eure Menschlichkeit!“

Eva van Loh
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Von Eva van Loh
| 20.08.2025 17:13 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Über zehn Jahre lang hat Melly Doden sich für den CSD Aurich eingesetzt. Jetzt hört sie auf. Foto: Stephan Friedrichs/Archiv
Über zehn Jahre lang hat Melly Doden sich für den CSD Aurich eingesetzt. Jetzt hört sie auf. Foto: Stephan Friedrichs/Archiv
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Elf Jahre lang hat Melly Doden den Auricher CSD organisiert. Dieses Jahr verabschiedet sie sich von dieser Aufgabe. Wie es für sie nach dem CSD weitergeht, hat sie uns im Interview berichtet.

Aurich - Seit 2014 organisiert Melly Doden ehrenamtlich den CSD Aurich. Am Samstag, 30. August, findet der vorerst letzte CSD in der Kreisstadt statt. Im Interview mit der Redaktion erzählt sie, wie es danach für sie weitergeht.

Wie fühlt man sich zwei Wochen vor dem vorerst letzten Auricher CSD?

Langsam werde ich ein bisschen nervös. Das ist auch der Grund dafür, warum ich die Woche vor dem CSD Urlaub genommen habe. Einfach um mich die letzten Tage voll auf den CSD konzentrieren zu können.

Was muss noch alles gemacht werden? Wofür sind Sie gerade zuständig?

Für alles. Das Team vom CSD Aurich besteht ja nur aus zwei Leuten. Das sind meine beste Freundin Heike Eiben und ich. Gerade sind wir noch mit den letzten Planungen und Gesprächen beschäftigt. Es geht um die Trucks der Fahrschule Kehrbach, die uns für den CSD zur Verfügung gestellt werden. Außerdem sprechen wir noch mit dem Ordnungsamt wegen des Sicherheitskonzeptes und einer Begehung des Karl-Heinrich-Ulrichs-Platz, wo der CSD dieses Jahr wieder beginnt.

Was denken Sie, wie werden Sie sich fühlen, wenn der CSD vorbei ist?

Ich würde als größtes Gefühl die Wehmut nennen. Es sind aber natürlich gemischte Gefühle. Das ist der zehnte Auricher CSD dieses Jahr, weil es 2019 keinen gab. Das hatte mit meiner Gesundheit zu tun. Da hat man dann gemerkt, wie sehr alles auf meinen Schultern lastet. Das Datum dieses Jahr passt total gut, weil der erste CSD 2014 auch am 30. August war. Wir sind auch am selben Ort: auf dem Karl-Heinrich-Ulrichs-Platz. Es wird ein schöner, runder Abschluss werden.

Im Mai 2024 zog der CSD durch die Auricher Innenstadt. Foto: Stephan Friedrichs/Archiv
Im Mai 2024 zog der CSD durch die Auricher Innenstadt. Foto: Stephan Friedrichs/Archiv

Also haben Sie nach wie vor noch keinen Nachfolger gefunden?

Nein. Es gibt den einen oder anderen, der vorsichtig Interesse zeigt, aber jemanden, der sagt: „Ich übernehme jetzt diese Verantwortung und ich mache das jetzt.“ Das gibt es bislang nicht. Man ist das ganze Jahr über mit dem CSD beschäftigt. Es kommen oft E-Mails oder es meldet sich die Presse. Das muss gar nicht immer direkt etwas mit dem CSD zu tun haben. Aber man ist einfach zum Ansprechpartner geworden.

Werden Sie weiter als Aktivistin aktiv bleiben?

Nein, ich habe zumindest erstmal nichts Konkretes vor. Ich denke schon, dass ich wieder in Erscheinung treten werde. Aber nicht als Planerin einer großen Veranstaltung. Ich bin zum Beispiel oft mit den Omas gegen Rechts in Aurich unterwegs. Oder bei Demos, wie die Demo gegen Rechts im Januar 2024 auf dem Marktplatz, die ich organisiert habe. Da meldet sich mein Kopf, der sagt: „So. Ich mache das jetzt.“ Und dann setze ich das auch um. Ich werde mir aber sicher kein großes Projekt mehr ans Bein binden. Was den CSD angeht, ist die Zeit reif, dass jüngere Leute nachrücken. Meine Gesundheit und meine Familie sind gerade das Wichtigste, und ich will ein bisschen mehr Ruhe in mein Leben bringen.

Die Demo gegen Rechts im Januar 2024 auf dem Auricher Marktplatz wurde von Melly Doden organisiert. Foto: Romuald Banik/Archiv
Die Demo gegen Rechts im Januar 2024 auf dem Auricher Marktplatz wurde von Melly Doden organisiert. Foto: Romuald Banik/Archiv

2024 sagten Sie, dass Sie die Entwicklungen in der Welt mit Angst beobachten. Wie ist das aktuell?

