Hamburg Bilder, die nur Frauen kaufen können: Wer ist die Künstlerin Sabela García Cuesta?
Die Künstlerin Sabela García Cuesta widmet sich in ihrer Kunst dem weiblichen Körper. Doch eigentlich wollte sie Übersetzerin werden. Dann hat ihr turbulentes Leben sie nach Hamburg geführt – jetzt ist sie Künstlerin mit eigenem Atelier.
Galicien ist eine Region Spaniens, die durch hohe Bergketten vom Rest des Landes separiert ist. Wie das Baskenland, Katalonien und Navarra nimmt Galicien im spanischen Nationalstaat eine Sonderstellung ein und genießt als sogenanntes „historisches Gebiet“ einen Autonomiestatus, der die Galegos (Galicier) mit besonderem Stolz erfüllt. Das Ziel aller Pilger der fünf Jakobswege ist das galicische Santiago de Compostela, ebendort findet sich die Kathedrale mit dem Grab des Heiligen Jakobus.
Gibt es da einen gewissen Zusammenhang mit der in Hamburg lebenden und wirkenden Künstlerin Sabela García Cuesta? Zweifelsohne, denn sie wurde in Galicien vor 36 Jahren geboren und Eigensinn, Kreativität und Unabhängigkeit wurden ihr in die Wiege gelegt. Diese Charakteristika haben sie mithin zu einer Künstlerin werden lassen. Denn wer sich in unserer heutigen ruhelos drehenden digitalen Welt für eine schöpferische Route entscheidet, muss sowohl ein unabhängiger Kopf sein als auch ein unabhängiges Herz in sich schlagen fühlen.
Dafür spricht, dass Sabela García Cuesta und der ihr innewohnende unruhige, auf steter Veränderung gepolte Geist schon so oft umgezogen sind, „dass ich es nicht mehr zu zählen vermag, wie viele Male“, sagt die Künstlerin im Gespräch mit unserer Redaktion in Hamburg. Genauer, in der Schanze, einem Szeneviertel der Nord-Metropole. Ganz genau im Café Unter den Linden, welches seit Jahrzehnten ein konstanter Ruhepol in der ewig quirligen Schanze ist.
Hier ändert sich wunderbarerweise höchstens mal die Speisekarte oder die Jazzmusik von Miles Davis über Alice Coltrane bis in die Jazz-Moderne eines Robert Glasper. Oder wie es der große Schriftsteller Robert Musil („Der Mann ohne Eigenschaften“) formulierte: „Der Zug der Zeit ist ein Zug, der seine Schienen vor sich her rollt. Der Fluss der Zeit ist ein Fluss, der seine Ufer mitführt.“
Also, nehmen Sie bitte Platz an einem Ufer und lassen Sie sich auf die bemerkenswerte Reise zu sich selbst der Sabela García Cuesta ein, die sie zunächst aus der galicischen Provinz in die Millionenstadt Madrid führte. „Wir lebten in einer eher rauen Gegend, mein Wunsch mich visuell in Bildern auszudrücken, bildete sich schon früh heraus.“ Ohne, dass sie nun bereits geahnt hätte, dass sie später einmal eine Künstlerin werden wolle.
Durch Reisen in jungen Jahren, etwa nach Indien, ließ sich Sabela in gänzlich andere Welten allzu gern entführen. Und nach ihrem gymnasialen Schulabschluss beschließt sie, ihrem spontanen Naturell folgend, „ganz allein nach Paris zu gehen, um Französisch zu lernen.“ Sie wird überwältigt vom Arc de Triomphe, Trocadero, Louvre oder dem Künstlerviertel Montmartre. „Da ich überhaupt niemanden kannte, eroberte ich die Stadt ganz für mich allein, mit einer gewissen Naivität wagte ich mich in alle möglichen Ecken.“
Das hat sie dann ebenfalls in London gemacht, wo sie Sprachwissenschaften studierte: „Ich wollte Übersetzerin bei den Vereinten Nationen in New York werden“. Allein, da gab es ein Problem. „Während des Studiums habe ich schon Übersetzungs-Jobs übernommen“, Sabela lächelt vielsagend, fährt sich mit zarten Händen durch die wellige, braune Haarmähne, Tattoos zieren ihre schlanken Arme. „Ich hatte immer die Neigung, unangenehme Passagen sprachlich zu verschönern – das war natürlich nicht im Sinn der Übersetzung.“
Aus New York City sollte nichts werden, das Studium hat sie dennoch beendet. In London ist sie, wie man das so in jüngeren Jahren macht, von einer Wohngemeinschaft in die nächste gezogen. Am besten gefiel es ihr im Künstlerviertel Shoreditch. Das künstlerische Flair zog sie an die High Street, die Great Eastern Street und an die Old Street, wo sie nachts in Bars und Clubs hinter dem Tresen arbeitete.
Danach wurde Party gemacht und tagsüber studiert und immer wieder gezeichnet und gemalt, aus talentiertem Hobby heraus, „das gab‘ mir aber einen inneren Ausgleich, eine Ruhe in diesen doch ziemlich wilden Zeiten.“
In London entdeckt sie eine britische Künstlerin für sich: Tracey Emin, deren Ausgangspunkt – wie könnte es anders sein – für ihre Kunst-Karriere in Shoreditch lag und die für ihre autobiografischen Kunstwerke international berühmt ist. „My Bed“, eines dieser Werke mit deutlichen Spuren einer Liebesnacht, fand sich in der Turner-Prize-Ausstellung der Tate Gallery und wird später für rund 3,2 Millionen Euro ersteigert. „Ich bewundere Tracey Emins konsequente künstlerische Reise, zumal sie mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat, aber sie gibt niemals auf.“
Sabela García Cuesta hörte in London eine zaghafte Stimme in sich, die sie zur Kunst hinziehen möchte, noch folgt sie ihr nicht. Zunächst geht sie „wegen der Liebe zu einem Italiener“ nach Hamburg, nach einiger Zeit kommt ein Job-Angebot für den europäischen Start-up Hub Next Media Accelerator um die Ecke, das von 2015 bis 2022 auch aus EU-Mitteln gefördert wurde.
