Sonderburg, Skrydstrup, Esbjerg, Aalborg Nach Drohnen-Schock in Dänemark: Geheimdienst-Kontrolleur mahnt zum Handeln in Deutschland
Mit den mysteriösen Drohnenflügen über vier dänischen Flugplätzen hat sich ein hybrider Angriff in äußerster Nähe zu Schleswig-Holstein ereignet. Dessen Innenministerin versichert, das Land begegne der Herausforderung „mit Entschlossenheit und Weitblick“. Beim Bund indes sieht der Grünen-Sicherheitsexperte Konstantin von Notz massive Versäumnisse.
Die Beobachtung mehrerer zeitgleicher Drohnen-Überflüge von dänischen Flugplätzen in großer Nähe zu Schleswig-Holstein verschärft auch hier zu Lande die Nervosität vor hybriden Angriffen. Derartige Vorfälle machten „unmissverständlich deutlich, wie sehr die Zeit drängt, wenn es darum geht, die Resilienz und Wehrhaftigkeit unserer Gesellschaft zu erhöhen“, sagte der schleswig-holsteinische Grünen-Bundestagsabgeordnete Konstantin von Notz unserer Redaktion.
Der Politiker ist stellvertretender Vorsitzender des Parlamentarischen Kontrollgremiums des Bundestags für die deutschen Geheimdienste. Er stellt fest: „Seit langem müssen wir schutzlos zusehen, wie sowohl kritische Infrastrukturen, genauso aber Rüstungsbetriebe und Bundeswehrstandorte ausgeforscht werden. Die Lage ist sicherheitspolitisch durchaus gravierend.“
Von Notz sieht nun Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) am Zuge. Dieser habe „schwerwiegende Sicherheitslücken in Deutschland viel zu lang ignoriert“ . Dobrindts Aufgabe sei es, „die relevanten Akteure von Bund, Ländern, Bundeswehr und Nachrichtendienste an einen Tisch zu bringen und alles in seiner Macht Stehende zu tun, um die Drohnenabwehr im Lichte stark gestiegener Gefahren schnellstmöglich zu verbessern.“ Es geht dabei insbesondere um eine Reform des Bundes-Luftsicherheitsgesetzes und deutlich erweiterte Befugnisse für die Bundeswehr.
Am Mittwochabend kurz vor 22 Uhr waren über den Flugplätzen Sonderburg, Skrydstrup, Esbjerg und Aalborg Drohnen unbekannter Herkunft gesichtet worden. Sonderburg liegt von Flensburg nur knapp 30 Kilometer Luftlinie entfernt, Skrydstrup 50 und Esbjerg 100. Für die militärische Sicherheit besonders sensibel ist Skrydstrup: Dort sind sämtliche dänische F-16- und F-35-Kampfflugzeuge stationiert. Die drei anderen Standorte dienen dem zivilen Flugverkehr. Aus Aalborg mussten mehrere Flüge nach Billund umgeleitet werden. In Sonderburg und Esbjerg war bereits längst Betriebsschluss.
Verteidigungsminister Troels Lund Poulsen sprach von einem „hybriden Angriff“. Er geht davon aus, dass die Drohnen nicht über lange Distanzen herbeigeflogen sind, sondern im Inland gestartet wurden. „Es sieht systematisch aus, aber wir können nicht mit Sicherheit sagen, wer dahintersteht.“ „Das Ziel ist, Furcht und Angst zu verbreiten“, sagte der für die innere Sicherheit verantwortliche Justizminister Peter Hummelgaard. Für die Polizei gilt landesweit erhöhte Alarmbereitschaft.
Auf einen Abschuss der Drohnen haben die dänischen Behörden „wegen der Folgewirkungen“ verzichtet. „Wir können ja nicht einfach losrennen und in die Luft schießen“, erklärte der oberste Verteidigungschef Michael Hyldgaard. „Das, worauf wir schießen, kommt ja wieder runter.“ Justizminister Peter Hummelgaard verdeutlichte: Den Hintermännern der Überflüge „wäre nichts lieber, als wenn eine Drohne auf ein Haus stürzen würde“.
Dänemark hat im zweiten Halbjahr 2025 die EU-Ratspräsidentschaft inne. Damit verbunden ist die Koordination wesentlicher Teile der Außen- und Sicherheitspolitik der EU-Mitgliedstaaten. Deshalb steht es international derzeit besonders im Fokus.
Schleswig-Holsteins Innenministerin Sabine Sütterlin-Waack erklärte: Derzeit beobachte man in Schleswig-Holstein „kein erhöhtes Aufkommen“ an Drohnen über kritischer Infrastruktur. Dennoch hätten Überflüge unter anderem in Brunsbüttel im vorvergangenen Sommer Handlungsbedarf gezeigt. „Dieser neuen Herausforderung begegnen wir mit Entschlossenheit und Weitblick“, versichert Sütterlin-Waack. „Durch die enge Zusammenarbeit von Polizei, Verfassungsschutz, Bundeswehr und zivilen Behörden sowie andererseits durch gezielte Investitionen in Drohnenabwehr und in die Bekämpfung von Spionage- und Sabotagedelikten bauen wir ein robustes Sicherheitsnetz gegen hybride Bedrohungen auf.”
Bereits 2024 habe die Landespolizei erste Geräte zur Abwehr und Detektion von Drohnen beschafft. Der Kauf weiterer sei geplant. Bei der Detektion geht es um die Enttarnung von Hintermännern durch das Auslesen technischer Daten. Insgesamt seien zur Bekämpfung von Spionage- und Sabotagedelikten zehn neue Stellen für die Landespolizei und den Verfassungsschutz vorgesehen.
Auf der letzten Norddeutschen Innenministerkonferenz im Juli haben die Ressortchefs der Küstenländer zudem beschlossen, die gegenseitige Abstimmung ziviler Schutzstrukturen zu verbessern. Dazu gehören auch gemeinsame Übungen von Polizei und Bundeswehr. Zentral seien klare Abläufe und ein schnelles gemeinsames Lagebild.
Für Schleswig-Holsteins Militärflugplätze in Jagel und Hohn seien die Ereignisse in Dänemark kein Anlass für eigens erhöhte Sicherungsmaßnahmen, sagte ein Sprecher des Presse- und Informationszentrums der Luftwaffe: „Wir fahren deswegen nichts hoch; unsere Wachsamkeit ist immer hoch.“
Er dementierte eine Meldung des dänischen Fernsehsenders TV 2, wonach ein in Jagel stationierter Abfangjäger heute Mittag über Aalborg und den dortigen Flugplatz gekreist sein soll. Der Sender bezog sich auf angebliche Satelliten-Ortungsdaten. In Jagel herrsche „reiner Routine-Flugbetrieb“, hieß es aus dem Presse- und Informationszentrum der Luftwaffe.