Festspiel-Countdown Timmeler spielen ihre eigenen Urgroßväter
Die Vorbereitungen für das historische Theaterstück „Timmel unner Strom“ laufen auf Hochtouren. Bei der großen Kostümprobe erleben die Darsteller, wie Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen.
Timmel - Wenn Jens Soeken für ein Foto in die Rolle seines Urgroßvaters schlüpft, setzt er ein ernstes Gesicht auf. Dann guckt er so, wie Berend Soeken gucken würde. „Damals wurde auf Fotos nicht gelacht“, sagt Soeken und muss dann doch lachen. Mit seinem Urgroßvater hat der 45-jährige Timmeler in den letzten Jahren viel zu tun, obwohl er ihn persönlich nie kennengelernt hat. Denn gelebt hat Berend Soeken von 1884 bis 1969. Sein Urenkel wird ihn beim historischen Theater-Großprojekt „Timmel unner Strom“ spielen. „Darauf bin ich schon ein wenig stolz“, sagt Soeken. Das Stück beginnt im Jahr 1918, als Berend Soeken nach der Kapitulation von der Front heimkehrte.
Jens Soeken trägt eine Uniform aus dem Ersten Weltkrieg. Es ist der Tag der großen Kostümprobe. Alle Darsteller müssen sich den kritischen Blicken einer Jury stellen. Der Hintergrund: Regisseurin Elke Münch prüft mit dem Kostüm-Team, ob alle für ihre Rollen die passende Kleidung haben. Denn die Premiere ist schon in einem Monat. „Warum sieht die Angestellte herrschaftlicher aus als die Wirtin selbst?“, „Sieht sie im grünen Mantel nicht aus, als käme sie aus dem Wald?“, „Tauscht mal die Schürzen. Nee, doch nicht. Wir brauchen zum nächsten Mal passende Schürzen!“
Kostümprobe in der Reithalle: Detailarbeit für 100 Darsteller
Sätze wie diese fallen und Marlene Hedemann notiert sich alles, was an den Kostümen noch geändert werden muss. Es ist nicht das erste Theaterstück, bei dem sie sich um die Kostüme kümmert. Auch bei früheren historischen Theaterstücken in Timmel war sie schon dabei – wie die meisten der rund 250 Ehrenamtlichen in der Theater-Crew.
Inzwischen hat sie sogar einen eigenen Fundus auf dem Dachboden. Doch um alle rund 100 Darsteller auszustatten, reichte er bei Weitem nicht aus. Deshalb kamen Kostüme unter anderem aus dem Fundus der Freilichtbühne Hatshausen-Ayenwolde, von der Ostfriesischen Landschaft und dem Staatstheater Oldenburg dazu. Wenn etwas fehlte, wurde es selbst genäht – auch dafür gibt es ein eigenes Team in der Theater-Crew.
Handarbeit, Herzblut und ein prall gefüllter Fundus
Seit dem Frühjahr kümmert sich Marlene Hedemann mit Gerda Meyer, Heidi Hirthe, Gertrud Rogge und Marina Bohlen um die Kostüme. Wie viele es insgesamt sind, kann sie gar nicht genau sagen. Denn es gibt zwar rund 100 Darsteller, aber manche brauchen mehr als ein Kostüm. „Schließlich kann man nicht über Jahre dasselbe tragen“, sagt Hedemann und lacht. Deshalb zählt inzwischen niemand mehr mit. Das meiste ist inzwischen geschafft. Einzelne Kostüme müssen noch umgenäht, einige Knöpfe versetzt werden.
Während in der Reithalle ein Darsteller nach dem anderen in Augenschein genommen wird, hängt Heidi Hirthe im Kostüm-Fundus den historischen Berend Soeken wieder an die Kleiderstange. Dazu kommt ein Schild mit dem Namen des Darstellers: Jens Soeken. Ordnung muss sein. Daneben hängt eine abgewetzte Uniform voller Löcher. So sah sie damals eben aus, wenn man aus dem Schützengraben nach Hause kam. Jens Soeken ist nicht der Einzige, der in die Rolle eines eigenen Vorfahren schlüpft. Auch der gebürtige Timmeler Edzard Müller spielt seinen Urgroßvater.
