Zürich  In fremden Händen: Was mit unserem Körper gemacht wird, wenn wir unter Vollnarkose sind

Lisa Leonardy
|
Von Lisa Leonardy
| 21.08.2025 10:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Die meisten Patienten kriegen von den Operationsabläufen nichts mit. Foto: dpa-tmn/Diagentur
Die meisten Patienten kriegen von den Operationsabläufen nichts mit. Foto: dpa-tmn/Diagentur
Artikel teilen:

Unterziehen wir uns einer Operation, geben wir die Kontrolle über unseren Körper ab. Doch an wen eigentlich? Eine Reportage über jene Stunden, an die sich Patienten niemals erinnern werden.

Normalerweise wissen wir ganz genau, wer uns berührt. Wir erinnern uns daran, wem wir die Hand geschüttelt haben oder mit wem wir in der Stadt zusammengestoßen sind. Doch im Krankenhaus, unter Vollnarkose, verlieren wir dieses Bewusstsein. Wir verzichten auf die Kontrolle und auf unsere Erinnerungen, sind nur noch ein bewegungsloser Körper ohne Empfindungen.

Durch wie viele Hände werden wir gereicht, nachdem das Narkosemittel unseren Körper und Geist in einen tiefen Schlaf versetzt hat? Wer entblößt die Stellen, die während der Operation frei liegen müssen? Wer desinfiziert unsere Haut? Wer sorgt dafür, dass wir optimal gelagert werden? Wie viele Menschen, an die wir uns niemals erinnern werden, betrachten uns in diesem Zustand?

Wer Andrea Raddatz kennenlernt, wird sich später nur an einen Bruchteil der gemeinsamen Stunden erinnern. Sie ist Anästhesiepflegerin im Krankenhaus Lachen SZ. „Meine Zeit mit den Patienten ist kurz, aber sehr intensiv“, sagt die 57-Jährige. Gerade bereitet sie den Empfang eines neuen Patienten vor – in einem der Räume vor den vier Operationssälen des Krankenhauses. Ihr nächster Patient: ein junger Mann, Anfang 30, Leistenhernien-OP, Raucher.

„Hier brauchen wir etwas mehr Narkosemittel“, sagt Raddatz. Wegen des „regelmäßigen Wein- und Bierkonsums“, den der Anästhesist im Vorgespräch notiert hat. Während sie routiniert weitere Informationen in das Patientendossier eintippt, erklärt sie: „Wer Drogen nimmt, braucht oft das Doppelte bis Dreifache der Menge, da der Körper an ähnliche Substanzen gewöhnt ist.“ Damit steigt auch das Risiko für Nebenwirkungen wie Übelkeit, Müdigkeit, Blähungen oder Blutdruckschwankungen.

„Die größte Sorge der Patienten ist nicht, was passieren könnte, während sie schlafen“, sagt Raddatz. Viele sorgten sich eher darum, dass sie während der Operation aufwachen könnten. Und tatsächlich ist das nicht ganz unbegründet. Gemäß dem „Deutschen Ärzteblatt“ kommt „unerwünschte Wachheit“ während der Narkose in ein bis zwei von Tausend Fällen vor. Bei Kindern ist das Risiko noch höher.

Andere Patienten fürchten das Gegenteil – also nicht mehr aufzuwachen. „Wer bei uns auf dem OP-Tisch liegt, hat sich vorher meist mit unbequemen Fragen befasst“, sagt Raddatz. Die Anästhesiepflegerin ist deshalb direkt vor dem Operationssaal oft mit Angst, Anspannung und Nervosität des Patienten konfrontiert.

Der bevorstehende totale Verlust der Kontrolle mache vor allem junge Männer häufig nervös, manchmal sogar ausfallend, erzählt sie. Beim Kennenlernen im Operationsbereich habe sie oft nur wenige Minuten, um eine vertrauensvolle Beziehung zum Patienten aufzubauen. Gelingt das, folgen meist keine größeren Dramen.

Raddatz’ Telefon klingelt. In der OP-Schleuse nimmt sie kurze Zeit später den sichtlich nervösen Patienten in Empfang. Anhand von ein paar Fragen stellt sie sicher, dass die richtige Person in den richtigen Saal gekommen ist und am richtigen Ort operiert wird.

