Osnabrück  Deutschland muss sich endlich aus dem Modus der Angst befreien

Thomas Ludwig
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Von Thomas Ludwig
| 19.09.2025 07:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Geradezu symbolisch: die Angst der Deutschen. Foto: Gemini KI-generierte Illustration
Geradezu symbolisch: die Angst der Deutschen. Foto: Gemini KI-generierte Illustration
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Dass die Sorgen der Deutschen trotz multipler Krisen im Vergleich zum Vorjahr leicht abgenommen haben, ist wohl eher der Gewöhnung geschuldet und sollte nicht als Entwarnung missverstanden werden.

„Das einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Furcht selbst.“ Dieser Satz aus der Antrittsrede des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelts vom März 1933 könnte in der Gegenwart kaum aktueller sein. Denn die Deutschen sind ein Volk voller Ängste – vor teurer Lebenshaltung, vor Steuererhöhungen, vor Zuwanderung, vor Donald Trump und, und, und ... Kaum ein politisches Thema wird öffentlich ohne das Grundrauschen kollektiver Unsicherheit debattiert.

Die gute Nachricht: Trotz multipler Krisen haben sich die Sorgenfalten der Deutschen gegenüber dem Vorjahr laut einer Studie etwas geglättet; offenbar macht sich ein Effekt der Gewöhnung breit. Leben mit der Angst? Die Grundtendenz bleibt bestehen.

Wer sie politisch permanent schürt, setzt sich dem Verdacht aus, die Bürger an die kurze Leine legen zu wollen. Die AfD hat daraus ihr Geschäftsmodell gemacht, sie lebt von der Beschwörung des Untergangs. 

Aber auch die Parteien der Mitte tun sich schwer, Zuversicht zu vermitteln. Statt mit klaren Zukunftsplänen gegenzuhalten, lassen sie Ängsten oft freien Lauf oder reagieren mit kleinlauten Abwehrreflexen. Wäre es aber nicht ihre Aufgabe, den Bürgern Orientierung zu geben, Mut zu machen, Perspektiven zu eröffnen?

Eine dauerhaft sich im Angstmodus befindende Gesellschaft ist alles andere als stabil. Sie ist manipulierbar. Wer Angst hat, sucht nach vermeintlich starken Führungsfiguren, klammert sich an Sicherheit suggerierende Symbolik, verabschiedet sich aus der Verantwortung.

Auf Dauer droht so eine gefährliche Dynamik: Angst konserviert, lähmt und befördert den Rückzug. Sie verhindert die Fähigkeit zu Veränderung – und kann so tatsächlich zur selbst erfüllenden Prophezeiung werden.

Wer die Kraft einer demokratischen Gesellschaft erhalten und stärken will, darf ihr nicht permanent das Zittern beibringen. Politik muss aufzeigen, dass Wandel zu gestalten ist und Krisen zu bewältigen sind. Dass Zukunft nicht nur Bedrohung, sondern auch Chance bedeutet.

Roosevelt hatte recht: Nicht äußere Gefahren allein, sondern die Lähmung durch permanente Furcht kann eine Gesellschaft in den Abgrund führen. Was Deutschland jetzt braucht, ist weniger Angstdebatte – und mehr Mut zur Zuversicht. Es wird Zeit, dass die politische Klasse das verkörpert.

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