Medizinische Versorgung  Luxusproblem – zu viele Ärzte auf Wangerooge?

| | 24.08.2025 16:07 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Der Westturm ist eines der Wahrzeichen der Insel Wangerooge. Foto: Pixabay
Der Westturm ist eines der Wahrzeichen der Insel Wangerooge. Foto: Pixabay
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Kurios angesichts des akuten Medizinermangels unter anderem auf Langeoog: Auf Wangerooge wollen zwei Ärztinnen die Versorgung der Patienten übernehmen. Kann ein Kompromiss beide zufriedenstellen?

Wangerooge/Langeoog - Die Ankündigung, eine neue Ärztin könnte sich auf Wangerooge niederlassen, führt in den vergangenen Tagen zu einem gewissen Maß an Aufregung unter den Inselbewohnern. Der Grund ist, dass es dort aktuell bereits zwei Ärzte gibt – mehr sind von der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen zur Sicherstellung der medizinischen Versorgung der Einwohner und Urlaubsgäste gleichermaßen allerdings nicht vorgesehen.

Die medizinische Versorgung auf Langeoog kann künftig durch gleich drei Ärzte auf der Insel gewährleistet werden. Symbolfoto: Pixabay
Die medizinische Versorgung auf Langeoog kann künftig durch gleich drei Ärzte auf der Insel gewährleistet werden. Symbolfoto: Pixabay

Dennoch könnte Dr. Sandra Gross jetzt in die Hausarztpraxis von Dr. Frank Kortenhorn einsteigen. Sie hat bei ihm hospitiert und nun einen Antrag auf Zulassung bei der für die Belange der Insel zuständigen KV in Wilhelmshaven gestellt. Der Zulassungsausschuss hat getagt und ihrem Wunsch entsprochen.

Was auf Wangerooge so besonders ist

Dr. Kortenhorn übernahm Ende 2006 eine alteingesessene Inselpraxis. Diese besteht seit mehr als 100 Jahren. Von 2009 bis 2019 wurde er durch Dr. Henning Hoppe unterstützt. Er verstarb 2020. Seit Hoppes Ausscheiden war Kortenhorn allein in der Praxis tätig. Die Suche nach einem Nachfolger für den ausgeschiedenen Arzt war ähnlich schwierig, wie sich dies seit Jahren immer wieder auf Langeoog darstellt. Niemand wollte Hoppes vakanten Kassenarztsitz übernehmen und in die Praxis von Kortenhorn einsteigen. Das Leben und Arbeiten auf einer Insel erfordert spezielle Voraussetzungen – menschlich wie auch fachlich.

Der Strand von Wangerooge. Hier tummeln sich vor allem die Gäste gern. An einen Arztbesuch denkt während des Urlaubs niemand gern. Manchmal ist er aber notwendig. Foto: dpa/Archiv
Der Strand von Wangerooge. Hier tummeln sich vor allem die Gäste gern. An einen Arztbesuch denkt während des Urlaubs niemand gern. Manchmal ist er aber notwendig. Foto: dpa/Archiv

Da aber alle Patienten versorgt sein müssen und Kortenhorn darüber hinaus nicht dauerhaft rund um die Uhr im Dienst sein kann, schaffte die Kassenärztliche Vereinigung in Wilhelmshaven eine Sonderlösung. Ihre Aufgabe ist die Sicherstellung der medizinischen Versorgung. Sie eröffnete daher 2020 eine Eigenpraxis und richtete diese auch mit Eigenmitteln ein. Dort arbeitet Dr. Annick Goltz. Als angestellte Ärztin für die KV übernimmt sie die medizinische Betreuung der Patienten und außerdem die Hälfte der Inseldienste. Auf einer Insel ist die 24-Stunden-Erreichbarkeit mindestens eines Arztes Pflicht.

450 Hausärzte fehlen in Niedersachsen

Goltz ist bereits seit fünf Jahren die Hausärztin vieler Insulaner – und die wollen sie verständlicherweise nicht mehr missen. Zudem teilte Goltz mit, ihr sei sehr an einem dauerhaften Verbleib auf der Insel gelegen. Mit Bekanntwerden der Bewerbung von Gross beantragte auch sie einen Kassenarztsitz. Allerdings gibt es für Wangerooge rechnerisch nur zwei Sitze – und einen hält bereits Kortenhorn. Beide Frauen traten in Konkurrenz zueinander an. Eine kuriose Situation angesichts des Ärztemangels vielerorts. In Niedersachsen fehlen – Stand Juli 2025 – fast 450 Hausärzte sowie weitere gut 110 Fachärzte. Unterversorgt sind laut Statistik der KVN vor allem ländliche Gebiete. Das Problem spitzt sich weiter zu: Viele Mediziner wollen in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen. Das Durchschnittsalter in Niedersachsens Praxen liegt bei 54,5 Jahren. Immer mehr Nachfolger wollen allerdings lieber in Teilzeit oder Anstellung arbeiten.