Die sogenannte Lagerungspflege hilft dem jungen Mann vom Stationsbett auf die danebenstehende OP-Liege. Sie hilft beim Ausziehen des Operationshemdes, sichert seine Beine mit einem Gurt am Bett und bedeckt ihn mit vorgewärmten Tüchern. Er muss nackt in den Operationssaal – aus Hygienegründen. „Sie ist bei uns die einzige Frau im Lagerungsteam“, sagt Raddatz. Meistens würde diese körperlich anspruchsvolle Arbeit von männlichen Kollegen übernommen.

„Na? Schon einen schönen Traum ausgesucht?“, fragt Andrea Raddatz den jungen Mann und platziert dann routiniert Kabel zur Messung von Blutdruck, Sättigung und Herzaktivität. Auch legt sie den intravenösen Zugang am Handrücken. Etwas zittrig antwortet der Patient, er hoffe, der Traum werde dann am Ende nicht zu einem Albtraum.

Sätze wie „Es wird schon alles gut werden“ oder „Ich passe gut auf Sie auf“ sagt Andrea Raddatz heute nicht mehr. Sie erinnert sich, wie sie einst eine junge, sehr ängstliche Patientin mit diesen Worten beruhigte. Es kam während der Operation zu Komplikationen, die Ärzte konnten sie nicht mehr reanimieren. Sie verstarb.

Für den jungen Mann öffnet sich nun die Schleuse zum Operationssaal. In Kittel und Masken gehüllt, geht jede der rund acht Personen im Raum ihrer Aufgabe nach.

Mit jedem Tropfen Narkoseflüssigkeit, die durch den dünnen Infusionsschlauch in die Vene des jungen Mannes fließt, werden dessen Herzschläge langsamer. Auf Ansprache reagiert er immer benommener. Dann verliert er ganz das Bewusstsein. Die Medikamente beeinflussen das zentrale Nervensystem, das Empfinden im ganzen Körper wird ausgeschaltet. Keine Schmerzen mehr, keine Sorgen, und vor allem: keine Erinnerung.

Nun wird es lauter im Raum, und das Licht wird heller. Der Anästhesist führt den Beatmungsschlauch mithilfe einer Art Spatel in die Luftröhre des Patienten ein. Die Pflegerin, die für die Lagerung zuständig ist, bringt den reglosen Körper des jungen Mannes in die richtige Position – in diesem Fall in die Rückenlage.

Jede Operation hat eine standardisierte Lagerung. Da gibt es beispielsweise den sogenannten Beach-Chair, bei dem der Patient halb sitzend wie auf einer Strandliege im Operationssaal platziert wird. Oder die Steinschnittlagerung, die vor allem bei gynäkologischen oder urologischen Operationen angewandt wird. Dabei liegt der Patient auf dem Rücken, beide Beine im Hüftgelenk etwa 90 Grad gebeugt und die Knie abgewinkelt.

Steht eine Wirbelsäulen- oder Schulter-Operation in Bauchlage auf dem Programm, wird das Gesicht nach der Umlagerung noch in eine Art weichen Helm gepackt – um den Druck auf Augen und Gesicht zu reduzieren.

Wurde die Lagerung nicht korrekt ausgeführt, wird der Patient später die Folgen spüren: Druckstellen, eingeklemmte Nerven, Muskel- oder auch Schulterschmerzen. „Wer abends auf dem Sofa schief einschläft, kennt die unangenehmen Folgen“, so vergleicht es Andrea Raddatz.

Damit die Augen des jungen Mannes während der Operation nicht austrocknen, deckt eine der Anästhesiepflegerinnen sie mit speziellen Pflastern ab. Bevor sie mit Tupfern großzügig eine rotorange Desinfektionsflüssigkeit rund um das Operationsgebiet verteilt und dieses dann wieder mit sterilen Tüchern und Klebeband abdeckt, rasiert die Lagerungspflege den jungen Mann noch im Intimbereich. So lässt sich das Klebeband später besser wieder entfernen.

