Hannover  Join Politics: Wie Caroline Weimann neue Talente für die Politik sucht

Stefanie Nickel
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Von Stefanie Nickel
| 05.09.2025 18:22 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Caroline Weimann wurde 2024 vom Handelsblatt zur Sozialunternehmerin des Jahres gekürt. Foto: Benjamin Jenak
Caroline Weimann wurde 2024 vom Handelsblatt zur Sozialunternehmerin des Jahres gekürt. Foto: Benjamin Jenak
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Die Initiative „Join Politics“ will engagierte Menschen fit machen, um als Politiker etwas zu bewegen. Ein Gespräch mit Gründerin Caroline Weimann über Talente, die nicht zu „denen da oben“ gehören, und die Lösung gegen Politikverdrossenheit.

Klimakrise, KI und gesellschaftliche Spaltung: Es braucht gerade jetzt kluge Köpfe in der Politik. Doch der Beruf des Politikers schreckt viele ab. Caroline Weimann hat deswegen Join Politics gegründet. Sie will Politik wieder attraktiv und zugänglich machen. Mit Erfolg: Eine ihrer Geförderten ist gerade Ministerin geworden.

Frage: Die Demokratie steht unter Druck. Das Vertrauen in die Institutionen schwindet, rechtspopulistische Kräfte gewinnen an Boden, und viele Menschen fühlen sich politisch nicht repräsentiert. Sie haben die NGO Join Politics gegründet, um das zu ändern. Wie machen Sie das?

Antwort: Wir sehen weltweit gefährliche Entwicklungen. In den USA formiert sich rund um Donald Trump ein ideologisches Netzwerk mit enormer Macht, das unsere politische Kultur grundlegend verändern will. Gerade jetzt ist es wichtig, diesen Entwicklungen etwas entgegenzusetzen und die Demokratie von morgen zu gestalten. Dafür sucht Join Politics die besten neuen politischen Talente. Es braucht kluge Menschen, die Antworten auf die drängenden Fragen unserer Zeit finden.

Frage: Wann haben Sie das erste Mal gedacht, so kann es mit unserer Demokratie nicht weitergehen, ich will etwas verändern?

Antwort: Ich war 2016 für die Siemens-Stiftung in Ostafrika und habe die politischen Umbrüche in Europa beobachtet: die sogenannte Flüchtlingskrise, das Erstarken der AfD, den Brexit, Trumps ersten Wahlsieg. Ich hatte das Gefühl, Deutschland steht an einem Kipppunkt. Da habe ich mich entschieden, zurück nach Deutschland zu gehen, um politisch etwas zu bewegen.

Frage: Sie sind aber nicht in eine Partei eingetreten. Warum nicht?

Antwort: Ich habe mich ehrenamtlich engagiert und politische Initiativen mit aufgebaut. Zur Europawahl 2019 organisierten wir ein Bootcamp, um neue Wege politischer Beteiligung auszuloten. Die Resonanz war riesig. Das hat mich wirklich überrascht. Da waren so viele Menschen, die sich engagieren wollten, aber nicht wussten, wie sie starten sollten. Mir wurde klar: Es braucht eine Unterstützungsstruktur, die diesen Menschen hilft, von der Idee zur Umsetzung zu kommen. So entstand Join Politics.

Frage: Sie finanzieren sich über Spenden, Stiftungsgelder und in kleinerem Umfang durch öffentliche Förderung. Wie wählen Sie die Personen aus, die Sie unterstützen?

Antwort: Erst einmal: Wir achten sehr darauf, unabhängig zu bleiben und entkoppeln die Förderentscheidungen von den Geldgebern. Wir fördern Menschen mit und ohne Parteibuch, die über Parteigrenzen hinweg denken und handeln wollen. Wir suchen Persönlichkeiten, die einen besonders großen Willen haben, politische Pläne zu den großen Fragen unserer Zeit zu schmieden. Eine gute Idee allein reicht nicht. Es braucht auch die Fähigkeit, sie umzusetzen.

Frage: Wie unterstützen Sie konkret?

Antwort: Wir verstehen uns als Verstärker. Wir unterstützen mit Workshops und bieten Zugang zu Netzwerken in die Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Wir stellen den Talenten während der Förderung Mentorinnen und Mentoren zur Seite, ermöglichen Coachings und persönliche Weiterentwicklung. Für die Umsetzung von Initiativen kann man sich auch für finanzielle Mittel bewerben, diese dürfen aber nicht für Wahlkämpfe genutzt werden. Politisches Engagement ist oft langwierig und herausfordernd – wir ermutigen und helfen dranzubleiben.

Frage: Sind die Politikerinnen und Politiker etwa in den Landtagen oder im Bundestag nicht gut genug?

Antwort: Es geht nicht um besser oder schlechter. Aber es braucht Politikerinnen und Politiker, die frische Ideen einbringen und dranbleiben. Auch sind die Landtage und der Bundestag oft nicht vielfältig genug. Viele Bundestagsabgeordnete haben Jura, BWL oder Politikwissenschaft studiert. Stimmen aus Pflege, Technik, Bildung oder mit Migrationsgeschichte fehlen oft. Es braucht auch Stimmen wie die von Mehmet Ildes, einem unserer Talente, der in Stuttgart eine Initiative gegründet hat, die Menschen mit Migrationsgeschichte und aus einkommensschwachen Verhältnissen politisch ermutigt. Oder die von Nora Seitz, die im Februar in den Bundestag gewählt wurde und als Fleischermeisterin dem Handwerk eine wichtige Stimme verleiht.

