Interview mit neuem Präsidenten Hochschule Emden/Leer will Gesundheitssektor ausbauen
Der neue Präsident der Hochschule Emden/Leer hat zu Beginn seiner Amtszeit Pläne vorgelegt, die auch außerhalb des Campus auf Interesse stoßen dürften. Ein Interview mit Professor Marco Rimkus.
Ostfriesland - Die Hochschule Emden/Leer hat seit Anfang September einen neuen Präsidenten: Prof. Dr. Marco Rimkus. Im Interview mit unserer Redaktion spricht Rimkus über die Pläne der nächsten sechs Jahre – und seine Vision von einer idealen Hochschule.
Herr Prof. Rimkus, Sie waren 2019 an der Hochschule Emden/Leer Lehrer des Jahres. Ist das eine Voraussetzung für das Amt des Hochschulpräsidenten?
Prof. Dr. Marco Rimkus: Nein. Das sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Die Auszeichnung damals hat vielleicht etwas damit zu tun, wie ich in mein vorheriges Amt gekommen bin. Als Vizepräsident für Studium und Lehre ist es wichtig zu zeigen, dass man für gute Lehre brennt.
Was haben Sie sich denn für die nächsten sechs Jahre in Ihrer Amtszeit vorgenommen?
Rimkus: Grundsätzlich haben wir in einer eher ländlich geprägten Region starke demografische Herausforderungen. Und traditionell kommen zwei Drittel unserer Studierenden aus der Region und bleiben nach dem Studium auch hier. Gleichzeitig laufen bestimmte Studiengänge hier sehr gut – etwa Soziale Arbeit und Wirtschaftspsychologie. Diese Angebote würde ich gern weiter ausbauen, also mehr Studienplätze anbieten.
Geht das irgendwann auch einmal digital?
Rimkus: Oh ja. Wir starten in dem jetzt beginnenden Semester mit dem Angebot Soziale Arbeit Online. Bisher war das ein reiner Präsenz-Studiengang, jetzt auch ein Online-Studiengang. Aus dem Stand ist es uns gelungen, sämtliche dafür vorgesehene Studienplätze zu belegen.
Ein reines Online-Angebot?
Rimkus: Im Prinzip ja. Bei der Sozialen Arbeit gibt es aber auch Präsenz-Anteile, was ich bei dem Thema auch für sinnvoll erachte.
Das sind doch bestimmt nicht alle Neuerungen in den nächsten sechs Jahren, oder?
Rimkus: Richtig. Ich würde mich freuen, wenn wir künftig auch im Gesundheitssektor noch aktiver wären. In dem Bereich herrscht ein riesiger gesellschaftlicher Bedarf.
Was gibt es denn schon und was soll noch hinzukommen?
Rimkus: Bisher haben wir die Bachelorstudiengänge Sozial- und Gesundheitsmanagement sowie Interdisziplinäre Physiotherapie-Motologie-Ergotherapie. Wir hatten Public Health und hätten vor ein paar Jahren gern den Physician Assistant umgesetzt.
Worum handelt es sich da?
Rimkus: Das ist ein ärztlicher Unterstützungsberuf – ein weiteres Berufsbild in den Assistenzberufen. Wir tragen uns ferner mit der Idee eines Community Health Nursing. Das ist eine Art „Gemeindeschwester“ im ländlichen Raum mit einem betreuerischen Konzept. Dabei wären wir auch mit dem Hintergrund unserer Sozialen Arbeit gut aufgestellt. Wir haben also besonders im wachsenden Gesundheitsbereich noch viel vor.
Und wie klappt die Zusammenarbeit mit der heimischen Wirtschaft?
Rimkus: Wir bieten in der Tat Studiengänge an, die für die lokale Wirtschaft enorm wichtig sind, die aber auch bundesweit Herausforderungen haben. Da werden wir uns sicherlich auch einer Diskussion stellen müssen, welche Hochschule eigentlich was anbieten kann und soll. Es gibt beispielsweise Bereiche, die man überall studieren kann und die nur eine geringe Zahl an Studierenden anlockt. Über solche Studiengänge wird man auch an unserem Standort in Zukunft nachdenken müssen.
