Zivilschutz  Was ist aus Ostfrieslands Bunkern geworden?

Svenja Alberts
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Von Svenja Alberts
| 18.09.2025 10:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Bunker und andere Schutzorte werden angesichts der angespannten Lage immer wichtiger. Foto: Ortgies/Archiv
Bunker und andere Schutzorte werden angesichts der angespannten Lage immer wichtiger. Foto: Ortgies/Archiv
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In Ostfriesland gibt es keine einsatzbereiten öffentlichen Schutzräume mehr. Was ist mit den alten Bunkern passiert und wie soll der Schutz der Bevölkerung künftig aussehen?

Emden/Norden- In der Region Ostfriesland gibt es keine einsatzbereiten öffentlichen Schutzräume, in denen Menschen längerfristig Zuflucht suchen können. So teilte es das Niedersächsische Innenministerium dieser Redaktion auf Nachfrage mit. Dabei gab es besonders im Raum Emden zur Zeit des Zweiten Weltkriegs verhältnismäßig viele Bunkeranlagen. Aber auch der Kalte Krieg sorgte für Bunkerbau: Die Stadt Norden wurde in den 1970er Jahren unter dem Stadtzentrum mit einem Atomschutzbunker ausgestattet. Dann geriet das Thema Schutzräume aber ins Hintertreffen, Bunker und ähnliche Anlagen wurden angesichts der Weltlage nicht mehr als notwendig angesehen.

Das hat sich geändert: Gerade in diesen Zeiten ist Zivilschutz angesichts des Russland-Ukraine-Kriegs wieder zunehmend in den Fokus gerückt. Was ist also mit diesen Anlagen passiert, die den Ostfriesinnen und Ostfriesen einst Schutz bieten sollten?

2007: Abbau der Schutzräume

2007 hatten Bund und Länder gemeinsam beschlossen, die öffentlichen Schutzräume nicht weiter aufrechtzuerhalten, erklärt das Niedersächsische Innenministerium. Zu Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine wurde dann allerdings im März 2022 eine bundesweite Bestandsaufnahme aller dem Zivilschutz zugeschriebenen Schutzräume beauftragt.

Das Ergebnis, so schreibt das Niedersächsische Ministerium mit Bezug auf einen Bericht des Bundesinnenministeriums: „Eine Reaktivierung der 579 noch gewidmeten öffentlichen Schutzräume [ist] grundsätzlich möglich“, heißt es mit Blick auf ganz Deutschland. Der zeitliche und finanzielle Aufwand einer solchen Reaktivierung sei allerdings von dem „Schutzniveau“ abhängig, das der Raum bieten soll. In dem Bericht der Bestandsaufnahme werde grundsätzlich zwischen vier Schutzstufen unterschieden. Die Level reichen von geringem Schutz, etwa vor Trümmern und Splittern, bis hin zum Atomschutz (CBRN-Schutz) als höchste Sicherheitsstufe.

Was von den Emder Bunkern übrig ist

Vom Bunker in der Emder Graf-Ulrich-Straße ist ist kaum noch etwas zu erkennen. Foto: Päschel/Archiv
Vom Bunker in der Emder Graf-Ulrich-Straße ist ist kaum noch etwas zu erkennen. Foto: Päschel/Archiv

Nur wenige Städte hatten im Verhältnis zur Einwohnerzahl während des Zweiten Weltkriegs so viele Bunker wie Emden. Ab 1940 wurden dort 35 große Luftschutzbunker und 141 splittersichere Kleinbunker gebaut. Von den großen Bunkern stehen 31 noch immer und werden heute auf verschiedene Weise genutzt. So ist in einem das Emder Bunkermuseum untergebracht, während andere etwa als Wohn- und Lagerräume genutzt werden. Der Emder Bahnhofsbunker ist im Keller und im ersten Stockwerk inzwischen als Werkstatt für die Emder Modell-Dampffreunde umfunktioniert worden. Die letzte Sanierung liegt bereits Jahrzehnte zurück.

Der Bunker am Emder Hauptbahnhof ist sieben Stockwerke hoch. Foto: Hanssen/Archiv
Der Bunker am Emder Hauptbahnhof ist sieben Stockwerke hoch. Foto: Hanssen/Archiv

Emdens Stadtsprecher Eduard Dinkela hatte schon im Mai 2022 auf Nachfrage dieser Zeitung erklärt, dass es bis 2010 noch vier Schutzräume in Innenstadt-Bunkern gegeben habe. Der Bund hatte die Stadt nur bis dahin beauftragt, solche Räume vorzuhalten. „Das Thema Schutzräume spielte in den vergangenen Jahren bei einer Krisenbeurteilung keine Rolle. Sicherheitskonzepte sind seitdem nicht erstellt worden“, so Dinkela damals. Mittlerweile gibt es in Emden Sicherheitskonzepte wie etwa die neun sogenannten „Katastrophenschutz-Leuchttürme“. Seit November 2022 sind diese in den sieben Häusern der freiwilligen Ortsfeuerwehren, der Feuerwehrtechnischen Zentrale an der Brückstraße sowie der Nordseehalle eingerichtet. Im Ernstfall können die Menschen sich dort informieren, Essen und Hilfe bekommen sowie die örtlichen Kommunikationsmöglichkeiten nutzen. Alle „Leuchttürme“ sind mit Notstromaggregaten ausgestattet.

