Hannover  CDU-Bildungspolitiker über Kultusministerin: „Da hat Frau Hamburg unsere Solidarität“

Jonas E. Koch
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Von Jonas E. Koch
| 22.08.2025 10:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
CDU-Bildungspolitiker Christian Fühner. Foto: Christian Fühner
CDU-Bildungspolitiker Christian Fühner. Foto: Christian Fühner
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Schlechte Unterrichtsversorgung, fehlende Lehrer, mangelnde Planung: Im Interview geht CDU-Bildungspolitiker Christian Fühner mit der Kultusministerin hart ins Gericht – doch bei Anfeindungen habe Julia Willie Hamburg seine volle Solidarität.

Sollten junge Lehrer gezwungen werden, offene Stellen auf dem Land zu besetzen? Grundsätzlich nicht, findet CDU-Bildungspolitiker Christian Fühner, schlägt aber vor: Man könne Absolventen für eine Zeit aufs Land schicken, bevor sie ihre Wunschstelle bekommen.

Frage: Herr Fühner, welche Schulnote würden Sie der Kultusministerin zum neuen Schuljahr geben?

Antwort: Zwischen einer vier-minus und einer fünf. Neben der seit Jahren schlechten Unterrichtsversorgung gibt es inzwischen viele zusätzliche Herausforderungen. Psychosoziale Probleme nehmen spürbar zu: mehr Gewalt, wachsende Abhängigkeit von digitalen Medien, geringere Konzentrationsfähigkeit und die Frage, wie Schüler Resilienz entwickeln können. Diese Themen kommen zu den bestehenden Defiziten hinzu, und das Kultusministerium bekommt sie nicht in den Griff.

Frage: Die Unterrichtsversorgung liegt bei rund 96,9 Prozent. Was wäre ein realistisches Ziel?

Antwort: Statistiken sind nicht entscheidend. Selbst wenn die Quote bei 100 Prozent läge, fällt Unterricht aus, sobald Lehrkräfte erkranken oder fehlen. Unser Ziel muss es sein, perspektivisch über 100 Prozent zu kommen, also mehr Lehrer zu haben, als wir eigentlich brauchen, damit Ausfälle abgefedert werden können. Außerdem braucht es mehr Kreativität: Unterricht darf nicht einfach ersatzlos entfallen, sondern muss organisiert oder durch andere Formate aufgefangen werden. Parallel müssen wir überlegen, wie zusätzliches Personal an die Schulen kommt – etwa durch den Ausbau der Schulsozialarbeit, die derzeit stagniert. Das Problem ist nicht neu, aber es verschärft sich von Jahr zu Jahr.

Frage: Woher sollen die tausenden fehlenden Lehrkräfte kommen?

Antwort: Herbeizaubern lässt sich niemand. Aber es gibt junge Lehrkräfte, die gerne arbeiten würden und trotzdem keine Stelle bekommen – weil das Einstellungsverfahren zu kompliziert ist oder weil Stellen nur an unattraktiven Standorten angeboten werden. Viele wandern dann in andere Bundesländer ab. Wir brauchen mehr Flexibilität: Junge Lehrer sollten zunächst auch an Schulen anfangen können, die nicht ihre Wunschschule ist, und später wechseln. Es ist falsch, starr in ein digitales System nur wenige ausgeschriebene Stellen zu setzen und zu hoffen, dass Bewerber sich melden.

Frage: In Städten ist die Lage oft besser als auf dem Land. Sollten junge Lehrkräfte verpflichtet werden, aufs Land zu gehen?

Antwort: Von Zwang halte ich nichts. Aber Anreize sind sinnvoll. Denkbar wäre, dass man zunächst in einer unterversorgten Schule arbeitet und sich dadurch die Möglichkeit erwirbt, später an die Wunschschule zu wechseln – ähnlich wie es bei der Polizei üblich ist. Dazu könnten auch Prämien oder finanzielle Zuschläge gehören. Wichtig ist, dass man Perspektiven schafft: nicht jeder muss gleich seine erste Stelle an der Schule haben, an der er bis zur Pension bleibt.

