Folgen des Klimawandels  Muss Ostfriesland die Küste aufgeben?

| | 30.09.2025 18:27 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Eine Frau sitzt in Harlesiel am Wasser und genießt das Wetter. Foto: Imke Oltmanns
Eine Frau sitzt in Harlesiel am Wasser und genießt das Wetter. Foto: Imke Oltmanns
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An der Küste schützen sich die Menschen seit Jahrhunderten mit immer höheren Deichen. Wie lange kann das so weitergehen? Experten regen an, sich langsam über Alternativen Gedanken zu machen.

Küste - An der Küste wird das Undenkbare plötzlich denkbar: Zwei führende Wissenschaftsinstitute fordern, über den Rückzug aus gefährdeten Küstenregionen nachzudenken – weil der steigende Meeresspiegel den Schutz von Nord- und Ostsee langfristig infrage stellt. „Wir schlagen vor, dass man den Rückzug aus tiefer liegenden Küstenregionen an Nord- und Ostsee diskutieren sollte“, erklärte Klaus Richter, Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, am Donnerstag, 25. September 2025, auf dem Extremwetterkongress in Hamburg.

Zwar steige der Meeresspiegel erst einmal nur geringfügig. Es bestehe aber die Gefahr, dass der Anstieg exponentiell wachse – also irgendwann rasant schneller werden könnte. Richter sprach von einem Zeitraum von etwa 100 Jahren und betonte: „Es ist wichtig, sich rechtzeitig Gedanken zu machen.“

Frank Böttcher, Vorsitzender der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft (DMG), steht auf dem 15. Extremwetterkongress in der Hafencity Universität Hamburg. Foto: David Hammersen/dpa
Frank Böttcher, Vorsitzender der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft (DMG), steht auf dem 15. Extremwetterkongress in der Hafencity Universität Hamburg. Foto: David Hammersen/dpa

Die Deutsche Physikalische Gesellschaft und die Deutsche Meteorologische Gesellschaft veröffentlichten beim Extremwetterkongress einen Aufruf an politische Akteure, sich mit den konkreten Gefahren des Klimawandels zu beschäftigen. Dazu gehört auch der Hinweis zum Rückzug von den Küsten. An der niedersächsischen Nordseeküste ist eine solche Option bisher nicht vorgesehen. Vielmehr setzen Politik und Küstenschützer auf Verteidigung. Die Deiche werden erhöht, die Sielanlagen ertüchtigt. Aktuell werden in Niedersachsen jährlich rund 80 Millionen Euro in den Küstenschutz gesteckt. Perspektivisch werden es wohl 100 Millionen Euro jährlich sein. Wie kommt der Appell der Wissenschaftler bei den tiefer gelegenen Kommunen in Ostfriesland an? Wir haben uns umgehört.

Grafik: Kirsten Schüür nach Quelle: HafenCity Universität Hamburg
Grafik: Kirsten Schüür nach Quelle: HafenCity Universität Hamburg

Emden

Emden ist mit gut 50.000 Einwohnern die größte Stadt Ostfrieslands. Sie liegt am Nordufer des Dollarts an der Ems-Mündung und damit in einer flachen Tiefebene, die sich in großen Teilen unterhalb des mittleren Meereswasserstandes befindet. Ohne Küstenschutzanlagen wäre das Leben und Wirtschaften in Emden also schon jetzt kaum möglich. Deswegen beschäftigt sich die Stadt auch längst mit den Folgen des Klimawandels, wie ihr Sprecher in einer Antwort auf unsere Fragen schreibt. In Forschungsprojekten mit der Universität Oldenburg und der Jade-Hochschule etwa, in denen Risiken des Klimawandels für kritische Infrastruktur in Küstenregionen untersucht wurden. Die dort gewonnenen Erkenntnisse, heißt es weiter, flössen direkt in die städtische Planung und die Weiterentwicklung der Schutzsysteme ein.

Außerdem: „Die vorhandenen Deichanlagen und Deiche erfüllen nach aktuellem Stand die Anforderungen an den Küstenschutz – auch im Hinblick auf zukünftige Klimaszenarien“, schreibt der Stadtsprecher. Sie würden kontinuierlich gepflegt, überwacht und weiterentwickelt. Die Stadt wolle bestehende Schutzsysteme verbessern, statt Siedlungs- oder Wirtschaftsflächen aufzugeben. Und: „Ein Rückzug durch Aufgabe von Flächen ist für Emden daher keine Option.“

Krummhörn

In der großflächigen Gemeinde Krummhörn nördlich von Emden leben mit etwa 12.000 deutlich weniger Menschen. Sie verteilen sich auf mehr als ein Dutzend Ortschaften. Aber: Der gesamte westliche Teil und ein Teil des nördlichen Gemeindegebietes liegen direkt an der Küste und werden von Deichen geschützt. Ein Anstieg des Meeresspiegels ist hier also ganz sicher ein Thema. Bürgermeisterin Hilke Looden (parteilos) verweist in ihrer Antwort auf die jahrhundertealte Geschichte des Deichbaus an der Küste und auf die aktuellen Erhöhungen dieser Schutzanlagen.