Konkreter können Sie jetzt nicht werden?
Rimkus: Nein. Mir ist wichtig, dass wir neben den traditionellen Studiengängen auch neue Formate entwickeln. Die Hochschule Emden/Leer soll Partnerin für lebenslanges Lernen werden. Das sind zum Beispiel sogenannte Micro-Credentials – also Mikro-Studiengänge, sehr thematisch bezogen, die dann auch aktuelle Themen aus der Wirtschaft aufnehmen.
Dafür können Sie sicher ein Beispiel nennen.
Rimkus: Klar. Nehmen wir doch mal die Künstliche Intelligenz. In den Betrieben gibt es sicherlich einen hohen Bedarf, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf diesem Gebiet fortzubilden. Da könnten wir ein Zertifikatsprogramm anbieten, um bestimmte Branchen für Künstliche Intelligenz fit zu machen.
Gibt es für solch schnelllebige Technologien auf Seiten der Lehrenden an Ihrer Hochschule überhaupt ausreichend viel Kompetenz?
Rimkus: Man muss natürlich unterscheiden zwischen den Produkten, die sich am Markt entwickeln. Das geht in der Tat sehr, sehr schnell. Auf der anderen Seite gibt es aber eben auch Produkte, die die Unternehmen für sich schon gut nutzen können. In unserem Fachbereich Technik, also Elektrotechnik und Informatik, sind wir als Hochschule sehr gut aufgestellt. Wir haben zahlreiche Kolleginnen und Kollegen, die sich beispielsweise mit Virtuellen Realitäten und Künstlicher Intelligenz beschäftigen. Es geht eben nicht darum, dass wir den neuesten ChatGPT entwickeln wollen. Wir wollen Unternehmen dabei unterstützen, für sie passende Anwendungsfelder zu entdecken und zu nutzen.
Wie locken Sie denn die dafür notwendigen interessierten und vor allem auch begabten Studenten in den äußersten Nordwesten der Republik?
Rimkus: Wir befragen seit Jahren die Studierenden. Positiv wird uns immer gespiegelt, dass wir eine kleine Hochschule mit einer hervorragenden Betreuung sind sowie eine große Nähe zu den Professorinnen und Professoren besteht. Wenn man denn der Meinung ist, dass die neue Generation anders tickt als wir damals, dann kommt es – glaube ich – dieser Generation von Studierenden zugute, dass sie auf Augenhöhe mit den Lehrenden in Kontakt treten kann. Etwa 110 Professorinnen und Professoren kümmern sich hier um rund 3800 Studierende. Dieses Verhältnis suchen Sie mal an einer großen Uni! Vielleicht findet man hier nicht das Studentenleben, das man in Großstädten hat. Aber gleichzeitig ist die Welt hier – wenn Sie so wollen – auch noch ein wenig in Ordnung. Das betrifft zum Beispiel die Wohnungsinfrastruktur und die Mietpreise. Außerdem will ich weiter daran arbeiten, dass wir als Hochschule mit den mittelständischen Unternehmen aus der Region noch intensiver gemeinsam auftreten, um jungen Leuten Perspektiven für Studium und Arbeit aufzeigen zu können. Das alles macht den Standort Emden/Leer außerordentlich attraktiv.
Zum Schluss ist Fantasie gefragt: Wie sähe die ideale Hochschule für Sie aus?
Rimkus: Ich würde gern eine Hochschule entwickeln, die ein Höchstmaß an Durchlässigkeit und Flexibilität ermöglicht. Das heißt, dass Menschen das studieren können, was sie wollen, zu der Zeit, in der sie das wollen, und unter den Rahmenbedingungen, die sie wollen. Auch dabei gibt uns Künstliche Intelligenz ganz neue Möglichkeiten, ein derart individuelles Studium zu begleiten. Jeder soll, ob aus beruflichen oder privaten Gründen, die Möglichkeit haben, bei uns zu studieren. Das wäre mein Ideal.