Bielefeld „Ist Gott auch ein Massenmörder?“ – Wie Joachim Volz das Abtreibungsverbot jetzt umgeht
Seit der Fusion der Klinik Lippstadt mit einem katholischen Träger kämpft Joachim Volz gegen ein Abtreibungsverbot seines Arbeitgebers. Er findet, dass er als Arzt die Frauen nicht im Stich lassen darf – und weigert sich, dem Druck der Kirche nachzugeben. Ein Besuch in seiner Privatpraxis.
Es ist kurz vor 18 Uhr an einem kühlen Augusttag und die letzten Patientinnen haben die Kinderwunschklinik von Professor Dr. Joachim Volz in Bielefeld verlassen. Im lichtdurchfluteten Wartezimmer kehrt Stille ein, gedämpfte Radiomusik schmiegt sich durch die modernen Räume. Ein Knarren durchbricht die Ruhe: Eine Tür öffnet sich, und Volz tritt auf den Gang.
Der große, schlanke Mann mit kurz geschnittenem grauem Haar trägt eine markante runde Brille. Er lächelt seine Mitarbeiterinnen an. „Feierabend?“, fragt er beinahe so, als hätte er die Zeit vergessen. Mit seinem weißen Kurzarmhemd und der dunklen Stoffhose wirkt er lässig, aber dennoch professionell. Er wirkt auf den ersten Blick sehr ruhig und gelassen.
Doch diese Gelassenheit trügt. Kaum hat sich die Tür zu seinem Eckbüro wieder geschlossen und er in seinem Ledersessel Platz genommen, entlädt sich eine Welle von Emotionen. Denn ein Thema liegt dem 67-Jährigen besonders am Herzen: sein Konflikt mit dem Klinikum Lippstadt.
Volz ist seit 13 Jahren Chefarzt am Klinikum in Lippstadt, wo er jahrelang Schwangerschaftsabbrüche bei medizinischer Indikation vornahm – also wenn ein begründeter Anlass vorliegt, um eine bestimmte ärztliche Maßnahme durchzuführen.
Bis Mitte Januar ging das so. Dann erhielt er zwei arbeitsrechtliche Weisungen, die ihm jegliche Abbrüche untersagten. Hintergrund: die Fusion seines Arbeitgebers mit dem katholischen Dreifaltigkeit-Hospital Lippstadt. Dieses knüpfte die Fusion an eine Bedingung:
Schwangerschaftsabbrüche sind künftig verboten. „Eine Ausnahme bildet die Situation, dass Leib und Leben der Mutter bzw. des ungeborenen Kindes akut bedroht sind und es keine medizinisch mögliche Alternative gibt, mit der das Leben des ungeborenen Kindes gerettet werden könnte“, schreibt das Bistum Paderborn in einer Stellungnahme.
Ein Umstand, den Volz nicht hinnehmen will. Er reichte Klage gegen seinen Arbeitgeber ein, jedoch ohne Erfolg: Das Arbeitsgericht Lippstadt stufte das Verbot Anfang August als rechtens ein. Für Volz ist die Sache damit jedoch noch längst nicht beendet.
Auf den Konflikt angesprochen, weicht seine Ruhe der Empörung. Seine Stimme wird lauter, die Worte schießen wie Pfeile aus ihm heraus, die Arme fahren durch die Luft.
Durch das Verfahren gegen seinen Arbeitgeber habe sich einiges in seinem Leben verändert. Die Arbeit im Klinikum laufe zwar wie gewohnt weiter – „wir haben auch einfach zu viel zu tun, um ständig zu diskutieren“ –, doch der Prozess, die Arbeit mit der Presse und die Petition mit über 280.000 Unterschriften beanspruchten sein Privatleben stark.
Dass jetzt viele Abtreibungsgegner auf ihn aufmerksam geworden sind? „Das belastet mich nicht“, sagt er, als er sich zurücklehnt. Die meisten Menschen, die ihm schrieben, würden dies aus ehrlicher Sorge tun. „Ich bin kein Aktivist, ich bin Arzt“, fügt er hinzu. Ihm gehe es um das Anliegen der Patientinnen.