Nordens versteckter Atomschutzbunker

Auch in Norden findet man noch heute einen Bunker. Dieser ist unterirdisch angelegt und speziell zum Schutz vor Atomwaffen gebaut worden. Direkt unter der Norder Innenstadt wurde er zur Zeit des Kalten Krieges für bis zu 3355 Menschen errichtet. Seit seiner offiziellen Abnahme im Jahr 1974 dient er allerdings nicht nur als Schutzanlage, sondern auch als Tiefgarage für Anwohnerinnen und Anwohner, für die 84 Stellplätze zur Verfügung stehen, erklärte Ralf Peters vom Fachdienst Bürgerdienste und Sicherheit, als er unsere Zeitung vor einiger Zeit durch die Anlage führte. Der Bau ist in zwei Schutzbereiche aufgeteilt, die für bis zu 1489 beziehungsweise 1866 Menschen Platz bieten sollen. Um in den Bunker zu gelangen, muss eine von zwei Schleusen passiert werden, die über zwei Fußgängerzugänge am Jan-ten-Doornkaat-Koolmann-Platz erreicht werden können. Durch ein kleines Fenster können Neuankömmlinge gesehen und gegebenenfalls eingelassen werden.

Die Einfahrt zum Bunker in Norden ist gleichzeitig eine Tiefgarage. Foto: Ortgies/Archiv
Die Einfahrt zum Bunker in Norden ist gleichzeitig eine Tiefgarage. Foto: Ortgies/Archiv

Ein Großteil der Bunkerausstattung stammt noch aus der Bauzeit. So finden sich in einem Versorgungsraum unter anderem alte Mullbinden oder auch Funkgeräte. Innerhalb der Anlage dienen zwei große Schiffsmotoren als Notstromaggregat für die ganze Anlage und im Dunkeln leuchtende Farbe an den Wänden hilft dabei, Lichtschalter zu finden. Es gibt Luftfilter und eine Anlage zur Wasseraufbereitung. Noch bis 2007 wurden regelmäßige Wartungsarbeiten in dem Atomschutzbunker durchgeführt. Dann drehten Bund und Länder jedoch den Geldhahn zu.

Zwei Schiffsmotoren erzeugen im Notfall Strom im Bunker. Foto: Ortgies/Archiv
Zwei Schiffsmotoren erzeugen im Notfall Strom im Bunker. Foto: Ortgies/Archiv

Maßnahmen für den Zivilschutz

Zivilschutz ist im Allgemeinen Bundessache, während die Bundesländer sich um den Katastrophenschutz kümmern. In den Bereich des Zivilschutzes fallen, so die Website des Landes Niedersachsen, Schutzmöglichkeiten „vor kriegsbedingten Gefahren“. Dabei würden neben der Bevölkerung auch Wohnungen und Kulturgüter gesichert. Katastrophenlagen, die in Friedenszeiten stattfinden, fallen wiederum in die Verantwortung des Katastrophenschutzes der einzelnen Länder und sind separat von Kriegsgefahren zu betrachten. Auf der Infoseite verweist das Land Niedersachsen in Bezug auf den Zivilschutz auf insgesamt 58 Schutzräume, in denen etwa 25.000 Menschen Zuflucht finden könnten (Stand März 2022). Viele dieser Einrichtungen müssten allerdings noch modernisiert werden. Selbst wenn dies zügig passiert, ergibt sich jedoch ein offensichtliches Problem: Niedersachen zählte Ende letzten Jahres circa 8 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. Eine Kapazität von 25.000 Schutzplätzen reicht da kaum aus.

Das Niedersächsische Innenministerium teilte dieser Redaktion kürzlich mit, dass das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe derzeit an einem modernen Schutzraumkonzept arbeite. Im Zuge dessen würden öffentliche und private Gebäude auf ihre Eignung als Schutzraum geprüft und erfasst. Anschließend wolle man diese „in einem digitalen Übersichtsverzeichnis bzw. einer Datenbank“ zusammentragen. Die Bevölkerung solle dann über Warn- und Kartendienste auf dem Smartphone auf diese Übersicht zugreifen können. So soll man die für sich nächstgelegenen Schutzräume einfach finden. Zudem werde geprüft, inwiefern öffentlich zugängliche Gebäude wie U-Bahnhöfe oder Behörden als Schutzraum umgestaltet werden können, heißt es auf der Website des Landes Niedersachsen. Wegen der weiterentwickelten Waffentechnologien werde ohnehin von einer Inbetriebnahme alter Schutzräume abgeraten.

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