Gerade wegen solch sensibler Berührungen gibt es laut Andrea Raddatz auch Patienten und Patientinnen, die explizit auf gleichgeschlechtliches Pflegepersonal bestehen. Grundsätzlich gilt für sie: Was ich selbst nicht möchte, tue ich auch niemandem anderen an.

Yvonne Gilli ist Präsidentin der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH). Sie sagt: „Ärzte und Pflegende müssen das Schamgefühl einzelner Patientinnen und Patienten – welches auch von religiöser oder kultureller Herkunft geprägt sein kann – weitestgehend respektieren.“ Ist zum Beispiel eine Intimrasur für den Eingriff nötig, werden Patienten vor dem Eingriff darüber informiert, damit sie diese auch selbst vornehmen könnten. „Gewisse Maßnahmen müssen aber – zum Beispiel in Notfällen – in Kauf genommen werden“, so Gilli.

Kann es in Schweizer Krankenhäusern dennoch zu Fällen kommen wie in Frankreich, wo ein Chirurg über Jahrzehnte bewusstlose Patienten – unter ihnen viele Kinder – sexuell missbraucht hat? Kaum, sagt Gilli: „Der beste Schutz vor missbräuchlichem Verhalten im Operationssaal ist, nie mit dem Operateur allein zu sein. Und das ist bereits aufgrund der Struktur und Organisation in den Schweizer Operationssälen nie der Fall.“

Hochrisikosituationen bestünden eher dann, wenn Patientinnen und Patienten allein mit einer Ärztin oder einem Arzt im Untersuchungszimmer seien. „Wir empfehlen Patienten und Ärzten deshalb klar, solche Situationen zu meiden – zum Schutz für beide Seiten.“

„Bei Kindern und anderen vulnerablen Bevölkerungsgruppen wie Menschen mit Behinderungen oder älteren, zum Beispiel dementen Menschen, sollte besonderer Schutz gewährleistet sein“, so Gilli. „Es ist sinnvoll, dass sie stets von Erwachsenen oder Betreuungspersonen begleitet werden.“

Mario Fasshauer, der Geschäftsleiter der Patientenstelle Schweiz, gibt dennoch zu bedenken: „Mit viel krimineller Energie können leider auch bei uns Lücken im System umgangen werden.“ Wer nach einer Narkose feststellt, ungenügend aufgeklärt worden zu sein, oder den Verdacht hat, dass etwas nicht korrekt verlaufen sei, sollte sich deshalb umgehend an eine Patientenstelle oder an den zuständigen kantonsärztlichen Dienst wenden.

Im Lachener Operationssaal starten der Chirurg und dessen Assistenzärztin mit dem Eingriff. Mehrere Fachpersonen stehen neben ihnen, reichen routiniert Instrumente oder säubern die Wunde.

Schnell wird klar, woher sich das griechische Wort „cheirurgia“ ableitet. Es bedeutet so viel wie Handarbeit oder Handwerk. Mit mehreren kleineren Metallhaken wird der mit einem Skalpell vorgenommene Hautschnitt am Bauch des jungen Mannes gespreizt. Durch einen sogenannten Trokar, eine Art Einführhilfe für Operationsinstrumente, wird eine kleine Kamera ins Bauchinnere geführt. Die Chirurgen arbeiten sich Schicht für Schicht durch die zähe Bauchwand. Andrea Raddatz beobachten abwechselnd den Patienten und die Vital- und Beatmungswerte auf den Monitoren. Die Narkose verläuft nach Plan.

Viele Handgriffe und Berührungen später ist der Eingriff beendet. Die Narkose endet, und der junge Mann erwacht. Er wechselt in einen Dämmerzustand. Doch die bewusste Erinnerung kommt meist erst im Aufwachraum wieder. Dort wird der Patient nach der Operation überwacht, bis seine Werte stabil sind und er das volle Bewusstsein wiedererlangt hat.

Der Patient ahnt nicht, dass er in den vergangenen Stunden durch die Hände von mindestens acht Personen gereicht wurde. Nur selten kommt es vor, dass jemand Andrea Raddatz nach seinen „verlorenen Stunden“ fragt. „Die meisten sind einfach froh, dass sie wieder gut aufgewacht sind.“

Dieser Text erschien zuerst in der Neuen Zürcher Zeitung.

Ähnliche Artikel