Persönliche Geschichten und ein wenig Theatermagie
Egge Mansholt war zu der Zeit, in der das Stück spielt, Ortsbürgermeister von Timmel. „Ich habe während der Vorbereitung auf die Rolle von meiner Mutter viel über meinen Urgroßvater erfahren“, sagt Müller. Nicht alles ist auch genau so im Stück zu sehen. „Im echten Leben war er verheiratet, hatte elf Kinder und war ein eher ruhiger und besonnener Mann“, sagt Müller. Im Stück spielt er seinen Urgroßvater als forschen Draufgänger ohne Familie. So passt es besser zur Handlung.
„Es ist ja auch wichtig, dass die Zuschauer unterhalten werden“, sagt Müller. „Ganz ehrlich: Wenn ich spiele, denke ich nicht an meinen Urgroßvater, dann denke ich nur an das Stück“, sagt er. Trotzdem: Ohne die beiden Urgroßväter hätte die Geschichte, die ab dem 23. Oktober 2025 im RTC Timmel zu sehen ist, wahrscheinlich ganz anders ausgesehen. Denn beide haben nach dem Ersten Weltkrieg mit dafür gesorgt, dass der Strom die Zukunft auch nach Timmel bringt.
Gemeinschaftsprojekt mit 250 Ehrenamtlichen und 15 Aufführungen
Dann gehen auch sein Frack und der Zylinder wieder zurück in den Fundus. Die Probe nach der Kostümabnahme findet in Alltagskleidung statt. An diesem Tag wird die Szene geprobt, in der die Soldaten aus dem Krieg zurückkehren. Mittendrin Organisator Ludwig Soeken. Er ist überall. Saß er eben noch in der Kostüm-Jury, übernimmt er jetzt die Rolle eines Paradepferdes, während ein Festumzug die Bühne stürmt. Bei der großen Rede hält er das Pult.
Mitorganisator Wilhelm Buschmann hält sich im Hintergrund und beobachtet, wie einige der anwesenden Zuschauer sich bei Rückkehr der Soldaten verstohlen die Tränen trocknen. „Ich weiß noch genau, wie alles im Frühjahr 2020 angefangen hat“, sagt Volker Saathoff, lässt den Blick über die 65 Meter lange Bühne mit den Nachbauten echter Timmeler Häuser schweifen und lächelt. Damals steckte Deutschland mitten in der Corona-Pandemie, die Menschen hatten sich voneinander entfernt. „Damals hatten wir überlegt, wie wir alle wieder zusammenbringen können, und uns alte Geschichten erzählt“, sagt Saathoff.
Seitdem ist viel passiert. Saathoff selbst spielt in dem Stück den durchtriebenen Zimmermann Broer Hedemann. Mit ihm arbeiten mehr als 250 Menschen inzwischen gemeinsam daran, die damals entstandene Idee umzusetzen. An 15 Abenden werden sie ab dem 23. Oktober 2025 ihre Geschichte erzählen: Es ist eine Geschichte vom alten Timmel und von Menschen, die sich zusammentun und gemeinsam ein riesiges Theater-Projekt auf die Beine stellen. So wird aus Geschichte lebendige Gegenwart – und aus vielen Einzelnen eine Gemeinschaft.
Timmel unner Strom – Die wichtigsten Fakten
Veranstaltungsort: Reitsport-Touristik-Centrum Timmel, Am Reitsportcentrum 1, 26629 Großefehn Premiere: Donnerstag, 23. Oktober 2025, 20 Uhr
Aufführungen: 15 Termine jeweils Mittwoch, Freitag, Samstag und Sonntag um 20 Uhr bis zum 15. November 2025
Tickets: 25 Euro, erhältlich bei Nah und Gut Timmel, Immobilien Soeken, Nordwest Ticket und online
Thema: die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als der Strom nach Timmel kam und das Dorf veränderte
Mitwirkende: rund 100 Darsteller, insgesamt mehr als 250 Ehrenamtliche