Frage: Fast die Hälfte der Lehramtsstudierenden bricht vorzeitig ab. Warum?

Antwort: Das zeigt, dass die Lehrerausbildung nicht passt. Wir brauchen deutlich frühere Praxiserfahrungen – schon im ersten oder zweiten Semester, nicht erst kurz vor dem Referendariat. Nur so merken junge Menschen rechtzeitig, ob der Beruf wirklich zu ihnen passt. Ein duales Lehramtsstudium, das wir schon lange fordern, wäre ebenfalls sinnvoll. Viele Studierende sind von der Realität des Schulalltags überrascht: Stress, Verantwortung, Konflikte. Wenn der sogenannte Praxisschock erst spät kommt, ist es zu spät.

Frage: Der Beruf ist von den finanziellen Rahmenbedingungen her attraktiv. Warum fehlen trotzdem Bewerber?

Antwort: Finanziell ist der Beruf konkurrenzfähig. Aber die Aufgabe selbst schreckt viele ab. Der Lehrerberuf ist fordernd, manchmal auch belastend. Deshalb schlagen wir Coaching-Modelle nach britischem Vorbild vor: Begleitung und Unterstützung statt bloßer Pflichtfortbildungen. Viele Lehrkräfte reduzieren ihre Stundenzahl, weil sie den Druck nicht mehr aushalten. Wenn wir uns nicht stärker um die bestehenden Lehrkräfte kümmern, werden wir dauerhaft Personal verlieren.

Frage: Würden Sie jungen Menschen trotzdem raten, Lehrer zu werden?

Antwort: Ja, unbedingt. Ich habe selbst als Lehrer gearbeitet und weiß, wie erfüllend der Beruf sein kann. Man kann jungen Menschen etwas mitgeben, sie auf ihrem Weg begleiten und damit unmittelbar Zukunft gestalten. Wer Freude daran hat, mit jungen Menschen zu arbeiten, findet in diesem Beruf eine sinnvolle und attraktive Aufgabe. Pädagogik lässt sich nicht vollständig erlernen – ein gewisses Talent muss man einfach mitbringen. Aber wer Spaß daran hat, kann sehr glücklich in diesem Beruf werden.

Frage: Warum gelingt es nicht, den Lehrerbedarf langfristig zu planen?

Antwort: Weil es keine echte Abstimmung zwischen Kultus- und Wissenschaftsministerium gibt. Obwohl man Schülerzahlen relativ verlässlich prognostizieren kann, werden die Studienplätze nicht passend gesteuert. Auch Zusatzbedarfe durch Inklusion oder Migration werden nicht ausreichend berücksichtigt. Es fehlt an nachhaltiger Planung – und das nicht erst seit dieser Legislaturperiode. Dazu kommen Versäumnisse bei Quereinstieg, Rückholaktionen oder der Flexibilisierung von Teilzeit. In Niedersachsen wird derzeit an keiner einzigen Stellschraube wirklich gedreht, und genau das macht die Lage so frustrierend.

Frage: Unter den Lehrkräften gibt es auch AfD-Mitglieder. Muss man das tolerieren?

Antwort: Beamte müssen sich klar zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung bekennen. Wer das nicht tut, ist im Staatsdienst fehl am Platz. Pauschale Überprüfungen aller Beamten halte ich aber für falsch. Der Rechtsstaat muss hier sorgfältig prüfen und handeln, ohne Generalverdacht.

Frage: Kultusministerin Hamburg wird oft persönlich angefeindet. Wie bewerten Sie das?

Antwort: Sachliche Kritik ist notwendig, aber persönliche Diffamierungen oder gar Bedrohungen sind völlig inakzeptabel. Hass und Hetze haben keinen Platz. Dass Frau Hamburg so stark im Fokus steht, hängt sicher auch mit der Emotionalität von Bildungspolitik zusammen – jeder fühlt sich betroffen, jeder meint mitreden zu können. Aber persönliche Angriffe überschreiten eine Grenze. Da hat Frau Hamburg unsere Solidarität verdient, trotz aller politischen Differenzen.

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