Frage: Gemeinhin wird ja eher von Politikverdrossenheit gesprochen. Die Parteien verlieren Mitglieder. Was läuft falsch?

Antwort: Politik wirkt auf viele wie eine Blackbox. Viele wissen gar nicht, wie parteiinterne Prozesse funktionieren. Sie finden sich in den bestehenden Parteien und ihrer Organisation nicht wieder. Die sogenannte „Ochsentour“ schreckt ab: Jahre voller Abendsitzungen und wenig Einflussmöglichkeiten – das passt nicht zum Zeitgeist. Und dann ist da noch das politische Klima. Hass, Hetze und Diskriminierung haben zugenommen. Wir wollen mit unserer Community Schutz bieten, wenn die Herausforderungen einmal zu groß erscheinen. Aber auch unsere Gesellschaft und die Art, wie wir Politiker wahrnehmen, muss sich verändern.

Frage: Eine Ihrer Geförderten ist Verena Hubertz, Gründerin der App Kitchen Stories. Sie ist gerade Bundesbauministerin geworden. Wie ist es Join Politics gelungen, sich in diesem hierarchischen System durchzusetzen?

Antwort: Wir haben schon vor dem offiziellen Start von Join Politics das Gespräch mit Parteien, Abgeordneten und zivilgesellschaftlichen Akteuren gesucht. Wir wollten unsere Initiative bekannt machen und die Idee spiegeln. Uns war wichtig zu zeigen: Join Politics ist kein Angriff auf das System, sondern ein Impuls zur Erneuerung von innen heraus. Als wir dann starteten, haben wir auch direkt sehr viele Bewerbungen für unsere erste Runde erhalten, unter anderem von Verena Hubertz.

Frage: Im aktuellen Bundestag ist die AfD zweitstärkste Kraft. Daher bleibt die Frage: Wie kann die Demokratie unter den Bedingungen wachsender Polarisierung bestehen?

Antwort: Der Schlüssel ist der Dialog. Die großen gesellschaftlichen Fragen lassen sich nicht entlang fester Parteigrenzen lösen und schon gar nicht im Gegeneinander. Die demokratischen Parteien müssen mehr aufeinander zugehen, nicht nur die Unterschiede benennen, sondern die Gemeinsamkeiten herausarbeiten. Kein Thema gehört nur einer Partei allein. Wir wollen ein Ort sein, an dem überparteilicher Austausch sicher möglich ist.

Frage: Manche Menschen sind für Argumente gar nicht mehr zugänglich. Sie ziehen sich ins Private zurück, fühlen sich vielleicht ohnmächtig angesichts großer Krisen. Was hilft dagegen?

Antwort: Wir stehen vor einer großen Herausforderung: Viele Menschen wählen aus Frust radikale oder populistische Parteien, andere versinken in ihren digitalen Blasen. Oft kommt das aus einem Gefühl der Ohnmacht – dem Eindruck, dass sich alles verschlechtert und man selbst nichts bewirken kann. Aber es gibt etwas, das dagegen hilft: Studien zeigen, dass Menschen, sobald sie auch nur im Kleinen etwas bewegen können, ein Gefühl von Selbstwirksamkeit bekommen. Das gibt mir Zuversicht, und das ist die Grundlage für eine stabile Demokratie.

Frage: Wie verändern die Menschen, die Sie fördern, das Bild von Politik, das viele als abgehoben und unzugänglich wahrnehmen?

Antwort: Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Als Luca Piwodda in seinem Heimatort Gartz an der Oder in Brandenburg nur noch AfD- und NPD-Plakate sah, entschied er sich, etwas dagegen zu tun. Mit 19 Jahren gründete er eine eigene Partei. Luca ist seit vergangenem Jahr Bürgermeister, gewählt mit 75 Prozent der Stimmen. Das gibt vielen eine neue Perspektive. Oder Natascha Sagorski: Sie hat ein neues Bundesgesetz zum gestaffelten Mutterschutz nach Fehlgeburten initiiert. Damit erreicht sie 14 Millionen Frauen und ihre Familien. Das hat sie nicht allein geschafft. Aber ohne ihr Engagement gäbe es dieses Gesetz heute nicht. Solche Geschichten zeigen, wie viel politische Wirkung möglich ist, wenn Menschen gezielt unterstützt werden. Das hat auch mit Verantwortung zu tun: Wenn man die Chance sieht, etwas zu bewegen, sollte man sie nutzen. Wenn viele so denken, verändert sich etwas. Menschen wie Luca und Natascha machen Politik greifbar, das sind nicht „die da oben“, sondern Menschen, die wirklich etwas bewegen und andere inspirieren können.

Frage: Join Politics will politische Strukturen mitgestalten. Wann ist Ihre Arbeit getan?

Antwort: Wenn Parteien sich so weiterentwickeln, dass sie neuen Talenten echte Räume und Chancen bieten – dann wäre vieles, was wir tun, nicht mehr nötig. Was Parteien aber nicht im gleichen Umfang wie wir leisten können, sind der überparteiliche Austausch und die Freiheit, Lösungen zu testen und weiterzuentwickeln – diesen freien, kreativen Raum, den wir als externe Organisation bieten. Genau darin liegt unsere Stärke.

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