Bestätigt hat sich meine Angst, wenn man sich anschaut, was auf dem CSD in Emden passiert ist. Oder dass das Banner des CSD Leer zerschnitten wurde. Ja, das kann jeder gewesen sein, aber man schaut hin. Im Osten finden auch bei vielen CSDs Gegendemos von rechts statt. Ich wünsche mir für Aurich, dass wir den CSD genauso friedlich und ohne Gegenproteste über die Bühne bringen wie in den letzten zehn Jahren. In Aurich gab es solche Ausschreitungen wie in Emden noch nie. Wir waren hier der Vorreiter der ostfriesischen CSDs. Wir waren bei CSD Nummer 6 in Aurich, als in Wilhelmshaven der Erste war. Danach kamen Emden, Leer und Norden dazu. Vorher gab es nur den CSD in Oldenburg. Aber wenn man als Community in Ostfriesland sichtbar sein will, bringt es wenig, in Oldenburg unterwegs zu sein. Da muss man sich hier zeigen. Wir haben meiner Meinung nach damals in Aurich offene Türen eingerannt. Wir hatten nie Schwierigkeiten.

Haben Sie denn in den letzten Jahren persönlich erlebt, dass es mehr Anfeindungen gegen queere Menschen gibt?

Letztes Jahr wurden Bots auf Facebook losgeschossen und ein Beitrag über den CSD Aurich hatte auf einmal tausende Reaktionen — zum Beispiel viele wütende Smileys und um die 500 Kommentare. Da hat man gemerkt, dass da eine Strategie dahintersteckt. Das passierte dann auch bei vielen anderen CSDs. Aber grundsätzlich habe ich immer gesagt, dass das, was bei Social Media passiert, nicht das wahre Leben widerspiegelt. Im wahren Leben lebe ich mit meiner Frau und meiner Tochter ohne jegliche Anfeindung. Das können andere Menschen aber natürlich ganz anders erleben. Ich finde, dass wir mittlerweile als Community in der Gesellschaft viel angekommener sind, als es vielleicht den Anschein macht. Ich glaube, wir sind schon sehr gut verankert. Aber bei Social Media ist man natürlich gewissen Anfeindungen ausgesetzt. Und dadurch, dass die rechte Seite, zum Beispiel die AfD, gerade immer größer wird, sagen viele, dass es gerade jetzt einen CSD braucht. Aber in Aurich muss das dann jemand anderes tun. Das mache nicht mehr ich.

Dieses Jahr wird der vorerst letzte CSD in Aurich stattfinden. Foto: Stephan Friedrichs/Archiv
Dieses Jahr wird der vorerst letzte CSD in Aurich stattfinden. Foto: Stephan Friedrichs/Archiv

Was möchten Sie der queeren Community in Ostfriesland mitgeben?

Definiert euch nicht über Fahnen, sondern definiert euch über eure Menschlichkeit!

Früher hatten wir alle unseren Platz unter dem Regenbogen. Vollkommen egal, welche Neigung man hat. Ich sehe die vielen verschiedenen Fahnen kritisch. Mein Gedanke dazu ist: Wenn es für mich schon schwierig ist, die Fahnen zuzuordnen, was denken dann Menschen, die mit der Community nichts zu tun haben? Darum sage ich immer: Definiert euch nicht darüber. Natürlich ist das Geschlecht und die sexuelle Orientierung ein Teil von jedem Menschen. Es ist auch ein Teil von mir, dass ich lesbisch bin. Aber das ist nicht alles. Es gibt viel mehr, was ich zu bieten habe, als mein Lesbischsein.

Warum glauben Sie, dass ein CSD in einer ländlichen Gegend noch wichtig ist?

Vor dem ersten CSD hatte man oft das Gefühl, dass es in ganz Aurich vielleicht ein schwules Paar und ein lesbisches Paar gab. Aber man hat wenig Schwule oder Lesben im Straßenbild gesehen. Wir waren nicht sichtbar. Das hat sich in den elf Jahren CSD Aurich verändert. Jetzt sieht man hier viel mehr gleichgeschlechtliche Paare und es ist kein Problem mehr, sich zu zeigen. Mittlerweile denke ich, dass der CSD eher so eine Art „Love Parade“ ist, auf der man einfach einen Tag lang feiert, was man erreicht hat. Und man zeigt: Liebe ist Liebe. Es geht am Ende schließlich immer um zwei Menschen, die sich lieben.

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