Streit um gekürzte Miete Schimmel-Odyssee geht für Wiesmoorer vor Gericht weiter
Drei Jahre lebte eine junge Familie in Wiesmoor mit Schimmel an den Wänden – und kämpfte vergeblich um Hilfe vom Vermieter. Nach dem Umzug in eine neue Wohnung geht der Streit vor Gericht weiter.
Wiesmoor/Aurich - Über ein Jahr ist es inzwischen her, seit die Redaktion Marcel Schnau, Lena Kruse und ihren damals 19 Monate alten Sohn Lio in der Schimmelwohnung in der Marktstraße in Wiesmoor besucht hat. Damals war die Familie verzweifelt. In fast jedem Raum zogen sich Schimmelflecken über die Wände. Nur das kleine Kinderzimmer war noch verschont geblieben. Deshalb schliefen alle drei dort gemeinsam, um wenigstens nachts etwas Schutz vor den Sporen zu haben.
Jahrelang hatte das Paar erfolglos versucht, den Schimmel zu bekämpfen, eine neue Wohnung zu finden – und den Vermieter dazu zu bringen, etwas gegen den Schimmel zu unternehmen. Kurz nach dem Bericht über ihre Situation im Juni 2024 hat der Vermieter seine Ankündigung wahr gemacht: Lena Kruse und Marcel Schnau erhielten eine fristlose Kündigung. Der Grund dafür waren ausstehende Mietzahlungen. Denn das Paar hatte wegen des Schimmels die Miete gekürzt.
Fristlose Kündigung nach Zeitungsbericht
Die Eigentümerin der Gebäude, die LEG Niedersachsen Nord GmbH, bestreitet jedoch die Rechtmäßigkeit der Mietkürzung. Sie warf dem Paar dagegen vor, bei der Suche nach Lösungen nicht zu kooperieren. Darüber können sich Schnau und Kruse nur wundern. „Das Gute an der fristlosen Kündigung war aber, dass wir dadurch damals sofort aus der Wohnung ausziehen konnten, als wir endlich etwas Neues gefunden hatten“, sagt Marcel Schnau heute.
Und tatsächlich: Nach der Veröffentlichung des Beitrags klappte es plötzlich mit einer neuen Bleibe. Durch Zufall stieß Lena Kruse in einer Facebook-Wohnungsgruppe auf ein passendes Angebot. Kurzerhand packte sie Sohn Lio ein und besichtigte die Wohnung. Das Wunder geschah: „Wir haben sofort den Zuschlag bekommen“, erinnert sich Kruse und lächelt. Sie hatte dem neuen Vermieter ihre Geschichte erzählt, und er wollte der kleinen Familie helfen. Schon am 3. August 2024 konnten sie umziehen.
Endlich ein neues Zuhause – doch es gibt ein Nachspiel
Erst als alle Möbel draußen waren, zeigte sich das ganze Ausmaß des Schimmelbefalls in der alten Wohnung. Auch wenn das Paar in dem neuen Zuhause glücklich ist, die belastende Zeit in der Marktstraße lässt die junge Familie nicht los. Denn noch immer haben sie mit den Problemen von damals zu kämpfen. Die LEG Niedersachsen Nord will ihr Geld – die wegen des Schimmels einbehaltene Miete und alle seitdem geforderten Mieterhöhungen.
Die Odyssee begann im November 2020 mit dem Einzug in die damals frisch renovierte Wohnung. Bereits wenige Monate später krochen die ersten dunklen Flecken durch die Tapete. Immer wieder wandten sich Lena Kruse und Marcel Schnau an ihren Vermieter, meldeten den Schaden, setzten Fristen und drohten mit Mietminderung. Der Hausmeister kam laut Lena Kruse zwar zur Dokumentation vorbei, doch danach passierte lange Zeit nichts.
Jahrelanger Kampf gegen den Schimmel
Die Luft in der Wohnung war schwer und feucht, jeder Atemzug fühlte sich klebrig an. Im Wohnzimmer löste sich die Tapete von der feuchten Wand, im Schlafzimmer kroch der Schimmel bis unter die Decke. Selbst der Abstellraum blieb nicht verschont. „Wir haben alles versucht, um den Schimmel in den Griff zu bekommen“, erinnert sich Lena Kruse. Doch egal, wie oft sie die Wände behandelten – nach ein paar Tagen war der Schimmel wieder da. Die Angst um die Gesundheit ihres kleinen Sohnes begleitete die Familie Tag und Nacht.