Er finde die Argumente der Gegner zum Teil gut, da sie ihn aufforderten, die andere Position zu sehen. Es sei jedoch schwer, diesen Menschen begreiflich zu machen, worum es wirklich gehe. „Viele begreifen nicht, dass eine Kirche heute noch moralische Regeln aufstellen kann, die juristische Konsequenzen haben.“
Es gäbe aber auch Gegner, die ihn direkt angriffen. Einige wünschen ihn in die Hölle oder bezeichnen ihn als „Dienstmörder“. Doch die meisten Kommentare hätten den Tenor: „Mir tun die armen Babys leid, die du tötest.“ Und wie geht er damit um? „Das berührt mich wenig, ich empfinde Mitleid mit dem betroffenen Paar.“
Natürlich gäbe es auch Fälle, in denen er hadere und die Behandlung nicht durchführen wolle. Er lehnt sich nach vorne. „Wenn wir – ich und die Frau oder das Paar – die Situation aber gemeinsam tragen, ist es in Ordnung für mich“, beteuert er sehr bestimmt. „Ich zwinge ja niemanden zu einer Abtreibung, ganz im Gegenteil, ich will ja gerade keinen Zwang.“
Volz schlägt mit flacher Hand auf seinen gläsernen, schwarzen Schreibtisch. „Wissen Sie, was das Problem ist? Die mangelnde Aufklärung“, schießt es aus ihm heraus. „Wenn man das Thema aufgreift, wird man sofort als ‚Lebensschützer‘ oder ‚Abtreibungs-Fanatiker‘ abgestempelt. Es gibt nichts dazwischen.“
Der Kampf, den er führt, sei nicht gegen die Kirche allgemein gerichtet. „Ich wurde sehr gläubig erzogen und war drei Jahre lang in einer katholischen Mission tätig, bin jedoch schon lange aus der Kirche ausgetreten.“ Er glaube nicht an all die kirchlichen Glaubensregeln, besonders nicht an die, die sich auf die Menschenwürde beziehen.
„Dennoch erkenne ich an, dass das Christentum unglaublich viel für unsere Zivilisation und Entwicklung geleistet hat“, sagt er nachdenklich. Seiner Meinung nach verliere die katholische Kirche jedoch den Anschluss. „Ich werfe ihr vor, dass sie ihre Probleme nicht wahrnimmt und nicht reflektiert.“
Hatte er erwartet, dass durch eine Fusion mit einem katholischen Träger ein Abtreibungsverbot auf ihn zukommt? Er zieht die Augenbrauen hoch. „So rigoros hätte ich es nicht erwartet. Mir wurde die Beendigung einer Schwangerschaft mit Anenzephalie – einem Kind ohne Großhirn – untersagt. Das ist doch kein lebensfähiger Mensch. Ein Hirntoter ist bei uns Organspender.“ Auf seiner Stirn bilden sich Falten.
Volz hält das Vorgehen für weltfremd. Daher habe er auch andere Chefärzte katholischer Kliniken befragt. „Sie schicken die Frauen tatsächlich weg!“ Volz schaut fassungslos. Das habe ihn überrascht. Er könne sich nicht vorstellen, dass eine Frau weggeschickt werde, die an den Rand des Todes gehe, weil ihr Kind unheilbar krank ist.
Den Standpunkt des Erzbistums Paderborn – welches für das Klinikum Lippstadt zuständig ist – kritisiert er scharf. „Sie schicken die Frauen weg, um ihre Hände in Unschuld zu waschen. In meinen Augen machen sie sich diese mit einer solchen Einstellung ziemlich schmutzig.“
Und was macht Volz? Trotz der Anweisung, die Volz von seinem Arbeitgeber bekommen hat, schickt er die Frauen nicht einfach weg. Er nutzt einen Umweg. Wenn die Patientinnen einen medizinisch indizierten Abbruch benötigen, schicke er sie zu einer anderen Ärztin, die das Verfahren mit einer Tablette nach seiner Anweisung einleitet. Sobald es losgehe, kämen die Frauen als Notfall wieder zu ihm in die Klinik und der extern eingeleitete Abbruch werde dort dann von Volz und seinem Team begleitet.
