Osnabrück Osnabrücker Musikchef Christopher Lichtenstein will dem „Holländer“ Maßstäbe setzen
Am Samstag gibt der neue Osnabrücker Generalmusikdirektor Christopher Lichtenstein sein Debüt im Theater am Domhof. Im Interview erklärt er, warum er mit Richard Wagners „Der fliegende Holländer“ startet und was er im Konzert mit dem Osnabrücker Symphonieorchester erreichen will.
Im Büro des Osnabrücker Generaldirektors (GMD) ist im Wesentlichen alles so geblieben, wie es war: Schreib- und Besprechungstisch stehen, wo sie vorher standen, lediglich der Flügel ist von der Wand weg in Richtung Raummitte gerückt. Ja, und wenn Christopher Lichtenstein, der neue GMD, am Klavier sitzt und Partituren durchspielt, blickt er, wenn er den Kopf hebt, auf ein Porträt Herbert von Karajans.
„Das stammt von seinem Hausfotografen Siegfried Lauterwasser“, sagt Lichtenstein, „und das gibt es nur in limitierter Auflage.“ Karajan, der Erfinder des goldenen Orchesterklangs, ist Lichtensteins absolutes Idol. Und am Klang des Osnabrücker Symphonieorchesters will der neue GMD ausdrücklich arbeiten, wie er im Interview erzählt. Auch und gerade bei Richard Wagners „Fliegendem Holländer“.
Frage: Herr Lichtenstein, wie gut sind Sie in Osnabrück und im Theater Osnabrück angekommen?
Antwort: Sehr gut. Ich war in der letzten Spielzeit einmal monatlich für mehrere Tage da, deshalb bin ich längst angekommen. In den vergangenen Monaten habe ich mit vielen Mitarbeitern Gespräche geführt, unter anderem mit Orchestermusikern, unseren Orchesterwarten und der Leitung. Deswegen hat es sich für mich fast so angefühlt, als wäre ich nach dem Urlaub zurückgekommen..
Frage: Mittlerweile werden Sie eine Wohnung bezogen haben.
Antwort: Ja, ich habe eine sehr schöne, große Wohnung in der Nähe des Botanischen Gartens. Von da aus bin ich in zehn Minuten zu Fuß am Theater. Das schätze ich sehr. Der Weg am historischen Rathaus vorbei in die Innenstadt ist außerdem ein guter Start in den Tag.
Frage: Was haben Sie von Osnabrück jenseits des Theaters erlebt?
Antwort: Ich habe jedenfalls mitbekommen, dass Osnabrück offenbar eine Stadt ist, die gut Feste feiern kann; die dichte Abfolge wundert mich doch ein bisschen. Vom Theater Beach wusste ich ja, die Maiwoche habe ich ebenfalls miterlebt. Dort habe ich auch mal was mit Kollegen getrunken. Und erst gestern Abend war vor dem Dom der Abendmarkt; den kannte ich noch nicht. Offenbar sind die Osnabrücker in der Disziplin „gemütliches Beisammensein“ erfolgreich.
Frage: Wie schneiden Sie da ab?
Antwort: Ich bin kein Partylöwe. Im Gegenteil: Ich meide solche Situationen eher. Das ist aber mehr wegen der Lautstärke; es strengt mich an, wenn es zu laut wird. Dahingegen sehr gut gefallen hat mir unser Orchesterfest vor knapp zwei Wochen, das etwas außerhalb im Ländlichen auf einem umgebauten alten Hof stattgefunden hat. Abends wurde gegrillt, es war sehr gesellig und schön, Kollegen im offenen, lockeren Rahmen kennenzulernen. Das fand ich sehr angenehm.
Frage: Gehen Sie nach dem Konzert mit dem Orchester ein Bier trinken?
Antwort: Na klar, das mache ich schon. Außer vielleicht, wenn ich schlecht dirigiert habe.
Frage: Dann schmeißen Sie einfach eine Runde.
Antwort: Richtig, das kann man machen. Jedenfalls will ich spüren, wie die Chemie ist. Ist die da oder nicht? Verstehen wir uns? Das herauszufinden ist ganz wichtig für mich.
Frage: Welchen Eindruck haben Sie nach den ersten Wochen der intensiven Arbeit mit dem Orchester?
Antwort: Das Orchester hat sich sehr gefreut auf einen Neuanfang und ist hochmotiviert. Das kann man wirklich merken, nicht nur ich. Sowohl unsere neuen Kapellmeister als auch die Sänger berichten das Gleiche. Das Orchester gibt so viel zurück und hat Freude, intensiv zu arbeiten.
Frage: Worauf legen Sie besonders wert?
Antwort: Vor allem auf den Klang des Orchesters. Wie schaffen wir es, noch homogener zu klingen? Gerade bei den Bedingungen, die wir hier haben: Die Theaterakustik ist sehr trocken, der Graben klein. Wie schaffen wir es, dass die Musik „rund“ klingt? Und genau da spüre ich so viel Wille und Lust, sich weiterzuentwickeln.
Frage: Mit dem „Fliegenden Holländer“ haben Sie ja auch gleich ein Stück ausgesucht, das an Grenzen geht.
Antwort: Das ist richtig. Der Orchestergraben im Theater am Domhof ist eigentlich zu klein für ein Wagner-Orchester. Aber wir haben alles drin, auch die Harfe und das Tamtam. Wir haben auch nichts reduziert in der Besetzung. Die Herausforderung aber besteht darin, so balanciert zu spielen, dass man eben nicht das Gefühl hat, man habe einen Dauerdruck im Ohr. Und das ist wirklich schwer und letztlich ein Prozess, der nicht nur Wochen, sondern Monate braucht. Aber das Orchester will das, und ich glaube, das war auch mit ein Grund, warum man mich wollte: Ich habe signalisiert, dass auch ich dies möchte.
Frage: Warum haben Sie den „Holländer“ für Ihr Debüt in Osnabrück ausgewählt?
Antwort: Ich brauche für die Arbeit mit dem Orchester eine große romantische Oper. Das hätte auch „Der Freischütz“ sein können, oder eine Strauss-Oper mit kleiner Besetzung wie „Ariadne auf Naxos“. Da kann man einen romantischen Klang pflegen, der groß ist, wo es auch mal laut wird, wo man aber stets gepflegt spielen muss. Der „Holländer“ eignet sich hervorragend – auch, was die Länge angeht. Das Orchester spielt sehr viel, ist gefordert. So lässt sich ein Maßstab setzen.
Christopher Lichtenstein stellt im Video sein erstes Sinfoniekonzert vor:
Frage: Und wie muss man sich den „Holländer“ szenisch vorstellen?
Antwort: Dennis Krauß ist ein sehr junger Regisseur und überzeugter Wagnerianer. Er ist im besten Sinne von der alten Schule beeinflusst, von Wieland Wagner. Krauß arbeitet ähnlich, in dem Wissen, dass die Musik so stark ist. Das bedeutet: wenig Requisiten; das war ja typisch für Wieland Wagner. Allerdings hat Krauß keine leere Bühne, sondern es gibt auf der Drehbühne eine große, abgeflachte Treppe, die sich dreht. Und man wird immer wieder ins Geschehen hineingedreht wie in einen Strudel, der letztlich ein Sinnbild für Sentas Opfertod ist. Der Chor hingegen muss zum Beispiel die Spinnstube als Bewegung tänzerisch darstellen. Das ist enorm schwer und hat uns sehr viel Probenzeit gekostet. Das Ganze ist sehr minutiös ausgearbeitet und erinnert mich eben sehr an Neu-Bayreuther Zeiten.