Zu Beginn des Dramas gehörte das Gebäude noch dem börsennotierten Immobilienkonzern Adler Real Estate mit Sitz in Berlin. Weil das Unternehmen in wirtschaftliche Schieflage geriet, übernahm Ende 2021 die LEG Niedersachsen Nord GmbH – eine Tochter der ebenfalls börsennotierten LEG Immobilien SE – rund 1500 Wohnungen in der Region, darunter auch die an der Marktstraße in Wiesmoor. Genau in diese Zeit des Umbruchs fiel das Schimmelproblem der Familie und schien dabei unterzugehen. Denn es fehlte lange ein Ansprechpartner.
Aktuell läuft am Amtsgericht Aurich die Güteverhandlung
Zwar wurde nach den Beschwerden beim neuen Mieter schließlich ein Maler beauftragt, doch eine nachhaltige Sanierung blieb aus. Stattdessen sammelten sich bei Lena Kruse und Marcel Schnau immer mehr Schreiben vom Vermieter: Mieterhöhungen, Nachforderungen, Zahlungsaufforderungen – aber kaum konkrete Hilfe gegen den Schimmel. Schließlich kündigte der neue Vermieter an, der Familie fristlos zu kündigen, sollte sich an der Situation nichts ändern. Zu dem Zeitpunkt traf die Redaktion das Paar das erste Mal.
Jetzt geht es vor dem Amtsgericht in Aurich weiter. Dort läuft aktuell die Güteverhandlung. Darin versucht die Richterin, einen Rechtsstreit außergerichtlich beizulegen. Der letzte Termin fand am Dienstag, 26. August 2025, statt. Die LEG Niedersachsen Nord GmbH wird von einem Anwalt vertreten. Beim ersten angesetzten Termin hatte es technische Probleme der geplanten Videoübertragung der Klägerin gegeben, sodass ein neuer Termin gefunden werden musste.
Widersprüche und Erinnerungslücken
Nun saßen Lena Kruse und Marcel Schnau im Gerichtssaal, um ihre Sicht der Dinge zu schildern. Wer recht hat, wer lügt, darum ging es erst einmal nicht. „Heute wollen wir erst einmal herausfinden, ob es überhaupt ein Schimmelproblem gab“, so die zuständige Richterin. Zeugen waren der Hausmeister, die Geschäftsführerin eines zweiten angeblich beauftragten Malerbetriebs und Marcel Schnaus Vater, um die Situation in der Wohnung und den Umgang mit dem Schimmelbefall zu schildern.
Der wichtige Zeuge, der erste von der LEG beauftragte Maler, der den Schimmel in der Wohnung gesehen hatte, ist nicht erschienen. „Ohne ihn kommen wir nicht weiter“, stellte die Richterin am Ende der Verhandlung fest. Der Hausmeister hatte vor Gericht ausgesagt, schon der erste Maler sei von Lena Kruse und Marcel Schnau nicht in die Wohnung gelassen worden. Dabei liegen in der Gerichtsakte sogar Fotos vom damaligen Besuch vor.
Der lange Weg zur Gerechtigkeit
Lena Kruse hat sie sich extra auf ihr Handy geladen und scrollt vor dem Gerichtssaal durch die schwarzweißen Aufnahmen. „Ich weiß nicht, wie man auf den dunklen Fotos den Schimmel erkennen soll“, sagt sie. Besonders irritierend für Lena Kruse und Marcel Schnau ist der Auftritt des Hausmeisters vor Gericht. Während er dort behauptet, die Wohnung nie betreten zu haben – das sei in seiner Arbeit gar nicht vorgesehen –, erinnert sich Lena Kruse ganz genau an seinen Besuch.
Sie hatte sich sogar Notizen gemacht: „Der Hausmeister kam zur Dokumentation“, stand auf ihrem Zettel, auf dem sie im Sommer 2024 das gesamte Drama für die Redaktion festgehalten hatte. Für das Paar ist klar: Der Hausmeister war in ihrer Wohnung, um den Schimmel zu begutachten. Dass er sich nun nicht mehr daran erinnern will oder kann, sorgt bei ihnen für Kopfschütteln.
Auch die Richterin zeigte im Anschluss an die Verhandlung Verständnis für die Verwirrung und vermutet, dass der Hausmeister bei der Vielzahl an betreuten Wohnungen einfach etwas durcheinandergebracht haben könnte. Denn nach seiner Aussage ist Schimmel in den von ihm betreuten Wohnungen ein häufiges Problem. Für das Paar aus Wiesmoor fühlt es sich an, als würde der ehemalige Vermieter sie hinhalten. Von deren Anwalt war an diesem Tag nicht viel zu hören. Der Weg zur Gerechtigkeit wird wohl kein leichter.