Osnabrück  Abwehr top, Standards auch - reicht das zum Topteam für den VfL Osnabrück?

Susanne Fetter, Benjamin Kraus
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Von Susanne Fetter, Benjamin Kraus
| 21.09.2025 20:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Schuss ins Glück: Ismail Badjie (Osnabrück) trifft zum 3:1. Und man darf sagen: Aus dem Spiel heraus. Foto: osnapix / Michael Titgemneyer Foto: Michael Titgemeyer
Schuss ins Glück: Ismail Badjie (Osnabrück) trifft zum 3:1. Und man darf sagen: Aus dem Spiel heraus. Foto: osnapix / Michael Titgemneyer Foto: Michael Titgemeyer
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Wer das 3:1 gegen Erzgebirge Aue analysiert, findet inhaltlich eigentlich kaum große neue Erkenntnisse zum Spiel des VfL Osnabrück. Dennoch lief diesmal einiges anders - zudem stellt sich aufgrund der Erfolgsbilanz mit zwölf Punkten aus sieben Spielen die Frage, was drin ist für die Lila-Weißen in dieser Saison.

Wer sich bewusst machen will, wie gut der VfL Osnabrück da steht nach dem etwas glücklich errungenen 3:1-Heimsieg gegen den FC Erzgebirge Aue, muss nur den Blick ein Jahr zurück richten: 2024/25 hatte der VfL den zwölften Punkt erst im Dezember eingefahren: Beim Heimsieg gegen RW Essen am 18. Spieltag (zusammen mit Punkt 13 und 14). Diesmal hat es nur sieben Spiele gedauert - und der Punkteschnitt unter Timo Schultz braucht sich mit 1,71 Zählern pro Partie aktuell nicht hinter jenem aus der Zeit unter den Ex-Trainern Marco Antwerpen und Frank Döpper zu verstecken.

Über die Basis dafür ist vielfach gesprochen worden: Zuerst wäre da die defensive Stabilität beim nach Zahlen inzwischen besten Team der Liga. Der VfL hat nur fünf Gegentore in sieben Partien geschluckt - da kann nicht einmal mehr das bisherige Ausnahmeteam MSV Duisburg mithalten. Und dann gibt es da noch die Stärke bei Standards: Das 1:0 durch Bjarke Jacobsen war nicht nur erneut der Türöffner, sondern schon der dritte direkte Kopfballtreffer des Hünen nach einer Ecke, diesmal getreten von Patrick Kammerbauer.

Die beiden jüngst verwandelten Elfmeter von Lars Kehl - nach Essen traf der 23-Jährige auch gegen Aue sicher vom Punkt, nachdem er per Direktabnahme ein Handspiel provoziert hatte - kommt der VfL inzwischen auf sechs Standardtore in sieben Partien. Auch diese Bilanz, ergänzt durch Frederik Christensens Flachschuss gegen Saarbrücken nach einem kurz ausgeführten Freistoß, ist überragend. Und wer den VfL im Saisonstart 2025/26 völlig abfeiern will, darf sagen: Aus dem Spiel heraus hat er ja auch noch getroffen, durch Ismail Badjies Kontertor zum 3:1-Eindstand, als er der entblößten Auer Abwehr nach Theo Janottas gewonnenem Kopfball und der starken Außenseite-Weiterleitung des eingewechselten Bernd Riesselmann in der Nachspielzeit einfach davonlief.

Doch ein paar Schönheitsflecken darf man schon registrieren beim VfL in jenen freundlichen Herbsttagen 2025: Etwa jenen, dass der VfL bisher aus dem Spiel heraus eher selten getroffen hat - so wie bei 1860 München durch Kammerbauer nach einem schönen Spielzug über mehrere Stationen auf dem Flügel. Robin Meißners Pressing-Treffer in Havelse könnte man in eine Sonder-Kategorie einteilen, ebenso Badjies Lauf zum 3:1 gegen Aue ohne Gegenspieler. Das lag auch daran, dass Ryan Malone zuvor Rot gesehen hatte: Aues Abwehrchef hatte gegen Riesselmann den Ball verloren und diesen als letzter Mann festgehalten - eine klare Notbremse .

Würde man Timo Schultz mit diesen kleinlichen Torkategorisierungen konfrontieren, würde dieser wahrscheinlich nur lächelnd die Achseln zucken und sagen: Ist doch völlig egal, am Ende zählen alle Tore. Natürlich hat der VfL-Trainer aber die sportliche Leistung seines Teams beim Aue-Spiel auch nicht als Schritt nach vorn in der Entwicklung seiner Mannschaft wahrgenommen - und zwar in beide Spielrichtungen.

Gegen den Ball war der VfL diesmal bei weitem nicht so stabil wie sonst: Beim übrigens aus dem Spiel heraus gefallenen Gegentor, der Anschlusstreffer durch Mika Claussen, kam ein halbes Dutzend VfL-Spieler nicht in den Zweikampf mit dem ballführenden Gegner. Beim Schuss an den Innenpfosten von Julian Guttau kurz vor dem Pausenpfiff hatte der VfL ebenso großes Glück wie kurz vor Schluss beim Kopfball von Julian Günther-Schmidt, der völlig frei sechs Meter zentral vor dem Tor genau auf VfL-Keeper Lukas Jonsson köpfte. Aue gab mehr Schüsse ab, ebenso mehr Schüsse aufs Tor - und lag auch in der Expected Goals-Wertung vorn.

Woran lag es? Schlechtere Tagesform, Kräfteverschleiß in der Englischen Woche, Formschwankungen gerade bei jungen Spielern - Erklärungsansätze, die mit Sicherheit alle ein bisschen zutreffen. Spannend war es schon, zu sehen, wie etwa der zuletzt so unglaublich stabile Youngster Robin Fabinski einige von ihm so überhaupt nicht gewohnte, leichte Fehler produzierte - bei weitem nicht als Einziger genau in jener Phase gegen Ende der ersten Halbzeit, als es beim VfL so gar nicht rund lief.

Das lag auch daran, dass im Spiel nach vorn zunächst sowohl der Mut, in die Tiefe zu gehen, als auch die generelle Bereitschaft zur Bewegung zu oft fehlten. Luc Ihorst etwa wirkte ab der 30. Minute wie ein ausgepumpter Profi in der 90. Minute. Natürlich muss man beim 25-Jährigen die vielen schweren Verletzungen in den letzten Jahren berücksichtigen - dennoch hat er es ja offensichtlich drin, so aufzutreten wie nach der Pause, als er über den Flügel endlich konsequent in den Sprint und die Zweikämpfe ging - und so unter anderem die Ecke herausholte, die zum 1:0 führte.

Zur Pause hatte es durchaus vernehmbare Pfiffe gegeben - zu jenem Zeitpunkt war das Ergebnis (0:0) in der Tat das Beste aus VfL-Sicht. Die Leistungssteigerung danach - vor allem in den ersten 20 Minuten und in der finalen Phase der Partie - sollte man aber anerkennen. Genauso wie die Tatsache, dass eine Mannschaft in der Entwicklung vielleicht nicht nur Schritte nach vorn macht, sondern auch mal verharren muss, um wieder angreifen zu können.

Wenn dies dennoch mit drei Punkten belohnt wird, hat man aus VfL-Sicht ein sehr gutes Wochenende erlebt. Die Ausgangslage ist gut, die Stärken sind bekannt, die Baustellen auch - und welche Grenzen der Entwicklung gesetzt sind, werden die nächsten Wochen zeigen.

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