„Ein Statement des Trägers, wonach ihnen dieses Vorgehen nicht bekannt sei, ist nicht richtig“, versichert er. „Ich mache das so, bis ich den Prozess gewonnen habe und ich denke, dass mir dieses Vorgehen nicht verboten wird.“
Volz pocht bereits auf das nächste Verfahren, denn er hat Berufung gegen das Urteil des Arbeitsgerichts eingelegt. Er verschränkt die Arme. „Sie wegzuschicken ist unethisch und unärztlich.“
Wie war es für ihn, vor Gericht zu verlieren? „Der Richter hat die Abweisung der Klage nicht begründet. Er hat nur gesagt: ‚Nee, ist nicht, und fertig.‘ und sich dann auf das Direktionsrecht berufen.“ Das ganze Urteil sei fachlich schlecht. „Für die Sache ist die Niederlage besser“, sinniert er. Denn so habe er weiter die Chance, über die Thematik zu sprechen.
Auch die Politik hat das Verfahren von Volz erreicht. Die SPD-Bundestagsfraktion spricht sich beispielsweise dafür aus, öffentliche Krankenhäuser zu verpflichten, Abbrüche durchzuführen. Carmen Wegge, Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, erklärte gegenüber der taz: „Das sollte auch für konfessionelle Krankenhäuser gelten, wenn diese öffentlich finanziert werden.“
Für Volz ganz klar der richtige Weg: „Für öffentlich geförderte Krankenhäuser auf jeden Fall. Private Kliniken können tun, was sie wollen.“
Es sei ein Grundrecht und existenziell wichtig für viele Frauen, ein Kind nicht austragen zu müssen, so Volz. „Wenn man eine Schwangerschaft beendet, leidet kein Kind, denn es ist noch nicht da. Die Vorstellung, dass dies anders sei, ist eine dogmatisch verzerrte Wahrnehmung.“ Er verschränkt die Arme. Und das als Sünde zu sehen, sei absurd. Die Natur sortiere von allein 70 Prozent der befruchteten Eizellen aus. „Ist Gott dann nach der kirchlichen Logik auch ein Massenmörder?“
Die natürliche Embryonensterblichkeit hoch ist, insbesondere in den ersten Wochen nach der Befruchtung. Häufig wird von pränatalen Verlusten von 70 Prozent und mehr gesprochen.
Volz hat sich wieder beruhigt. Auch er habe zu dem Thema viel von Frauenbewegungen oder auch seiner Frau, die zurzeit medizinische Ethik studiert, gelernt. „Das sollten mehr Männer machen. Das würde das Leben für Ärztinnen und Frauen sicherer machen.“
Er verstehe nicht, warum sich immer wieder Menschen in diese Angelegenheit einmischen müssten. „Der beste Lebensschutz ist die Mutter. Die Frau. Erst einmal muss die das Kind austragen, dann auf die Welt bringen – und wer kümmert sich danach darum? Die Realität ist: die Mutter!“
„In Kombination mit dem rechten Gedankengut und der Hetze führt das dazu, dass die Versorgung in vielen Regionen zusammenbricht“, warnt er. „Immer weniger Ärzte trauen sich, Abbrüche durchzuführen, da sie mit einem Bein im Gefängnis stehen und Angst haben, ihre Approbation zu verlieren.“
Volz habe lang nicht verstanden, warum der feministischen Bewegung die Abschaffung des Paragrafen 218 StGB so wichtig sei. Das habe sich jetzt geändert. Denn er sehe, wie sich rechte Gruppen die Thematik zu eigen machen. „Abtreibung ist dafür das perfekte Thema. Damit kriegt man alle, auch die liberale Mitte. Einfach sagen, dass es alles Kindermörder sind und fertig.“
Die Botschaft, die Volz vermitteln will, steht für ihn fest: Männer sollen sich beteiligen. Immerhin kämen zu den Veranstaltungen und Demonstrationen vermehrt Frauen, berichtet er aus eigener Erfahrung. Es gehe um ein gesellschaftliches Problem, das alle angehe. „Ich will einfach ganz faktisch abhandeln, was gerade falsch läuft.“
„Das ist auch der Grund, warum ich noch in der CDU bin. Weil ich die Hoffnung habe, dass ich – als grauer, 67 Jahre alter Professor für Frauenheilkunde – da vielleicht doch ein bisschen Gehör finde.“