Osnabrück … dann verteidigt Merkel ihren Satz „Wir schaffen das”: So lief die Lesung in Osnabrück
Gelöst und humorvoll, so zeigt sich Altkanzlerin Angela Merkel in Osnabrück. Was sie vorliest – und wie das Publikum auf Merkels wichtigsten Satz reagiert. Beobachtungen von der Seitenlinie.
Dass die ehemals mächtigste Frau der Welt in wenigen Minuten die Bühne in der Osnabrücker Stadthalle betreten wird, merkt man an diesem Dienstagabend nicht wirklich. Zwar ist die Halle ausverkauft, etwa 1800 Plätze füllen sich allmählich. Doch der enorme Sicherheitsaufwand, der für Angela Merkel in den 16 Jahren ihrer Kanzlerschaft gemacht wurde, ist nicht zu bemerken.
Die Freiheit, die Merkel zu ihrem Lebensmotto erwählt hat und als Buchtitel vermarktet, sie zeigt sich hier vor allem als Freiheit der Polit-Rentnerin – von den Lasten des Amts, vom allzu strengen Sicherheitsprotokoll. Ein paar Minuten nach der anvisierten Startzeit geht Merkel auf die Bühne. Merkel winkt und setzt sich schnell. Einer der ersten Sätze: „Es muss sehr voll sein, aber ich sehe kaum jemanden.“ Die Scheinwerfer blenden sie.
Merkel wird an diesem Abend mit Sieben-Meilen-Stiefeln durch ihr Leben spazieren, durch die 35 Jahre vor dem Mauerfall und die 35 Jahre danach. Manches erklärt sie frei, manchmal rutscht sie sanft ins Vorlesen herüber. Es geht um Kindheit und Studium, Wiedervereinigung und ihre politischen Anfänge, die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 und den Ukraine-Krieg. Es gibt zwei lange Passagen: Einmal, als Merkel erklärt, wie sie ihre langjährige Mitarbeiterin Beate Baumann kennenlernt. Ein anderes Mal, als die Altkanzlerin über den Flüchtlingssommer 2015 spricht.
Anfang der 1990er Jahre, so trägt Merkel vor, lag sie wegen eines Beinbruchs im Krankenhaus. Ein junger und ihr unbekannter Christian Wulff, damals Kommunalbeamter in Osnabrück, besuchte sie. Weil Merkel eine Mitarbeiterin suchte, stellte Wulff einen Kontakt her zu Beate Baumann, ebenfalls aus Osnabrück. Bei ihrem Vorstellungsgespräch kochte Baumann den Kaffee, schließlich konnte Merkel, frisch aus dem Krankenhaus entlassen, kaum aufstehen.
Türkischen Kaffee, sagt Merkel, aber das Osnabrücker Publikum kennt den Ausdruck anscheinend nicht. Die Altkanzlerin erläutert: Pulver in die Tasse, heißes Wasser drüber, fertig. Jetzt versteht das Publikum, das jünger scheint, als man bei Lesungen erwarten mag, was sich in der Ostberliner Wohnung zutrug, und lacht. Baumann bleibt bis heute Mitarbeiterin Merkels, sie ist Co-Autorin von Merkels Autobiographie „Freiheit“.
Die andere ausführliche Szene: Merkel rekonstruiert die Ereignisse im August und September 2015, die Zeit der „Flüchtlingskrise“. Merkel selbst spricht von der „Zäsur in meiner Kanzlerschaft“. Gelegentlich wird sie pathetisch. Das Wort „Flüchtlingsstrom“ lehnt sie ab, es gehe „doch um Menschen“. Sie rekonstruiert, wie der Satz „Wir schaffen das“ auf einer Pressekonferenz zu Stande kommt. Und wie sie ihn gemeint haben will. Hier, in diesem Moment, arbeitet Merkel wie so viele andere Staatsleute an ihrem Vermächtnis. An der Frage, wie man sich an sie erinnern soll. Zweimal spricht sie an diesem Abend über „Wir schaffen das“. Beide Male gibt es Szenenapplaus. Einige klatschen beherzt, viele verhalten, manche gar nicht. Eine einzelne Stimme johlt beide Male auf.
Es gibt noch einen anderen roten Faden an diesem Abend, einen Gedanken, den Merkel durch die Auswahl der vorgetragenen Textstellen zum Leitgedanken ihres Lebens macht; auch wenn sich die Punkte einer Vita ja meist erst in der Rückschau zu einer Linie verbinden lassen. Es ist das Verhältnis des einzelnen Bürgers zum Staat, die individuelle Freiheit. Sie zeigt sich, sagt Merkel, „in der Verantwortung für etwas“. Nur die Demokratie könne Rechtsstaat und Menschenrechte garantieren. So bildet sich eine Klammer: Angefangen hatte Merkel mit ihrer Kindheit und Sozialisation in der DDR – glücklich, aber auch mit einer Sensibilisierung dafür, dass sie in der DDR nicht alles öffentlich sagen durfte. Enden wird sie mit der Ukraine, Russland und der grundsätzlichen Bedeutung von Freiheit und Demokratie.
Noch zwei weitere Dinge klingen an, die Merkel erst betont, seit sie sich nicht mehr um Wahlsiege scheren muss. Sie sagt, unter Helmut Kohl sei sie nach der Wiedervereinigung sofort Bundesministerin geworden, weil sie „nicht völlig blöd” gewesen und „drei Quoten erfüllt” habe: weiblich, jung, ostdeutsch.
Auch der ostdeutsche Faden taucht immer wieder auf. Der Mauerfall, so Merkel, ein „Glücksmoment“. Doch dem „Mut“ der Opfer der DDR-Diktatur sei Deutschland „bis heute nicht gerecht“ geworden, Stichwort: Opferrenten. Sie kommt auf einen Zeitungskommentar von 2020 zu sprechen, in dem sie, die Frau aus der DDR, als „angelernte Bundesdeutsche“ abqualifiziert wird. Das Publikum stöhnt entsetzt, Merkel fragt, warum Ostdeutsche ihre Loyalität zur Bundesrepublik immer noch beweisen müssten.
90 Minuten sind vorbei, Merkel klappt das Buch zu und steht auf. Applaus brandet auf. Innerhalb von wenigen Sekunden steht der ganze Saal. Die Altkanzlerin wird geehrt, frenetisch gefeiert wird sie nicht. Zwei Minuten nimmt Merkel in ihrem roten Blazer und mit einer Bernsteinkette am Hals die Ehrung entgegen. Winkt, hält ihr Buch vor sich. Einmal läuft sie um ihren Lesetisch. Dann wünscht sie noch, kaum durch den Applaus zu vernehmen, einen guten Abend, und geht von der Bühne. Der Applaus hört sofort auf, das hier ist kein Theater. Niemand fordert eine Zugabe und es gibt auch keine. Die Ära Merkel ist vorbei. Das Ringen um ihre Deutung aber hält an.