Vor diesem Hintergrund, schreibt Looden, sehe man die Gemeinde Krummhörn vor einem steigenden Meeresspiegel sicher und vorausschauend geschützt. Bei Bedarf könnten die Deiche auch weiter erhöht werden. „Insofern gibt es bei uns keine Gedanken über einen Rückzug“, so die Bürgermeisterin.

Samtgemeinde Esens

Die Samtgemeinde Esens mit ihren rund 14.400 Einwohnern erstreckt sich im Norden der ostfriesischen Halbinsel über weite Teile der Küste. Im Westen reicht sie bis knapp vor Dornum, im Osten bis knapp vor Carolinensiel. Auf Nachfrage zum Meeresspiegelanstieg schreibt Samtgemeindebürgermeister Harald Hinrichs (parteilos): „Derartige Überlegungen und Ideen sind nicht neu.“ Die theoretisch schon heute ohne Küstenschutz überfluteten Gebiete seien bereits ermittelt worden – sie würden bis nach Oldenburg reichen.

Er klingt dennoch nicht beunruhigt. Auch Hinrichs verweist auf die Küstenschutzmaßnahmen der letzten Jahrzehnte, in Bensersiel und im benachbarten Harlesiel etwa. Weitere seien geplant, auch in seiner Kommune. Die Samtgemeinde Esens vertraue hier voll und ganz den verantwortlichen Behörden und Institutionen. „Ein Rückzug dürfte den Ostfriesen daher nicht ernsthaft zu vermitteln sein“, schreibt Hinrichs.

NLWKN

Zuständig für den Küstenschutz ist neben den einzelnen Deichachten der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN). Eine kurze Übersicht: Entlang der Festlandküste zieht sich in Niedersachsen eine 600 Kilometer lange Deichlinie. Dazu kommen noch Hunderte Kilometer Schutzdeiche an den Flüssen sowie die Schutzdünen und Deiche auf den bewohnten Inseln. Auf Nachfrage schreibt der Landesbetrieb, dass der Klimawandel mit dem prognostizierten Meeresspiegelanstieg die größte Herausforderung für den modernen Küstenschutz sei.

„Ein genereller Rückzug aus besonders gefährdeten Gebieten kann stets nur die Ultima Ratio sein“, schreibt der NLWKN auch. Immerhin spreche man mit Blick auf ganz Niedersachsen von mehr als 1,1 Millionen Menschen und 14 Prozent der Landesfläche, die gegenwärtig durch Deiche und Schutzanlagen geschützt würden. Hinzu kämen die immensen Kosten einer weiter binnen verlaufenden neu anzulegenden Deichlinie – auf Flächen, die längst anderweitig genutzt werden.

Den Aufruf der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft und der Deutschen Physikalischen Gesellschaft verstehe man als ein Plädoyer gegen grundsätzliche Denkverbote im Küstenschutz, schreibt der NLWKN. Dem schließe man sich auch an. Tatsächlich, schreibt der Landesbetrieb weiter, sei es bereits gängige Praxis, punktuell Deiche zurückzuverlegen, wo sie keine Siedlungen und keine größeren Sachwerte schützten. Das gelte vor allem für Schutzdeiche an den tidebeeinflussten Gewässern flussaufwärts der Sperrwerke.

Hintergrund

Durch den menschgemachten Klimawandel steige der Meeresspiegel weltweit, heißt es beim Geomar-Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Seit Beginn der Industrialisierung sei durch die Klimaerwärmung der Meeresspiegel bereits um 20 Zentimeter gestiegen. Wie stark und wie schnell er weiter steigt, hängt demnach von den künftigen globalen Treibhausgasemissionen und der damit verbundenen globalen Erwärmung ab.

Im schlimmsten Fall, so das Helmholtz-Zentrum, steigen die Treibhausgasemissionen in den nächsten Jahrzehnten immer weiter an. Die Erde würde sich dadurch bis zum Jahr 2100 um ungefähr 4,4 Grad Celsius erwärmen. In diesem Fall müsse mit einem globalen Meeresspiegelanstieg im Jahr 2100 von etwa einem Meter gerechnet werden. Da das Abschmelzen der Eispanzer von Grönland und der Antarktis schwer vorhersagbar seien, könne es aber auch schneller gehen. Dann könnte der Meeresspiegel bis 2100 um bis zu zwei Meter steigen.

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