„Die digitale Transformation interessierte mich und so fing ich als Projekt-Koordinatorin beim NMA an.“ Hier bleibt sie erst einmal, wohnt später in einer Künstler-WG in der Hamburger Schanze, die zum Insider-Tipp wird, weil sie Mini-Wohnzimmer-Konzerte im Independent-Stil organisiert.
Und in der WG wird sie aus einem Teil ihres Zimmers ein kleines Studio zaubern, denn sie malt nun regelmäßig, eher abstrakt. „Aber ich suchte noch meinen künstlerischen Weg“, erklärt Sabela. Neben Tracey Emin und der Performance- und Body Art-Künstlerin Marina Abramovic erschließt sie die Mexikanerin Frida Kahlo (1907–1954) für sich, deren folkloristischer Surrealismus und Kampf um weibliche Selbstbestimmung sie einnimmt.
Aber noch einen Umweg muss sie in Hamburg einschlagen, ehe sie sich über Nacht nur der Kunst verschreiben wird. Sie wechselt zu WeWork, einem global angelegten Co-Working-Space mit damalig geschätztem Wert von nahezu 42 Milliarden Euro (davon ist heute nur noch wenig übrig). Aber schon während sie eine Weile bei WeWork in leitender Position tätig ist, spürt sie es wieder – sie mag lieber vor der Leinwand stehen als an einem cool gestylten Arbeitsplatz sitzen.
„Genau in dieser Phase, und es sollte wohl sein, lernte ich 2018 auf einer Tagung in Köln Danilo Maldonado Machado kennen“, einen kubanischen Künstler, der in Miami lebte, und noch unter Fidel Castro als Dissident im Gefängnis gesessen hatte. „Wir sprachen sehr lange miteinander und am Ende sagte er: Du bist eine Künstlerin und er wurde zu meinem Mentor.“ Zurück in Hamburg kündigt Sabela ihren sicheren Job bei WeWork über Nacht. Sie hatte einige Rücklagen gebildet und im Laufe der Zeit bietet sie – und das bis heute – Art Retreats für kreatives Malen an.
Ab jetzt pendelt sie als Künstlerin zwischen Hamburg und Miami hin und her. Zwischendurch lebt sie vier Monate in Südafrika, sie malt abstrakt. Hier und dort denkt man an Pablo Picasso oder Basquiat, hier und dort verkauft sie eines ihrer Werke, hier und dort nimmt sie an Ausstellungen teil. Und wieder tut sich ein neuer Weg auf – „meine beste Freundin lebt in Los Angeles, ich besuchte sie 2020 dort und dann immer wieder, in LA habe ich auch begonnen, die ersten Busen zu malen, in einem Café in Venice Beach malte ich dann eine leere Wand voller Busen.“
Das Publikum war begeistert – Sabela García Cuesta hatte eines ihrer Sujets gefunden und die Bilder konnten nur Frauen kaufen. Schließlich ging es in den Werken um deren Körper. „Frauen waren begeistert und immer mehr baten mich, ihre Busen zu malen. Und während ich sie gemalt habe, haben sich mir Frauen offenbart – sie sprachen über Sexualität, Gewalt, Krebserkrankung, Liebe. Ich durfte einen sensiblen Teil ihres Körpers malen, für immer festhalten, das ist eine sehr intime Situation, da kommt es oft zur befreienden Öffnung“. Heute würde sie ihren Stil als „feministisch-symbolischen Surrealismus“ bezeichnen.
2022 hatte sie eine sehr erfolgreiche Show in Los Angeles. Sie verkaufte gut. Dabei weiß sie: „Es wird wieder Phasen geben, da muss ich als Künstlerin Geduld haben.“ Die Art Retreats, die sie auch auf Mallorca anbietet, sind weiterhin ein Standbein. Aber sie legt Wert darauf, dass sie „nicht nur Busen“ malt, vielleicht wird sie sich künftig auch Skulpturen zuwenden.
Zumal sie seit Mai dieses Jahres in der Fabrik der Künste im Hamburger Stadtteil Hamm ein großes Studio hat, in dem sie in anderen Dimensionen denken kann. „Dafür bin ich den Machern und Macherinnen der Fabrik der Künste unendlich dankbar, in 2026 plane ich dort ein sehr großes Kunst-Event.“ Schon in diesem Jahr hat Sabela sich darauf vorbereitet. Mit einer anderen Künstlerin und einem Künstler hat sie dort sieben Tage lang zusammengearbeitet und gelebt, zum Schluss gab es ein rauschendes Dinner „und wir waren so glücklich.“
Sabela weiß: „Das Studio ist jetzt mein wahrhaftiges Zuhause, mein Safe Space, mein kreatives Palais. Ich kann mir nicht vorstellen, jemals etwas anderes als Kunst zu leben. Ich bin glücklich!“ Wie sagte es Frida Kahlo? „Ich male meine eigene Realität. Das Einzige, das ich weiß, ist, dass ich male, weil ich es brauche.“