Osnabrück „Fliegender Holländer“ im Theater Osnabrück: Christopher Lichtenstein legt perfekten Start hin
Die Osnabrücker Klassikfreunde dürfen sich freuen auf die kommenden Jahre. Denn der neue Generalmusikdirektor Christopher Lichtenstein hat mit Richard Wagners „Der fliegende Holländer“ ein erstklassiges Debüt hingelegt.
Wollen wir zunächst über die Musik sprechen. Mit Richard Wagners früher Oper „Der fliegende Holländer“ hat Christopher Lichtenstein sich dem Publikum im Theater am Domhof vorgestellt. Denn der neue Osnabrücker Generalmusikdirektor hat eine Mission: Er versteht den „Holländer“ als Beginn einer Entwicklung, deren Ziel es ist, das Osnabrücker Symphonieorchester in neue musikalische Sphären zu führen.
Klar, die mitreißende Energie, die das Orchester in den musikalischen Stürmen des Vorspiels entfacht, die Delikatesse, die dem ersten Ausblick auf den „Steuermann“-Chor innewohnt, all das hat Lichtensteins Vorgänger Andreas Hotz auch perfekt realisiert. Neu ist die Plastizität des Klangbildes.
Lichtenstein leuchtet die Partitur bis in kleinste Detail aus und legt ein feines Gespür für Proportionen an den Tag. Leise Passagen entwickeln Zugkraft, und wenn sich die Klangschichten türmen wie Wellenberge bei Windstärke zwölf, dann überwältigt die Musik nicht allein durch bloße Lautstärke, sondern durch die klangliche Logik, mit der die kompositorischen Mittel sich erschließen. Lichtensteins Fortissimo ist nicht einfach nur laut, sondern klar strukturiert – und genau daraus entsteht die musikalische Energie, die durch den Abend trägt.
Davon profitiert das Sängerensemble ungemein. Es muss nicht gegen Urgewalten ansingen. Lichtenstein trägt sie gewissermaßen auf Händen durch den Abend. Dabei dimmt er das Orchester zugunsten der Sänger und auch des Chores auf ein Maß herunter, das den Sängern erlaubt, ihre Gestaltungskunst zu entfalten, ohne dass der Orchesterpart an Spannung verliert. Im Gegenteil: Aus dem Graben kommen die Akzente und Impulse, die den Abend vorantreiben. Und zwar im Einklang mit der Inszenierung.
Dennis Krauß verortet als sein eigener Ausstatter die Geschichte vom Fliegenden Holländer in einer abstrakten Traum- und Märchenwelt, inspiriert, nein: geprägt von den Gemälden des Norwegers Edvard Munch. Dessen fleckige Farbgebung bestimmt Bühnenbild, Kostüme und Maske der Figuren, eine Rampe auf der Drehbühne schafft räumliche Nähe und Distanz der Figuren zueinander, ist Schiff und Heimatdorf des norwegischen Händlers Daland zugleich.
Im herben Kontrast dazu erscheint der zur ewigen Kreuzfahrt verdammte Holländer im glühenden Höllenrot. Und der Holländer selbst erscheint als Mischung aus Mefistofeles und Friedrich Wilhelm Murnaus Blut und Lebensgeister aussaugendem Nosferatu.
Aus diesem Setting heraus entwickelt Krauß seine Inszenierung in perfektem Einklang mit der Musik. Für den Chor, musikalisch einstudiert von Sierd Quarré, hat Gal Fefferman Choreografien entwickelt, die den Arbeitsalltag symbolisieren und den Hauptfiguren kantige Gesten verleihen. Das haucht Munchs Bilderwelt ein Leben ein, das einerseits dem Marionettentheater entstammt und andererseits der expressiven Gestik und Mimik des Stummfilms.
So entstehen Bilder von immensem Sog: Daland entsteigt buchstäblich dem Bildhintergrund auf der alles dominierenden Rampe, der Holländer erwacht wie ein schlummernder Dämon zum Leben und steht schließlich überlebensgroß hoch oben auf der Bühne. All das findet in einer maximalen Abstraktion statt, wie sie Wieland Wagner bei den Bayreuther Festspielen der Nachkriegszeit zum Prinzip erhoben hatte.
Damals entsprang das dem Willen, den Ballast der NS-Kunst hinter sich zu lassen. Im Theater Osnabrück eröffnet diese Abstraktion maximale Interpretationsspielräume, statt die Geschichte in ein konkretes Handlungsgerüst zu zwängen. Krauß fokussiert sich auf den Kern der Geschichte: Der Holländer ist verdammt, in alle Ewigkeit auf dem Meer zu kreuzen, nachdem er Gott und Welt verfluchte. Alle sieben Jahre darf er an Land, um Erlösung zu suchen, und zwar durch eine Frau, die ihn bedingungslos liebt.
Diese Frau wird Senta sein, die Tochter Dalands. Warum sie sich opfert – darauf können sich die Zuschauer ihren eigenen Reim machen. Feststeht: Sie ist die Außenseiterin in der kleinen Welt um sie herum. In der „Ballade vom Holländer“ fasst Senta die Geschichte zusammen, und Susann Vent-Wunderlich kann hier, dank Lichtensteins einfühlsamem Dirigat, ihre Euphorie der Welt kundtun, ihre Sehnsucht in zarten Tönen formulieren, ihre Selbstbestimmtheit vehement ausdrücken. Auch für sie ist dies ein großartiger Premierenabend.
Die anderen Sänger überzeugen ebenfalls: Der Gast Martin-Jan Nijhof gibt einen dämonisch-verführerischen Holländer, als Daland entfaltet Dominic Barberi die ganze Eleganz seiner Stimme. Florian Wugk gibt als Steuermann mit seinem leuchtenden Tenor ein vielversprechendes Debüt. Und dasselbe gilt für Nadia Steinhardt, ebenfalls neu im Ensemble, die die Mary gibt, die Erzieherin Sentas.
Ilker Arcayürek singt einen guten Erik, den Verlobten Sentas. Opern- und Extrachor zeigen sich, vor allem in den Männerstimmen, von der besten Seite und sind zudem extrem spielfreudig.
Nun ist mancher choreografische Einfall vielleicht ein bisschen viel des Guten, wirkt es recht plakativ, wenn Vent-Wunderlich Munchs berühmten „Schrei“ nachstellen muss. Zu den sechs Frauen, die anstelle der Geistermannschaft des Holländer roten Fahnen schwenken, will einem nichts rechtes einfallen.
Doch das sind Kleinigkeiten, die dem Abend nichts von seiner Qualität nehmen. Wer das Theater Osnabrück in der Provinz verorten will, soll ruhig diese Produktion besuchen, um zu erleben, dass hier sehr wohl Musiktheater entsteht, das den Vergleich mit großen Häusern nicht zu scheuen braucht. Nicht zuletzt dank des Dirigats von Christopher Lichtenstein, dem neuen Musikchef.