In Niedersachsen fehlen aktuell fast 450 Hausärzte. Das gilt unter anderem für die Insel Langeoog. Foto: Jens Büttner/dpa/Archiv
In Niedersachsen fehlen aktuell fast 450 Hausärzte. Das gilt unter anderem für die Insel Langeoog. Foto: Jens Büttner/dpa/Archiv

Der Zulassungsausschuss hat sich vielleicht auch vor diesem Hintergrund am Mittwoch, 21. August 2025, für einen Kompromiss entschieden. Beide Ärztinnen haben je einen halben Sitz zugesagt bekommen. Das teilt Dr. Sainab Egloffstein, Geschäftsführerin der KV Wilhelmshaven, auf Nachfrage mit. Sie war bei der Sitzung in Oldenburg dabei – aber nicht an der Entscheidung beteiligt. So könnten beide Medizinerinnen auf Wangerooge tätig sein. „Bei den Inseln ist es nicht leicht, jemanden zu finden, der langfristig dort arbeiten will.“ Sie sagt, auch der halbe Kassenarztsitz lasse den Ärztinnen ausreichend Gestaltungsspielraum. Langfristig bedeutet dies das Aus der KV-Eigenpraxis. Statt in Anstellung wird Goltz künftig selbstständig arbeiten müssen.

Hoffen auf Verstärkung für Langeoog

Auf Langeoog dagegen fehlt weiterhin ein Hausarzt. Dort verfolgen offenbar einige Bewohner mit großem Interesse die Entwicklung auf der östlichsten der Ostfriesischen Inseln. Mehr als einmal hat Dr. Gabriele Schmidt aus der Praxisgemeinschaft Langeoog in den vergangenen Tagen gehört, sie könne doch eine der beiden Ärztinnen nach Langeoog holen, erzählt sie auf Nachfrage leicht amüsiert. So einfach ist das natürlich nicht, relativiert sie.

Auf Langeoog ist die medizinische Versorgung nach wie vor problematisch. Foto: dpa/Archiv
Auf Langeoog ist die medizinische Versorgung nach wie vor problematisch. Foto: dpa/Archiv

Seit Oktober 2024 ist die ehemalige Praxis von Georg Licht vakant. Der hat die Insel eigenen Aussagen zufolge vor allem aufgrund von Frust über Querelen mit der Inselgemeinde verlassen. Auf Langeoog gibt es damit derzeit nur eine Arztpraxis, in der in der Regel auch nur ein Allgemeinmediziner anwesend ist. Wangerooge hat etwas mehr als 1000 Einwohner. Die Gäste sorgen für rund 880.000 Übernachtungen. Auf Langeoog leben 1800 Einwohner. Hinzu kommen jährlich fast 1,6 Millionen Übernachtungen.

Das Team um Dr. Gabriele Schmidt in der Praxisgemeinschaft Langeoog hat somit in der Hauptsaison alle Hände voll zu tun. Um die medizinische Versorgung der Patienten und das Arbeitspensum für die Praxisgemeinschaft Langeoog während der Hauptsaison dennoch zu managen, hatte Schmidt monatelang die Werbetrommel gerührt. Sie suchte aktiv nach Ärzten, die auf der Insel arbeiten wollten. So kam auch Weiterbildungsassistentin Dr. Leah Wilmsen ins Praxisteam, die es nun tatkräftig unterstützt. Mittlerweile hat Wilmsen, die zunächst nur ein Jahr bleiben wollte, ihren Vertrag bis Anfang 2027 verlängert. Damit entspannt sich die medizinische Versorgung der Langeooger ein wenig. Darüber hinaus können sich zwei der insgesamt sechs Ärzte, die die Langeooger Inselärzte im Juli und August 2025 wochenweise zur Aushilfe angestellt haben, vorstellen, langfristig auf die Insel umzusiedeln. Man sei in Gesprächen.

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